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Einleitung
Nachdem er seit Monaten durch Mexiko, die USA und Europa reist, um über die aktuellen Entwicklungen des Konfliktes in Chiapas zu berichten, kam Ernesto Ledesma, Mitbegründer von CAPISE, am 08.04.2008 in Freiburg an. CAPISE ist eine NGO, die seit Jahren die Strategie der Aufstandbekämpfung gegen die Zapatistas und andere indigene Gemeinden beobachtet, dokumentieret und analysiert. Der Grund für diese vollgepackte Rundreise ist das Schweigen der kommerziellen Medien hier wie dort über die sich täglich verschärfenden Situation in Chiapas.
Im Dezember hatte der Sprecher der EZLN, Subcomandante Marcos, angekündigt, die Comandancia der EZLN werde sich fürs erste zurückziehen, um sich auf den immer wahrscheinlicher erscheinenden Krieg hoher Intensität vorzubereiten. Seit 1994 versucht die mexikanische Regierung die Zapatisten mit einem Krieg sogenannter niedere Intensität zu bekämpfen: Repression, phsychologische Kriegsführung, Enteignung, Vertreibung und Spaltungen von Gemeinden. CAPISE erreichte ein Ansturm von Fragen aus aller Welt, die deutlich machten, dass das Ausmaß der Repression und die Zuspitzung des Konfliktes nicht bekannt sind.
Hintergrund
Laut Ernesto habe sich seit der Wahl von Felipe Calderón zum Präsidenten die Lage verschärft. Calderón wurde nicht von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt, ihm wird Wahlbetrug vorgeworfen. Ernesto erwähnte dabei, das die USA seiner Meinung nach Calderón maßgeblich unterstützt hatten (auch die Deutsch-Mexikanische Handelskammer unterstützte während des Wahlkampfes Calderón offiziell. Anm. d. Autorin). So stützt sich Calderón verstärkt auf das Militär, mehr, als jeder andere mexikanische Präsident zuvor. Chiapas ist seit Jahren militärisch besetzt. Dies verdeutlichte Ernesto anhand einer Karte, die die militärischen Stützpunkte auf indigenem Gebiet kennzeichneten. Mittlerweile hat sich jedoch die Qualität der Einheiten verändert, fast 90% davon sind Spezialeinheiten für Aufstandsbekämpfung.
     Aus den Briefen der Räte der guten Regierung an die KTS nach Übergabe von Soligeldern.
Strassen für Touristen – Strassen für Soldaten
Eine weitere Besorgnis erregende Entwicklung ist der massive Bau von Strassen, die alle durch indigenenes, zapatistisches Gebiet führen – in Richtung des Biosphärenreservats Montes Azules, reich an Biodiversität, Uran, Erdöl und vor allem Wasser, ein strategisches Gebiet nicht nur in den Augen der us-amerikanischen Botschaft, sondern auch der mexikanischen Regierung und vieler mexikanischer und internationaler Konzerne. Offiziell dienen diese Strassen dem Ausbau des Tourismus und der Förderung der ländlichen Entwicklung. Doch diese Strassen können ebenso für den Abtransport von Rohstoffen oder auch für schnelle Truppenbewegungen der Armee genutzt werden.
 Aus Ernestos Folien: Kartenausschnitt von Chiapas: Die roten Punkte sind zwei der zapatistischen Caracoles (Verwaltungssitze), die Rechtecke sind verschiedene Arten von Militärbasen, die roten Linien sind teilweise schon fertige, teilweise im Bau befindende Strassen durch indigenese, autonomes Gebiet führen in Richtung des Biosphärenreservat Montes Azules.
¡La tierra no se vende, ni se renta, a nadie!
Der Landkonflikt hat sich ebenfalls verschärft. Im Zuge des Aufstandes vom 1. Januar 1994 wiederbesetzte die EZLN viele Ländereien von Großgrundbesitzern, auf denen die indigene Bevölkerung vorher als TagelöhnerInnen meist unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeitete. Die Regierung versucht dieses Land mit allen Mitteln wieder zurückzubekommen.
Dabei wird beispielsweise der Naturschutz als Vorwand genommen, es werden Naturschutzzonen deklariert. Da die „wilde“ indigene Bevölkerung den Regenwald nur abholzt und somit Umwelt zerstört, muss die Regierung die indigenen Gemeinden natürlich vertreiben, um den Schutz des Ökosystems zu garantieren. Im Zuge des Ausbau des Tourismus, oft als Ökotourismus verpackt – turísmo light, wie Ernesto anmerkte – werden indigenen Gemeinden vor die Wahl gestellt, entweder ihr Land zu verkaufen und sich am Toursimusgeschäft zu beteiligen (wahrscheinlich als KellnerInnen, TaxifahrerInnen und Putzkräfte), oder sie verlassen ihr Land. Vor allem in der Region um die berühmten Wasserfälle von Agua Azul hat diese Entwicklung in den letzten Monaten dazu geführt, dass die zapatistischen Gemeinden physische Übergriffe und verschärfte Repression erfuhren. Doch die Zapatistas weigern sich zu gehen; beide Alternativen kommen für sie nicht in Frage, denn für sie gilt: „¡La tierra no se vende, ni se renta, a nadie!“ („Das Land kann weder verkauft noch verpachtet werden, und zwar an niemanden!“).
 Zurückerobertes Land unter Kontrolle der Unterstützungsbasen der EZLN
Bei den Übergriffen arbeitet meist die staatliche Polizei mit paramilitärischen Gruppen zusammen. Diese Paramilitärs sind ebenfalls Indigene, die nicht zapatistisch organisiert sind und von der Armee mit Geld, Kleidung und auch Waffen versorgt und militärisch ausgebildet werden. Staatliche Institutionen wie das Agrarministerium verteilen Landtitel für eigentlich zapatistisches Land an diese paramilitärischen Gruppen bzw. an ihre zivilen Organisationen. Da die Landknappheit in Chiapas äusserst virulent ist, bedarf es keiner weiteren Ausführungen, dass sich diese Problematik gut dazu eignet, indigene Gruppen und Bewegungen gegeneinander auszuspielen.
Dies ist Teil der Strategie des „Krieges niederer Intensität“. In den USA entwickelt, empfielt die Strategie zur Aufstandsbekämpfung Desinformation, Repression, eine diviede et impera-Politik und die Ausbildung von paramiltiärischen Gruppen. So kann bei einer Eskalation des „innerethnischen Konfliktes“ das Militär einschreiten, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Doch berichtete Ernesto, dass sich die Zapatistas nicht mit Gewalt wehren, obwohl physische Übergriffe, Feldverbrennungen und Vertreibungen gegen ihre Gemeinden in den letzten Monaten zunehmen. Im Gegenteil: die Autonomie soll weiter ausgebaut werden.
Solidarität Auf nationaler und internationaler Ebene werden Kampagnen in Solidarität mit den Zapatistas gestartet, eine davon wird im August nach Chiapas reisen. Dabei soll viel „Lärm“ gemacht werden, also internationale Öffentlichkeit erzeugt werden, um der mexikanischen Regierung klar zu machen, dass sie politische Kosten zu fürchten hätte, würde sie eine große militärische Offensive gegen die Zapatistas starten. Denn laut CAPISE mehren sich die Anzeichen dafür und Regierung und Armee versuchen gerade, herauszufinden, ob sie die zapatistische Bewegung endgültig besiegen können, ohne das von irgendwo eine Reaktion kommt.

weitere Veranstaltungen mit Ernsto Ernestos weitere Termine: 09.04.2008 19.00 Uhr: Berlin, Veranstaltungsraum im Mehringhof 10.04.2008 20.00 Uhr: Münster/Westfalen, Die Brücke 11.04.2008 19.00 Uhr: Hamburg, Werkstatt 3 12.04.2008 18.00 Uhr: Düsseldorf, InWent 29.04.2008 20.00 Uhr: Bern, Kino Reitschule 30.04.2008 19.30 Uhr: Genf, Maison des Associations, Sala Biko 01.05.2008 18.30 Uhr: Zürich, Kasernenareal, Glaspalast mehr Infos BZ-Interview vom 8. April 2008 zum Konflikt in Chiapas
Gelegenheit für aktuelle Infos aus erster Hand Die 28-jährige Studentin K.S. war ein halbes Jahr lang als Menschenrechts-Beobachterin im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Die angehende Ethnologin und Politologin setzt sich seit Jahren für die Anliegen und Probleme der indigenen Bevölkerung in Mexiko ein. Julia Littmann sprach mit ihr über ihr Engagement – und über einen Chiapas-Vortrag des Soziologen Ernesto Ledesma am heutigen Abend, den die Freiburgerin mitorganisiert hat.
BZ: Wieso setzen Sie sich für die Menschen im Bundesstaat Chiapas ein? K.S.: Ich war in Mexiko gereist und mir sind die Ideen der Zapatisten sehr sympathisch. Die setzen sich in Chiapas seit 1994 für die Rechte der indigenen Bevölkerung ein, das sind dort etwa 50 Prozent. Die Zapatisten fordern, was der indigenen Bevölkerung 500 Jahre lang vorenthalten wurde: zum Beispiel das Recht auf Arbeit, Wohnung, politische Teilhabe. Chiapas ist der ärmste Bundesstaat, obwohl er am reichsten mit Bodenschätzen ausgestattet ist. BZ: Was macht den Konflikt dort aus? K.S.: Die zapatistischen Gebiete in Chiapas stehen unter großem Druck. Zwar wurde 1996 ein Abkommen zwischen Zapatisten und der Regierung getroffen, das wurde aber bis heute nicht eingelöst – im Gegenteil: Westliche Freiwillige gehen wieder und wieder vor Ort, um Übergriffe durch das mexikanische Militär mit dem größten Pfand zu verhindern, also mit ihrer Staatsbürgerschaft. BZ: Heute abend erzählt Ernesto Ledesma von der aktuellen Lage in Chiapas… K.S.:…und bietet damit die ganz seltene Gelegenheit, sich von jemand höchst Sachkundigem sehr sehr aktuell berichten zu lassen, wie sich dort die Lage derzeit beunruhigend verschärft.
Chiapas-Vortrag von Ernesto Ledesma: Dienstag, 8. April, 19 Uhr, KTS, Baslerstraße 103.
Bisherige Berichte Autonomer Medienkollektive
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Ergænzungen
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