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Kalt, bitterkalt. Sechs Stunden kein Essen, sechs Stunden kein Trinken. Die Polizei kommuniziert nur mit Knüppel, Wasserwerfer, Tränengas, Gummigeschossen und Knallschockpetarden. Selbst Verletzte dürfen nur nach langen Verhandlungen raus. 1081 neue Gründe gegen das WEF.
Kurz vor 16 Uhr rollt der Zug in Landquart an. Entschlossen zur Tat steigen einige Vermummte aus und setzen sich auf die Gleise. Die Einen wollen dennoch nach Sargans, wo drei Cars festgehalten werden, die Anderen warten auf die Demoteilnehmenden aus Davos, die dort von der Polizei in Schach gehalten werden. Bereits hat die Polizei selbst die Bahn blockiert und schliesst ein Kreis um das Areal, hinter ihr Basler und Bündner Hools, die sich ursprünglich in die Demo in Chur einreihen wollten. Viele anwesende TouristInnen laufen aus dem Kessel, viele andere Zugfahrende wagen es nicht vor Angst, von den Faschos angegriffen zu werden. Der Kessel wird immer enger. Beim Schlusslichtwagen angelangt, besteigen Polizeigrenadiere um 17 Uhr 30 den Zug und knüppeln alle Verbliebenen raus. Eine Uniform wirft eine Tränengaspetarde in die Zugskomposition. In Panik geraten, rennt ein junger Mann heraus und hält sich den Kopf. Er ist getroffen worden, und eine Sani-Frau versorgt seine Wunde, doch bereits rücken welsche Polizeigrenadiere Schilder klopfend vor und prügeln wahllos mit Füssen, Schildern und Schlagstöcken auf alle ein, die sich auf ihrem Weg befinden. Auf panische Fluchtversuche reagiert die Polizei mit massivem Pfefferspray-Einsatz. Der einzige Fluchtweg über die Geleise wird mit Tränengas und Schockgranaten unter heftigen Beschuss genommen. Immer wieder Gummischrotsalven. Keuchend, hustend, sich die Augen reibend oder gar sich übergebend kommen die Gejagten auf dem Bahnhofplatz an. Epileptische Anfälle können beobachtet werden. Trotz beissender Kälte spritzen Wasserwerfer auf die Leute. Es sind mindestens Zürcher, Genfer, Tessiner, Bündner und Deutsche PolizistInnen da. Einige posieren für ein Erinnerungsfoto. Erste Durchsage per Lautsprecher um 18 Uhr: ?Bitte verhalten Sie sich ruhig. Wenn nicht, muss die Polizei Zwangsmassnahmen ergreifen?. Immer wieder Wasserwerfer. Eine verletzte Sani-Frau versucht, für sich medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen und wird vor laufender TeleZüri-Kamera zurückgedrängt. Sie besorgt sich selbst die Ambulanz und wird dann endlich durchgelassen. Sie wurde bei der Räumaktion absichtlich von PolizistInnen am Kopf geschlagen, weil sie ein rotes Kreuz am Arm trug, und wird in den nächsten Tagen durch den Computertomograph müssen. Seitdem die Polizei JournalistInnen aufgefordert hat, den Platz zu verlassen, sind die Verbleibenden die HeldInnen. Noch vor ein paar Stunden wurden sie mit Eisschneeschollen beworfen. Die wenigen Militanten auf dem Platz haben inzwischen gemerkt, dass ihr Mackern hier nix nützt, und entledigen sich nun ihrer Kappen und Brillen, die sie auf Bäume hängen. Solidarische Stimmung auf dem Platz, ein Lagerfeuer wird entfacht. Der Befehl, es wieder zu löschen. Gegen 19 Uhr ist das Kontrollprozedere organisiert: Wie Vieh stehen die Leute an, um in Fünfergruppen zu einem ersten Platz abgeführt zu werden. Dort müssen sie ihre Kappen abziehen. Sie erhalten je einen Beamten zugeteilt, der sie zum zweiten Posten führt. Anhand ihres Ausweises hres Ausweises werden sie dort registriert. Beim dritten Posten müssen sie Jacke und Schal ausziehen. Sie werden abgetastet und ihre Effekten durchsucht: Willkürliche Beschlagnahmen, ohne Quittung und nachvollziehbaren Kriterien. Schliesslich werden die ?Lieben? am Gleisrand und dann in die Unterführung gesammelt, wo sie warten müssen, um in den Zug nach Zürich gepfercht zu werden, auch wenn sie zum Beispiel in Chur oder gar Landquart wohnen. Die angeblich Bösen werden ? aus welcher Kontrollstufe auch immer herausgerissen ? mit Plastikriemen oder Seile versehen und in die Untergrundgarage und Ladenlokalen der benachbarten Coop gebracht, wo sie genauer untersucht und befragt werden. Auch sie kommen in die Züge, die in Begleitung der Polizei Richtung Unterland fahren. Das Prozedere ist durchrationalisiert, die Polizei achtet genauestens darauf, dass niemand zurück kann, sobald er/sie eine Stufe passiert hat. Die Letzten fahren per Extrazug um 23 Uhr 15 in Richtung Zürich. Dort angekommen habenViele ihre Anschlüsse schon verpasst. 1081 Personen wurden letzten Samstag unfreiwillige ZeugInnen der grössten, öffentlich gefeierten Massenfichage der Schweizer Geschichte. Als schlimmstes Erlebnis wird von allen die Demütigung geschildert, stundenlang in der Hoffnung anstehen zu müssen, möglichst bald dranzukommen, um sich endlich der beissenden Kälte zu entziehen. Die gesamte Linke, nicht nur die radikale, hat in Landquart versagt. Nach der Demo in Chur wurden die Leute sich selbst überlassen, und eine kleine Gruppe übernahm das Kommando. Die parlamentarische Linke distanzierte sich kurz später pauschalisierend von den in Landquart Eingeschlossenen, die grösstenteils so schwarz gar nicht waren. Der Widerstand gegen das WEF ist zum Arbenzschen Ritual verkommen. Leidtragende sind unsere gemeinsame Inhalte. |
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zeit zum nachdenken. zeit zum energie auftanken.
zeit für geduld.
zeit für linke selbstkritik.
zeit für alles.
genossInnen brauchen alles andere als permanente ohnmachtserlebnisse.