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G-8-Kritiker angeschossen
Das globalisierungskritische «Basislager» in Thun wurde von einem bewaffneten Angriff überschattet
stefan von below
Der Vorfall ereignete sich kurz nach Mitternacht in der Nacht auf Samstag: Als eine Gruppe von Besuchern des globalisierungskritischen «Basislagers» in Thun per Zug den Heimweg antreten wollte, wurde einer von ihnen, ein 17-jähriger Mann, von einem anderen Mann angeschossen. Gemäss einem Communiqué der Kantonspolizei begab sich das Opfer erst am Samstag gegen Abend in Spitalpflege: Er habe die Verletzung am Bein «erst später festgestellt». Laut der Polizei erlitt das Opfer einen Oberschenkeldurchschuss. Nach einer ambulanten Behandlung wurde der Mann wieder aus dem Spital entlassen.
Am Sonntag nahm die Kantonspolizei drei Tatverdächtige fest. Gestern Abend gestand schliesslich einer der Inhaftierten, «aus einer Faustfeuerwaffe mehrere ungezielte Schüsse» in Richtung einer Personengruppe abgegeben zu haben. Beim Täter handelt es sich um einen 26-jährigen Schweizer. Er habe sich «verfolgt und bedroht gefühlt», begründete er seine Tat. Weitere Angaben zum Täter und zum Hintergrund machte die Polizei nicht. Gemäss der von Linken und Autonomen betriebenen Internet-Nachrichtenplattform Indymedia war die Gruppe linker Aktivisten «von mehreren Neonazis verbal und tätlich angegriffen» worden. Einer der Neonazis sei «ausgerastet» und habe auf die Gruppe geschossen. Beim Schützen handle es sich vermutlich um einen bekannten Rechtsextremen aus Thun, der schon mehrmals im Gefängnis gesessen habe.
Demonstration am Sonntag
«Der Gemeinderat verurteilt jede Form von Gewalt aufs Schärfste - ob von rechts oder von links», sagte der Thuner Polizeivorsteher Heinz Leuenberger (sp) gestern dem «Bund». Man werde das Möglichste tun, um solche Vorfälle in Zukunft zu verhindern.
Abgesehen vom Vorfall in der Nacht auf Samstag sei das ganze «Basislager» friedlich verlaufen, sagte Leuenberger, auch die Spontandemonstration gestern Nachmittag durch die Thuner Innenstadt. Damit habe man gegen den Angriff protestieren und auf die Gewaltproblematik aufmerksam machen wollen, die oft totgeschwiegen werde, sagte einer der Teilnehmer. Er schätzte die Teilnehmerzahl auf 150 bis 200 Personen, während sie von der Stadt auf 120 Personen beziffert wurde. Der Gemeinderat habe die Demonstration «nicht bewilligt, aber toleriert», sagte Leuenberger - «sonst wäre es in Gewalt ausgeartet».
Ursprünglich hätte das «Basislager» im Schadaupark stattfinden sollen. Das tolerierte der Gemeinderat jedoch nicht: Durch ein grösseres Polizeiaufgebot liess er am Freitagabend verhindern, dass die rund 50 Aktivisten im Park ihre Zelte aufschlagen konnten («Bund» vom Samstag). Daraufhin wichen diese in eine alte, abbruchreife Fabrikhalle im Selveareal aus. Diesen Standort hatte der Gemeinderat zwar ebenfalls nicht explizit bewilligt, aber auf Zusehen hin toleriert.
Gedacht war das «Basislager» laut den Organisatoren als «politische und kulturelle Veranstaltung», bei der nebst der Globalisierung auch lokale Themen wie der Mangel an autonomen Freiräumen sowie die Drogen- und Wegweisungspolitik der Stadt Thun zur Sprache kommen sollten. Auf dem Programm standen ein Konzert am Freitag- und eine Filmvorführung am Samstagabend, wobei je rund 100 Personen teilnahmen. Mit einer satirischen Aktion in der Thuner Innenstadt nahm eine Gruppe von Teilnehmern am Samstagnachmittag die angebliche Konsumwut aufs Korn.
Schlauchbootfahrt verschoben
Als Abschluss des «Basislagers» hätte gestern Nachmittag unter dem Motto «G-8 abschiffen» eine von der Anti-WTO-Koordination organisierte Schlauchbootfahrt auf der Aare von Thun nach Bern stattfinden sollen. Diese wurde jedoch wegen der ungünstigen Witterung auf den kommenden Samstag, 16. Juli, verschoben.
Berner Zeitung:
Verletzter nach einer Schiesserei
Ein Teilnehmer des «Anti-G8-Basiscamps» wurde am Freitag beim Bahnhof Thun angeschossen. Drei Männer sind in Haft. Als Reaktion auf die Schiesserei gab es am Sonntag eine unbewilligte, aber friedliche Demo.
Ganz ohne Zwischenfälle im Umfeld des «Anti-G-8-Camps» in Thun ist das Wochenende doch nicht vorbeigegangen: In der Nacht von Freitag auf Samstag ist beim Bahnhof ein Teilnehmer angeschossen worden. Der 17-Jährige wurde erst am Samstagabend ins Spital gebracht, wie die Polizei gestern in einer Pressemitteilung schrieb.
Drei Männer in Haft
Zeugen sprechen davon, dass der Jugendliche unter Schock gestanden sei und das Spital aus diesem Grund nicht früher aufgesucht habe. Der von den Demonstranten eingesetzte Vermittler, der anonym bleiben wollte, erklärte: «Das Opfer befindet sich bereits wieder zu Hause.» Über die Art der Verletzung konnte er allerdings keine Angaben machen. Jürg Mosimann von der Pressestelle der Kantonspolizei ergänzte auf Anfrage: «Weshalb es zu dieser Schiesserei kam, ist derzeit Gegenstand der Abklärungen. Die Ermittlungen dauern noch weiter an.» Drei Männer befinden sich in Polizeihaft und werden verhört.
Demo als Reaktion
Als Reaktion auf den Vorfall organisierte das «Basiscamp» für Sonntagnachmittag eine spontane Demonstration: Rund 120 meist schwarz Gekleidete marschierten vom Bahnhofplatz aus unter den aufmerksamen Augen der Polizei der Aare entlang in Richtung Rex-Kreisel und über den Rathausplatz zurück zum Bahnhof. Auf einem Transparent verurteilen sie die Gewalt «von rechts». Wie die Stadt gestern per Communiqué mitteilte, war der Demozug nicht bewilligt, wurde aber toleriert.
Die Demonstration verlief wie die restlichen Aktivitäten im Umfeld des dreitägigen «Camps» friedlich (vgl. auch die Ausgabe vom Samstag). Dies nicht zuletzt dank der einvernehmlichen Zusammenarbeit zwischen den linken G-8-Aktivisten und den Stadtbehörden unter der Leitung von Gemeinderat Heinz Leuenberger: «Der von den Demonstranten gestellte Vermittler verpflichtete sich, dass die Aktion friedlich ablaufen muss. Wir sind froh, dass sich die Beteiligten daran gehalten haben,» erklärte er nach der Demo.
Gleichzeitig verurteilt der Polizeivorsteher den Vorfall von Freitagnacht: «Die Polizei wird weiterhin vehement gegen linke und rechte Gewalt einschreiten.»
Die Polizei sucht Zeugen
Die Kantonspolizei in Thun ersucht Zeugen oder Personen, die zur Schiesserei von der Nacht von Freitag auf Samstag sachdienliche Angaben machen können, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Silvan Gertsch
Zeugen melden sich bei der Kantonspolizei (Telefon 033 227 61 11).