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Die wirtschaftlichen Sachzwänge veranlassen nicht nur die Regierungen zu ziemlich überstürzten Aktionen wie dem Milliardenpaket für die Banken, sondern bringen auch Rektorate unter Zugzwang zum Abbau von Fächer. Besonders schmerzhaft ist dies, wenn es kritische Fächer wie die Soziologie trifft, während die Lehrstühle der (ständig) krisenverursachenden Fächer wie der BWL noch darüber entscheiden! Nach der WiSo-Fakultät (Wirtschaft- und Sozialwissenschaften) sollen die Studiengänge der Soziologie, Medienwissenschaften und der Politologie ab dem neuen Semester in einer Hauruckübung zusammengelegt werden. Damit könnte bei den Fächern Geld gespart werden, doch weder die Studierenden noch die Lehrpersonen der Soziologie haben daran Freude, denn dies ist gleichbedeutend mit einem weiteren schleichenden Bildungsabbau. In der Soziologie sind seit zwei Jahren zwei von insgesamt drei Lehrstühlen unbesetzt (der Lehrstuhl für Sozialstrukturanalyse ist im Übrigen seit dessen Schaffung vakant) und mit der Salamitaktik des Rektorates wird es immer schwieriger Lehrpersonen zu finden, die sich auf die Anstellung eines sterbenden Betriebes einlassen wollen. Zudem wäre es dringend notwendig gewesen, dass die nun fehlenden Lehrpersonen bei der Einführung und Umsetzung des nun wohl kommenden SoWi-Bachelors hätten opponieren können. Aus Frust und Protest reichte nun Claudia Honegger, die letzte Professorin ihre Kündigung ein, während die Studierenden auf die Strasse gehen. Doch die Angelegenheit ist noch nicht gegessen...
Die Soziologie in Bern in Bedrängnis
Die Situation, in der sich die Soziologie heute befindet ist nicht (alleine) Produkt der neusten Bestrebungen einen SoWi-Bachelor einzuführen. Bereits vor zwei Jahren geriet die Soziologie in Bedrängnis, denn wenn es nach der Unileitung gegangen wäre, hätte man die Soziologie zugunsten einer Stärkung der Politikwissenschaft abgeschafft und nach Fribourg ausgelagert. Anzumerken ist hier, dass die Uni Fribourg von den Plänen der Berner nicht wussten und es auch ausserordentlich fraglich gewesen wäre, wie die Fribourger die ganzen Berner Studierenden hätten aufnehmen sollen. Ausserdem wird in Fribourg kein Bachelor Soziologie als solcher angeboten und es hätten sich wahrscheinlich für Viele weitere Barrieren aufgetan: Sociologie en francais.
Bereits damals war die Informationspolitik der Unileitung bemerkenswert, die Studierenden und im Übrigen auch die Dozierenden erfuhren aus den Medien von den Plänen der Unileitung. Bereits damals sollte die Soziologie dem Diktat der Wirtschaftlichkeit zum Opfer fallen. Die soziologische Forschung sei nicht rentabel. Wie Rentabilität in der Forschung definiert wird, muss dabei offen bleiben.
Das Schliessungsvorhaben wurde auf verschiedenen Wegen bekämpft und die Fakultät sprach sich schliesslich für den Erhalt der Soziologie aus; Ein Fach, welches an einer Volluniversität nicht fehlen darf.
Aber dennoch keine Ruhe - die Lehrstuhlproblematik
Der Soziologie wurde vor geraumer Zeit ein dritter Lehrstuhl zugesprochen. Es sollte ein Lehrstuhl für "Sozialstrukturanalyse und Gesellschaftsvergleich" geschaffen werden. Dieser wurde aber bis heute nicht besetzt. Noch während dem ersten Berufungsverfahren für den dritten Lehrstuhl wurde über die Abschaffung der Soziologie debatiert, was dem Vorhaben der Besetzung eines Lehrstuhles kaum zuträglich sein kann. Der Lehrstuhl blieb dann auch vakant und ist es bis heute noch. Kurze Zeit nach dem Scheitern der Besetzung des Sozialstrukturlehrstuhles stand dann auch schon die nächste Vakanz an. Der Lehrstuhlinhaber für "empirische Sozialforschung" ist dem Ruf nach Deutschland gefolgt und in Bern wurde damit ein weiterer Lehrstuhl vakant, der ebenfalls bis heute nicht besetzt ist. Die Berufungsverfahren für die beiden vakanten Lehrstühle sind nach wie vor im Gange. Wobei sich die Besetzung mit der Einführung des BA-SoWi und der damit verbundenen Marginalisierung der Soziologie kaum einfacher gestalten dürfte.
Aus Frust und Protest reichte nun Claudia Honegger, die letzte Professorin ihre Kündigung ein. Damit sind dann, wenn die anderen beiden Lehrstühle nicht schnell besetzt werden, sämtliche Lehrstühle der Soziologie vakant. Warum dann die Soziologie nicht gleich abschaffen? denkt sich da möglicherweise die Unileitung.
Abwägen von Dringlichkeiten
Während mit der dringend notwendigen Besetzung der Lehrstühle zugewartet wird, wird im Schnellverfahren ein neuer Studiengang kreiert, der die Studiengänge Soziologie, Politikwissenschaft und Medienwissenschaft in ein Gesamtpaket ohne Profil zusammenfügen soll. Dieses Vorhaben stösst, wie am Mittwoch bei einer Demonstration gezeigt wurde, auf breiten Widerstand.
"Nachdem die Einführung des geplanten Bachelor in Arts of Social Sciences (BA SoWi) durch internes Geplänkel zwischen den Stockwerken am Lerchenweg [die Institute der Soz, Polito und Medien] mehrmals verzögert wurde, ist die Geduld des Rektors offenbar am Ende. Per Ultimatum wurde festgelegt, dass es ab dem Herbstsemester 2009 nur noch einen Bachelor am Departement für Sozialwissenschaften geben wird. Um diese Frist einhalten, und das Angebot erhalten zu können, arbeiten fast alle Beteiligten unter Hochdruck an dem bereits seit 2004 in der Schublade liegenden Entwurf eines neuen Reglements mit passendem Studienplan".
Das neue Reglement erweist sich aus der Sicht der Studierenden in diversen Punkten als mangelhaft. Die Soziologie ist ein weiteres mal in Bedrängnis. Denn nach den Abschaffungswünschen von vor zwei Jahren, "(...) wird das Studium der Soziologie verhältnismässig stärker dem der Politologie angeglichen als umgekehrt". Konkret bedeutet dies, dass auf BA-Stufe nur noch Proseminare und Vorlesungen angeboten werden sollen und keine Seminare mehr, wie dies bis anhin in der Soziologie üblich war. Gerade Seminare haben in Bern zu einem Studiengang in Soziologie beigetragen, der trotz der Bologna-Einführung und der damit einhergehenden Verschulung und der Einschränkung der Wahlfreiheit, ein attraktiver Studiengang war und auch noch ist. Dem soll mit dem SoWi Bachelor ein Ende gesetzt werden.
Interessant ist ausserdem die Tatsache, dass der Studienplan am 31. August 09 in Kraft treten soll bzw. wird und damit die Studierenden die ihr Studium kommendes Semester beginnen in den neuen BA-SoWi überführt werden. "Faktisch würden so angehende SoziologInnen und PolitologInnen um den Titel betrogen, der ihnen bei Anmeldung in Aussicht gestellt wurde. Die Unileitung ist jedoch gewillt dies in Kauf zu nehmen, zumal die rechtlichen Vorgaben erfüllt seien".
Aktionen
An einer Demonstration, zu der die Fachschaft Soziologie aufgerufen hat, nahmen am Mittwoch rund 300 Personen teil. Die Forderungen, die vakanten Professuren zu besetzten, bevor über einen neuen Studiengang diskutiert wird, sowie die Forderung nach Mitspracherecht für die Studierenden wurden von der Uni Tobler zum Hauptgebäude getragen. Beim Hauptgebäude wurden diverse Reden gehalten. Auch dem Rektor wurde das Mikrofon für sein Statement überlassen, danach machte er sich aus dem Staub.
Für Donnerstag war schliesslich die Fakultätssitzung angesagt, an der das Traktandum BA-SoWi, sowie die Änderung des RSL (Reglement über die Studiengänge und Leistungsnachweise) diskutiert und schliesslich abgesegnet werden sollten. Eine Gruppe von rund 30 Personen besetzten jedoch die Fakultätssitzung und erreichten damit, dass der Dekan (Vorsitzender der Fakultät) eine schriftliche Zusicherung machte, dass die beiden Traktanden an dieser Sitzung nicht behandelt werden. Daraufhin zogen sich die BesetzerInnen zurück. Die AuS (Aktion ungehorsamer Studierender) wollte mit der Besetzung den Beschluss zur Einführung des Ba-SoWi verhindern, da dies wohl die letzte Möglichkeit gewesen wäre, diesen durchzuwinken und nächstes Semester einzuführen. Die Aktion kann durchaus als Erfolg gewertet werden, auch wenn nun die Fakultät einen Weg gefunden hat, wie sie ihr Plan möglicherweise doch noch dieses Semester erreichen können. Es wird keine eine erneute Fakultätssitzung angesetzt, die Angst vor einer weiteren Störung dürfte wohl zu gross sein, sondern nun wird im Zirkularverfahren über den Ba-SoWi abgestimmt. Eine Variante der Fakultät ohne zusammen zu kommen Geschäfte zu beschliessen, in dem per E-mail einen Beschluss gefasst wird.
Infos der Fachschaft Soz
Zum BA-SoWi Standpunkte der Fachschaft Soziologie Aktionen etc.
AuS besetzt Fakultätssitzung AuS am Unifest
Diverse Medienbericht
Inteview mit Claudia Honegger (2) eher schlechter Bund-Artikel zur Demo "Tolgge" auf dem Festgewand video: Rektor Würgler flüchtet vor Professorin :) Bund online: Besetzung der Fakultätssitzung
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Gebt auf, ihr seid die Zukunft!