Vier Thesen zu Antisemitismus
  20-12-2002 20:21
Autore : Max Brym
 
 
  Vier Thesen zum Antisemitismusstreit
Versuch einer Entblödung

 
     
  Versuch einer Entblödung

Auf unzähligen Internetseiten sowie bei vielen Demonstrationen und Kundgebungen tobt der Antisemitismusstreit. Dabei geht es in den seltensten Fällen sauber und korrekt ab. Hier muß jedoch ernsthaft festgehalten werden: Der Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft hat einige Linke eingefangen. Andere hingegen benützen den Vorwurf des Antisemitismus geradezu inflationär. Dadurch nehmen sie dem Antisemitismus objektiv seinen barbarischen Inhalt. Denn wenn alles antisemitisch ist, ist der Antisemitismus gar nicht mehr so schlimm. Es ist deshalb neuerlich an der Zeit einige Eckpunkte für die Debatte vorzulegen. Hier wird der zugegebenermaßen arrogante Versuch gestartet, eine Enblödung einzuleiten.


4. Thesen zu Antisemitismus Philosemitismus und Zionismus

1. Der Antisemitismus ist in Deutschland eine reale Gefahr.
Alle Umfragen neueren Datums belegen eine dramatische Zunahme antisemitischer Grundeinstellungen, in weiten Teilen der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Dieser Antisemitismus kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Ein Roland Koch in Hessen versuchte seine Schwarzgeldaffärre mit verstorbenen jüdischen Spendern abzutun. Jetzt hat er in einer Debatte im hessischen Landtag die Besitzenden in der BRD mit den Opfern der Schoa verglichen. Diese Ungeheuerlichkeiten bedienten mehrere Grundbedürfnisse der deutschen Antisemiten. Zuerst werden die Juden im allgemeinen mit Geld in Verbindung gebracht und im nächsten Schritt, mit seinem Vergleich, bezüglich der deutschen Vermögenden die Schoa relativiert. Das trifft sich mit dem Vorhaben, großer Teile der politischen Kaste aus dem Schatten der Geschichte herauszutreten.Die zustandegekommene bundesdeutsche Normalität machte es möglich, dass der Literat Martin Walser in seinem Roman "Tod eines Kritikers" ungeschminkt eine literarische antisemitische Tötungsphantasie zu Papier bringen konnte. Ein Möllemann griff Michel Friedman mit dem Vorwurf an durch seine arrogante Art den Antisemitismus zu fördern. Ergo die Juden sind selber am Antisemitismus schuld. Ein Herr Karsli gab vorher der rechtsradikalen Jungen Freiheit ein Interview indem er von einer mächtigen weltweitoperierenden zionistischen Lobby sprach. Diese hätte auch den ehem. US-Präsidenten Clinton manipuliert. Damit bediente Karsli den Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Alle wesentlichen Bausteine des antisemitischen Wahns werden hierzulande aus der Mitte der Gesellschaft reaktiviert.


2.These.: Die Linke und der Antisemitismus

Viele bundesdeutsche Linke ignorieren den Antisemitismus in Deutschland. Ihr Hauptgegner ist der Zionismus und der ihn stützende US-Imperialismus. Ihre Vorstellungen vom Zionismus sind äußerst nebulös. Normalerweise bezeichnen Sie den Zionismus als Rassismus, oder gar als Faschismus. Damit erklären sie im nachhinein Albert Einstein, Martin Buber, Berl Katznelson und Ben Gurion zu Faschisten. Dabei werden sie von Pseudohistorikern wie Herrn Elam argumentativ abgefedert. Jener erklärte anläßlich der "Palästinatage" in München (November 02.) Ben Gurion zum Nazikollaborateur. Genau besehen hat diese Linke keinerlei historische Kenntnisse und absolut keinen Realitätsbezug. Ihre Kenntnisse über den Zionismus erschöpfen sich darin, irgendwelche Juden hinter dem Zionismus zu vermuten. Aktuell geht es ihnen darum, nur dem Staat Israel die Existenzberechtigung abzusprechen. Die unverschämten Kraftausdrücke gegen Israel und den Zionismus sucht man vergebens, wenn über andere Staaten wie Saudi-Arabien den Irak oder Syrien gesprochen wird. Statt vor der eigenen Haustüre zu kehren und den Antisemitismus hierzulande zu bekämpfen ist diese Linke selbst latent antisemitisch.


3. These: Die ordinären rechten Antisemiten

In Deutschland gibt es von Ausnahmen abgesehen, keine selbsterklärten Antisemiten. Jeder halbwegs kluge Faschist bezeichnet sich als Antizionist. Ihren antisemitischen Wahn leben sie unter dieser Parole aus. Dabei stützen sie sich auf den immer lauter vorgetragenen Antisemitismus aus der bürgerlichen Mitte. Sie treten körperlich gegen Juden und Ausländer in Aktion. Besonders scheint ihnen die Schändung jüdischer Grabstätten und von Gedenkstätten am Herzen zu liegen. Wenn sie publizieren und argumentieren befleißigen sie sich einer antikapitalistischen Phraseologie. Diese verbindet den Begriff Kapitalismus einfach mit einer anonymen Geldmacht hinter der die Juden stehen. Hier haben viele Linke im Rahmen der Globalisierungsdebatte eine offene Flanke. In vielen linken Publikationen ist von einem transnationalen spekulativen Finanzkapital die Rede. Diese Definition des Kapitalismus bietet den Rechten die Chance zu intervenieren. Sie versuchen zunehmend an linken Debatten teilzunehmen, um die Verworrenheit für eine rotbraune Querfront zu nützen. Der Antizionismus vieler Linker kommt ihnen hierbei entgegen.


4. These: Der Philosemitismus ist eine Falle

Ein Teil der deutschen Linken ist philosemitisch. Jede Kritik am Staat Israel wird als antisemitisch gebrandmarkt. Dabei wird übersehen, dass die israelische Gesellschaft äußerst differenziert ist. Es gibt eine israelische Rechte, eine bürgerliche Mitte und eine israelische Linke. Der Streit über den politischen Weg ist in der israelischen Gesellschaft angelegt und zugelassen. Eine Kritik an einer bestimmten israelischen Regierungspolitik ist völlig legitim. Dadurch das diese deutsche Linke jede Kritik am Staat Israel als antisemitisch bezeichnen, verkennen sie den pluralen Charakter der israelischen Gesellschaft. Zudem bedeutet ein beliebiger Umgang mit dem Begriff Antisemitismus, dass letztendlich ungewollt der Antisemitismus in seiner menschenverachtenden Brutalität relativiert wird. Eine philosemitische Haltung befördert nicht den Kampf gegen den Antisemitismus, sondern beschädigt diesen notwendigen Kampf. Denn, intellektuell ist der Philosemitismus mit dem Antisemitismus vergleichbar. Beide gehen von den Juden als abstraktem Ganzen aus. Für den Antisemiten ist der Jude schlecht und verachtenswert. Für den Philosemiten hingegen gut und liebenswert. Das führt in der Realität zu völlig unterschiedlichen Folgen, ist aber ideologisch gleichzusetzen. Beide Ideologien ignorieren den konkreten Menschen und konstruieren aufgrund der Abstammung bestimmte Verhaltensmuster. Beides hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Dennoch ist der Philosemitismus der sogenannten antideutschen Linken wesentlich sympathischer als der Antisemitismus vieler in Deutschland.

Max Brym
Freier Journalist

80799 München
 
     
   
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  schwarz/weiss 2002-12-20 23:33  
die obige analyse ist sicher zutreffend.
aber es gibt auch noch andere leute, die versuchen nicht in diese sackgassen zu geraten.
ich bin der meinung, dass man ueber antisemitismus reden muss, d.h. man muss auch anhand von antisemitischen aeusserungen darlegen koennen, wie und wann und warum etwas antisemitisch ist.
manchmal habe ich den eindruck, dass die ganze antisemitismus debatte vorallem aufzeigt, wie schwierig es heutzutage geworden ist, eindeutig partei zu ergreifen. der ganze nahostkonflikt steuert auf eine eskalation zu, die weltweite folgen haben kann.
islamistische fundamentalisten sind eine reale gefahr und auserdem extrem antisemitisch.
die israelische regierung fuehrt krieg gegen die moslemische zivilbevoelkerung.
die amis mischen ueberall mit, mit dem ziel an die erdoelvorraete zu kommen.
andererseits ist uns saddam hussein auch nicht gerade sympatisch.
und erst das islamische mullahregime im iran, teil von bush´s boeser achse. ich meine, gut kann man die nun wirklich nicht finden. ich meine da hat sogar georgie nicht unrecht, wenn er die als boese beschreibt.

um eine haltung zu diesen umstaenden zu finden, ist viel diskussion noetig.
b/w
  utopia im Nahen Osten, 30er Jahre geschrieben 2002-12-24 14:43  
Ulrich von Beckerath has diese Ratschlaege geschrieben, auf English sind sie online (sehe unten) und auf Deutsch sind nur ein Paar Briefe abrufbar:  http://www.free.de/geld

Waermstens empfohlen. Das gleiche gilt besonders fuer saemtliche Regionen in Krise, solche die ohnehin schon aus purer Not sich schon in diese Richtung begeben haben. Beispiel:

 http://argentina.indymedia.org/news/2002/12/71714.php i hope there is time enough to . .
por piet • Monday December 23, 2002 at 01:14 PM

absorb all this and turn your back on politics as usual altogether in favor of a come back and revival of risk spreading! Political money keeping private ones honest and vica versa. It worked for hundreds of years before so why not again????

there are a number of texts from the 1930s at my site where they appear multicoloured:  http://poetpiet.tripod.com/guest_appearances/intro_to_currency_issues.htm

a more conventional and sober format is here:  http://www.chelseagreen.com/Money/EssentialReading.htm

In case this Url doesn't work, find it here:  http://members.lycos.nl/vadercats/Indymediasamples.htm

This must be a propitious time to autonomize ourselves in this 'free banking' and old fashioned way from times gone by because the Argentinian govt are practically forcing you all to do it and leaving you lots of time to study it too, so put some stuff in your head rather than beating or at least alongside beating empty pots and pans. The latter is turning horribly into a (self?) fullfilling vision of dread.

Alternatively, could you all post who owns presently stockpiled foodstuffs earmarked for export instead of feeding the starvlings at home.

Bill Gates is busy buying 'medicine' to kill people faster than aids can instead of reading aliveandwell.org and turning his attention to you people.


agregar comentarios
piet | Web: http://members.lycos.nl/vadercats/Deutsch.htm
  Monothema Nahost 2002-12-25 11:00  
Es ist immer wieder offensichtlich wie bei dieser Auseinandersetzung das Thema Nahost eine zentrale Rolle spielt.Dabei wird in keinster Weise irgenwelche einigermassen historische Analyse gemacht.Begriffe die in der Geschichte auftauchen werden also nicht in ihrem historischen und gesellschaftlichen Rahmen herausgerabeitet,sonderen zumeist in einem quasi ontologischen(ahistorischen) Kontext gestellt.Analysen werden dadurch häufig schon alleine dadurch "verfälscht".Man sollte also immer herausarbeiten wann Begriffe zum ersten Mal in der Geschichte auftauchten.Ein grosser Teil der Positionen die heute in den oppostionellen Strömungen (auch im Wissenschaftsapparat) zirkulieren würden dadurch automatisch hinfällig werden. So werden z.B. auch die verschiedenen Ideologien nicht in ihrem historischen Kontext verstanden und herausgearbeitet.Es wird also,als Beispiel, nicht die unterschiedlichen Strömungen des Zionismus (Linkszionismus wie Rechtszionismus ),Antizionismus(bzw. die Gründe für eine Gegnerschaft zum Zionismus) herausgearbeitet sondern zumeist nur Zerrbilder geliefert.Das Gleiche gilt auch für das Phänomen des Vernichtungswahns.(Antisemitismus-Misogynie-Rassismus).Schwere
,Zusammenhang,Wirkweise).
Wann und wie könnte sich dieser herausgebildet haben.(Siehe z.B. Michel Foucault "Überwachen und Strafen.",Carl Georg Zinn:"Kanonen und Pest.",desweiteren welche Rolle spielten dabei die eschatologieschen Bewegungen im sogennanten "Mittelalter".Welche Rolle hatten die Katharer und ihre Vernichtung.Die Entstehung der "Maschine".
Häufig wird auch ein heute erreichtes theoretisches Niveau in die Vergangenheit projeziert,Leute die die theoretische Entwicklung nicht mitmachten angegriffen.(Als Beispiel:War der Nationalstaat schon immer einfach nur reaktionär,oder hatte er auch einmal eine stabilisierende Funktion?Regulation,Gleichstellung.Auch wenn die Regulation immer mehr verfällt und in ihrem Verfall noch mal seine Klauen auszufährt).

Dabei ist offensichtlich,dass bei der Analyse und Kritik der Phänomene klare theoretische "Grundstrukturen" fehlen.Zu benennen ist hier:

1.)Was ist Antisemitismus.

2.)Wiederrum ein Mangel in der Möglichkeit zur Historisierung.(z.B. abstrakte Arbeit,Antisemitismus,Geschlechterverhältnis).
(Siehe oben).

3.)Das Fehlen eines Krisenbegriffs.

4.)Fetischkritik.
Zum ersten Punkt.
Zentral bei der antisemitischen Denkstruktur ist wohl das Auseinanderreissen von "Produktion" und "Spekulation".Dabei wird die Produktion als das "Gute" betrachtet die Spekulation als das "Böse".Desweiteren wird das abstrakte mit dem Jüdischen identifiziert.(und bei den Philosmemiten findet dabei häufig eine Affirmation statt,im Gegensatz zu den Antisemiten).(Dies gilt transnational und global).

Zum Dritten.
Staaten können nicht "alleine" existieren.Sie sind immer auf eine Verbindung mit anderen Nationalstaaten angewiesen.Dies gilt auch für Israel.(Die Fluchtburg für die Juden.Wenn das die "Wirkung"/Funktion Israels ist,seit Grüdung dieses Staates)Die Krise wirkt überall!!Ganze Staaten,nein Kontinente brechen weg.(Die sogenannte state capacity ist in eingigen afrikanischen Ländern um bis zu 96% gesunken).Die Prozesse der Desintegration greifen überall an.(Defacto beseitigung des Rentensystems in GB ist ein weiteres Beispiel).Zerrüttungsprozesse auch im Nahosten.(Seit zwei Jahren exisiert in der Türkei wohl keine Mittelklasse mehr).Die Palästinenser sind BANKROTT.(und wenn das ein Staat werden soll dann wohl eine "Ausgabe" zwischen Ägypten und Ruanda!!Das Zeitalter der Staatsgründungen ist abgelaufen.Israel wird wohl in den nächsten 10 bis 15 Jahren auf argentisches Niveau abfallen.(Übrigens auch die USA hat wohl eine gigantische Verschuldung angehäuft.Zählt man mal die Verschuldung des Staates,das Handelsdefizit und auch die verschuldung der privaten Haushalte zusammen.Dies alle befördert und bewirkt den Antisemitimus(Vernichtungskoller,Amok)!!Israel kann dabei genauso zu Atombombe greifen,wie die umliegenden Araber in einem zusammengebrochenem Israel ein Pogrom veranstalten können.

 http://www.giga.or.at/others/krisis/r-kurz_himmelfahrt-des-geldes_krisis16-17_1995.html

 http://www.giga.or.at/others/krisis/r-kurz_antisemitismus_krisis16-17_1995.html

Zum vierten Punkt.

Die Geschichte ist ein Geschichte von Fetischverhältnissen.Der Wertfetisch ist einer davon.Das ganze hat auch immer eine subjektlose Dimension.

Texte:

Das beste was wohl zu dieser Thematik geschrieben wurde von J.Glatz.Auch wenn er einen grossen Bogen um die Ideologien und ihre Historisierung macht:

 http://members.blackbox.net/oebgdk/msp/02-1_israel-palaestina.html

Leicht verständliche Zusammenfassung der Krisenprozesse desselben Autors:

 http://members.blackbox.net/oebgdk/msp/02-2_beule-nicht-pest.html

Amok als ein nicht mehr systembildender Vernichtungswahn:

 http://members.blackbox.net/oebgdk/msp/02-3_amok.html

Krisis immer Krisis-Hier Argentinien es könnten auch Türkei,Israel oder USA sein.

 http://members.blackbox.net/oebgdk/msp/02-3_argentinien.html

Was ist "Wissenschaftlichkeit":

 http://www.giga.or.at/others/krisis/c-p-ortlieb_bewusstlose-objektivitaet_krisis21-22_1998.pdf

Interessant vor allem die Texte von Schandl,Jappe und Kurz:

 http://members.chello.at/hedwig.glatz/streifzuege/str__texte2.html

Eine interessante Aufarbeitung was ist Imperialismus heute?
Wohl eine sehr zentrale Bucherneuerscheinung!(für sämtliche Strömungen)
(Meine KRitik am Autor: Kurz sollte nicht versuchen Antideutschtum und Antizionismus aneinanderzuklatschen("versöhnen")sondern beides Auflösen! und zu einer Post-und oder Nichtzionistischen Position unter Einschluss der Problematik des Antisemitismus(oder allgemeiner-Vernichtungswahns) kommen.
Ach :Heidegger ist wichtig und zentral!!!(Für alle neueren Ansätze,Ebenfalls Foucault und Deleuze).Dies gilt auch für die Wertkritik.

 http://www.giga.or.at/others/krisis/buch_r-kurz_weltordnungskrieg.html

Eine Materialreiche Zusammenfassung der Geschichte des Kapitalismus:

 http://www.eichborn.de/2/vd.asp?d=lp0491

Geschlecht und Kapitalismus:

 http://www.giga.or.at/others/krisis/r-scholz_geschlecht-des-kapitalismus-auszug_1999.pdf

Arbeitskritik:

 http://www.giga.or.at/others/krisis/e-lohoff_arbeitsterror-und-arbeitskritik.html

 http://www.giga.or.at/others/krisis/n-trenkle_terror-der-arbeit.html

"Arbeit Zeit und Soziale Determination":
Grundlegende Schrift zur Erneurung der Gesellschaftskritik:
(Man sollte sich nicht stören lassen,dass das Buch in einem Verlag des Antideutschtums erschienen ist).
 http://www.isf-freiburg.org/ca-ira/postone_marx.htm

MfG
j_sk2