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Einen Monat vor dem Euro-Start kommt es bei Fussballspielen in den beiden Austragungsstätten Bern und Basel zu wüsten Ausschreitungen. Wer ein Euro-Ticket hat, macht sich Sorgen.
Martin Jäggi: Ich bedaure diese Vorfälle. Meisterschaftsspiele wie jene von letzter Woche sind aber nicht mit Spielen von Nationalmannschaften vergleichbar.
Wieso?
Bei der Euro sind die Sicherheitsmassnahmen wesentlich umfangreicher als bei Meisterschaftsspielen. Es stehen auch viel mehr Polizisten und private Sicherheitsleute im Einsatz.
Was heisst das konkret: Sind doppelt so viele Polizisten vor Ort?
Das hängt davon ab, ob es sich um Spiele mit besonders auffälligen Fangruppen handelt. In der Schweiz gibt es keine Spiele mit erhöhtem Risiko. Die genaue Zahl der eingesetzten Polizeikräfte geben wir nicht bekannt. Es ist allerdings ein Vielfaches davon wie beispielsweise bei einer Uefa-Cup-Begegnung zwischen einer englischen Mannschaft und dem FC Basel. Hingegen müssen wir enorme Fanmassen bewältigen, welche die Nationalmannschaften von Holland, Frankreich, Italien und der Türkei jeweils zu ihren Spielen anziehen.
Warum soll ein Fan der Nationalmannschaft per se friedlicher sein als ein Supporter einer Clubmannschaft?
Das Publikum ist anders. Bei Länderspielen ist der Anteil von Frauen und Familien grösser als bei Clubspielen. Das wirkt gewalthemmend. Ausländische Hooligans werden über ein System von vier Filtern von den Spielen ferngehalten. Sie erhalten keine Tickets. In ihren Heimatländern gilt eine Ausreisesperre, für die Schweiz eine Einreisesperre. Schliesslich suchen Szenenkenner aus den Teilnehmerländern in der Schweiz nach Hooligans, die durch die Maschen des Sicherheitsnetzes gefallen sind. In der Schweiz haben wir die Möglichkeit, Stadion- und Rayonverbote auszusprechen. In den Stadien gilt – im Unterschied zu Meisterschaftsspielen – ein Alkoholverbot. Wer zum Stadion will, muss zwei Kontrollringe passieren. Ohne Tickets kommt dort niemand durch.
Die Sicherheitskontrollen mögen noch so rigoros sein. Die Vorfälle zeigen, dass man trotzdem Feuerwerkskörper ins Stadion schmuggeln kann.
Wie diese Gegenstände ins Basler Stadion kamen, wird derzeit abgeklärt. Die totale Kontrolle gibt es nicht, aber die Wahrscheinlichkeit, dass unerlaubt Objekte ins Stadion gelangen, ist an der Euro wesentlich kleiner. Ab Mitte Mai gehen die Fussball-Stadien in Bern, Basel, Genf und Zürich in die Verantwortung des Euro-Veranstalters Uefa über. Die Kontrollen der Uefa werden rigoroser sein als in der Schweizer Meisterschaft.
Garantieren Sie, dass es Ausschreitungen wie in Basel und Bern an den Euro-Spielen nicht geben wird?
Absolute Sicherheit kann ich nicht garantieren. Aber mit grosser Wahrscheinlichkeit werden wir an der Euro keine solchen Bilder sehen. Das zeigt auch die Erfahrung von früheren grossen Turnieren wie der Weltmeisterschaft 06 in Deutschland. Dort ist in den Stadien nichts Gravierendes passiert.
Viele Fans werden aber die Spiele ausserhalb den Stadien, in den Innenstädten verfolgen. Wie steht es dort um die Sicherheit?
Hier muss man unterscheiden. In den Public-Viewing-Zonen ist die Sicherheit dank Absperrung und Eintrittskontrollen relativ gut gewährleistet. Hingegen kann die Polizei die Zugänge vom Bahnhof zu den Fan-Zonen nicht lückenlos kontrollieren. Dort besteht ein Restrisiko. Die Polizeikräfte sind aber darauf vorbereitet.
Wie?
Wir wenden die 3-D-Strategie an: Mittels Dialog Präsenz markieren, damit keine Gefahrenherde auftauchen. Wenn es trotzdem brenzlig wird, versuchen die Polizisten deeskalierend einzugreifen. Wenn dies nicht hilft, gilt es durchzugreifen, das heisst die Störenfriede aus der Masse der friedlichen Fans nehmen.
Die Polizei wird also an den Spieltagen auch in den Innenstädten mit einem grossen Aufgebot präsent sein?
Nicht nur an den Spieltagen, sondern während der ganzen Euro. Dazu stehen Polizisten aus allen kantonalen Korps im Einsatz. In Basel, Genf und Zürich helfen zusätzlich Polizisten aus Deutschland und Frankreich aus.
In den Stadien kommen die Fans der beiden Mannschaften in unterschiedliche Sektoren. In den Innenstädten ist diese Aufteilung hingegen nicht möglich. Da sind doch Zusammenstösse unvermeidlich.
Die Aufteilung ist tatsächlich nicht möglich. Da aber die grosse Masse der Fans friedlich ist, bietet dies einen gewissen Schutz gegen Zusammenstösse. Potenzielle Störenfriede haben gar keinen Boden, um aktiv zu werden. Die Situation ist absolut nicht zu vergleichen mit einem Antifa-Abendspaziergang durch die Berner Innenstadt.
Was können die Schweizer Stadionbetreiber tun, um die Sicherheit bei Meisterschaftsspielen zu verbessern?
Dazu möchte ich mich nicht äussern. Aber das Thema wird nach den Vorfällen wieder aufs Tapet kommen.
Zur Person: Martin Jäggi ist Kommandant der Solothurner Kantonspolizei. Während der Euro 08 ist er für die Sicherheit zuständig.
aus dem Bund vom 06.05.2008 |
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