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Zur Vorbemerkung: Dieser Text wurde verfasst und besprochen, bevor die Stellungnahme des revolutionären 1. Mai Bündnis Bern veröffentlicht wurde. Ob und inwiefern deren Beitrag dem von uns erhofften Resultat entspricht wurde noch nicht diskutiert.
Wir haben uns zu dieser Stellungnahme als Gruppe der Reitschule entschieden, da wir leider befürchten, dass die Reitschule eine öffentliche Stellungnahme zu diesen Vorwürfen ablehnen wird, wir es jedoch als wichtig erachten auch öffentlich zu einer solchen Kritik Stellung zu beziehen. Ausserdem kann die Reitschule, selbst wenn sie auf diese Diskussion eingeht, aufgrund ihrer Grösse nicht innerhalb von drei bis vier Tagen eine Stellungnahme veröffentlichen, die von der gesamten Basis abgesegnet wurde.
Auch innerhalb unserer eigenen Gruppe haben das Plakat und die darauf folgenden Reaktionen starke Diskussionen hervorgerufen, die nicht abschliessend geklärt sind, weshalb der nachfolgende Text auch nur einen Minimalkonsens unsererseits darstellt.
Als erstes möchten wir klarstellen, dass es sich beim Revolutionären 1. Mai Bündnis Bern um ein Bündnis aus Einzelpersonen handelt, welches eine eigenständige Gruppe darstellt, die organisatorisch nichts mit der Reitschule oder einzelnen Reitschulegruppen zu tun hat. Weder sind die Reitschule oder einzelne Reitschulegruppen an den Sitzungen des Bündnis vertreten, noch hatte die Reitschule in irgendeiner Weise Anteil an den Entscheidungen dieses Bündnisses. Dies schliesst insbesondere die graphische Gestaltung der Flyer und Plakate mit ein. Die einzigen Zusammenhänge zwischen der Reitschule und dem revolutionären 1. Mai Bündnis Bern sind die Tatsachen, dass die Plakate und Flyer tatsächlich in der Druckerei der Reitschule gedruckt wurden, dass das Fest nach der Kundgebung auf dem Vorplatz der Reitschule stattfinden wird und dass ein Transparent an der Fassade der Reitschule auf dieses Ereigniss hinweist. Zu diesen Verknüpfungen ist folgendes festzuhalten: Die Druckerei der Reitschule entscheidet autonom, welche Aufträge sie annimmt und welche sie ablehnt. Nach welchen Kriterien die Druckerei ihre Aufträge prüft ist uns nicht bekannt. Über das Fest, welches auf dem Vorplatz stattfinden soll, wurde die Reitschule bloss informiert. Zu keinem Zeitpunkt wurde die Reitschule gefragt, ob sie mit dem Fest in der geplanten Form auch tatsächlich einverstanden ist. Auch das Transparent wurde – wie auch andere – nicht von der Reitschule besprochen und abgesegnet.
Zu der Kritik selbst: Wir sind davon überzeugt, dass hinter der Gestaltung und Verbreitung dieses Plakates keine antisemitischen Absichten stehen. Allerdings teilen wir die Ansicht der autonomen Antifa Freiburg zur Problematik des gewählten Bildes in einigen Punkten. Wie sie in ihrem offenen Brief bereits ausführlich dargelegt haben, lässt sich die Bildsprache dieses Plakats für geschichtskundige Menschen problemlos antisemitisch auslegen. Darüber hinaus ist, wie ebenfalls bereits erläutert, klar, dass dieses Motiv in verschiedener Form häufig von Nationalsozialist_innen verwendet wurde, um jüdische Menschen zu diskreditieren und dämonisieren. Darüber inwiefern sich das Motiv des Marionettenspielers überhaupt auf die kapitalistische Gesellschaft anwenden lässt, gehen unsere Meinungen stark auseinander. Keine_r, welche_r den historischen Hintergrund dieser Darstellung nicht kennt, würde im konkreten Beispiel antisemitische Klischees erkennen. Dennoch ist es bedenklich, wenn in linken Zusammenhängen nationalsozialistisch geprägte Stereotypen und Darstellungsformen reproduziert werden. Eine Diskussion wieso so etwas geschehen konnte und worauf dies zurückzuführen ist, sollte geführt werden.
Der wirklich bedenkliche Faktor in dieser Thematik ist jedoch nicht, dass ein solcher Unfall geschehen konnte, sondern wie darauf reagiert wurde. In diesem Zusammenhang kann auch der autonomen Antifa Freiburg ein Vorwurf gemacht werden. Nicht die Tatsache, dass sie dieses Plakat kritisieren oder dass sie diese Kritik öffentlich machen ist dabei zu kritisieren, sondern die Art und Weise wie dies gemacht wurde. Dadurch, dass sie diese Kritik öffentlich machten, bevor das revolutionäre 1. Mai Bündnis Bern Zeit hatte auf die Hinweise zur Problematik ihrer Darstellung zu reagieren und von sich auf das Bild und seinen Kontext richtigzustellen, wurde diese Gruppe in eine Defensivposition gedrängt und ihnen verunmöglicht offensiv und von sich aus dieses Thema aufzugreifen. Dasselbe Problem stellt sich für die Reitschule. Die Reitschule als Gesamtes wurde erstmals auf Indymedia dazu aufgefordert, zu diesem Problem Stellung zu beziehen. Dies bevor kritische Reitschüler_innen die Möglichkeit hatten dieses Thema in der Reitschule zur Sprache zu bringen (auch reitschuleintern gab und gibt es Menschen, welche dieses Plakat kritisieren). Auch gewissen Exponent_innen des revolutionären 1. Mai Bündnis Bern müssen mindestens so grosse Vorwürfe gemacht werden ( ob und wie viel massivere, darüber gehen unsere Meinungen stark auseinander). Auf die Problematik des von ihnen gewählten Bildes angesprochen, reagierten fast alle Angesprochenen ablehnend. Nahezu unisono war die erste Reaktion: „Wer in diesem Plakat antisemitische Tendenzen sieht hat selbst ein Problem mit Antisemitismus.“ Weit und breit war nichts zu spüren von der oft beschworenen kritischen Linken. Die häufigere Reaktion war, wie bereits angedeutet, ein klassisches „shoot the Messenger“. Eine Person schreckte selbst vor der Androhung von Gewalt nicht zurück. Es bleibt nur zu hoffen, dass es sich dabei um eine unrühmliche Ausnahme handelt.
Ansonsten hoffen wir, dass dieser erste Abwehrreflex überwunden werden kann und eine kritische und auch selbstkritische Diskussion über nationalsozialistische Symbolik zustandekommt. Ebenfalls erwarten wir, dass das revolutionäre 1. Mai Bündnis Bern öffentlich zu dieser Problematik Stellung bezieht und die kritisierten Plakate nicht unkommentiert weiterverwendet. Auf dass wir solche Probleme als Chance nutzen können uns selbst zu verbessern, denn leider sind wir offensichtlich noch nicht einfach so bereit für eine bessere Welt.
18.04.2010
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