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12. April, am Üetliberg. Eine Traube gut gelaunter, schräg und bunt verkleideter junger Frauen und Männer strömt mit Sekt und Gettoblaster in den Rohbau der werdenden Siedlung Frauentalweg. Die Immobilienfirma Livit lädt zum öffentlichen Besichtigungstermin. Es ist zugleich die Premiere der Zürcher «Fette-Mieten-Party», wobei das Wort «Party» etwas beschönigend ist: Der trashige Stilmix der ungebetenen Gäste ist zwar schrill und lustig, doch die Leute sind nicht (nur) zum Vergnügen hier. Immobilienspekulation und Mieten, die in keinem Verhältnis zu den Lebenskosten von durchschnittlichen Lohnbezügerinnen und-bezügern explodieren, stehen hier zur Debatte. Diese Diskussion anzuregen und die öffentliche Hand unter Druck zu setzen, ist das erklärte Ziel des Stadtlabors, einer Gruppe von jungen Frauen und Männern, die Alternativen und Hintergründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung thematisiert.
Verkäufer lächelt säuerlich
Doch dafür interessieren sich die Vermieter der neuen Luxuswohnungen kaum. Die Damen und Herren im kleinen Schwarzen respektive im dunklen Anzug mit Prospekten unterm Arm reagieren zunächst verwundert und etwas belustigt auf die Truppe. Einer der Verkäufer lächelt säuerlich und fragt, wer hier die Verantwortung habe. «Hier hat niemand die Verantwortung», lautet die freundliche Auskunft einer extravaganten Betonlockenperücke mit schwarzer Sonnenbrille, die den Korken knallen lässt: «Dürfen wir Ihnen ein Gläschen Sekt anbieten?» Die Livit-Vertretung lehnt ab, während Stadtlaborantinnen und -laboranten anderen Besuchern Flyer verteilen und diese über Wohnungsnot und Zürcher Mietzinspreise informieren. Irgendwann verbieten die Immobilienverkäufer den Partygästen den Zutritt zum Gelände und rufen die Polizei, diese soll die unbewilligte Demonstration auflösen. Doch das Völkchen verschwindet von selbst.
22. April, Treffpunkt Central. Die zweite «Fette-Mieten-Party» steigt. Rund 40 Ulknudeln machen diesmal mit - deutlich mehr als beim ersten Mal. Einige parodieren (klein-)bürgerliche Modewelten, einige erscheinen im Banker-Look. Man verteilt Luftballons, setzt sich Narrenkappen auf, schlingt Papierschlangen um den Hals. Wieder steht ein vereinbarter Besichtigungstermin mit einem Hausbesitzer an: Herr Buhmann hat dem Kanton ein Haus für 5 Millionen Franken abgekauft und will die Wohnungen nun für 5000 Franken vermieten. Jemand ruft noch schnell denBesitzer per Handy an: «Grüezi, Herr Buhmann, wir sind jetzt da. Ich habe Ihnen ja bereits gesagt, dass ich mit ein paar Kollegen komme, wir sind nun ein paar Leute mehr.» Das mache nichts, die Tür sei offen, sagt der 71-jährige Mann. Doch dann trifft ihn fast der Schlag. Damit habe er nicht gerechnet, sagt er verdattert. Ein Stadtlaborant versucht ihn zu beruhigen («Wir bleiben nicht lange») und bietet ihm ein Glas Sekt an. Herr Buhmann will nicht, schüttelt den Kopf und kann es nicht fassen. Er will die Polizei rufen, doch der Akku seines Handys ist leer.
Die Street-Parade-Karneval-Mischung zieht sich nach einer Viertelstunde zurück, auch diesmal ohne Abfall oder sonst Unerfreuliches zurückzulassen.
Keine Beschädigungen bitte!
Es gehe dem Stadtlabor nicht um Klamauk, sagt einer der Initianten. Keine Beschädigungen, kein Schmutz, lautet auch die Instruktion an alle Teilnehmer. Wenn ein Vermieter partout niemanden rein lassen wolle, müsse man das respektieren. In Zukunft sollen die Partys während öffentlicher Besichtigungstermine stattfinden, weil es rechtlich unproblematischer sei.
Dritte Party ist geplant
Wann die dritte Party steigt, ist ungewiss. Der Termin wird kurzfristig in entsprechenden Kreisen kommuniziert. Das Stadtlabor hofft auf mehr Teilnehmer, denn die Aktion soll wachsen und weite Kreise ziehen - bis nach Basel oder Genf: beides Städte mit bedenklich steigenden Mieten.
www.stadt-wohnen.ch, dort auf stadt-labor klicken.
BILDER RETO OESCHGER
Ab gehts zur Spontanparty: Die von der Wohnungsverwaltung wundern sich zwar, aber Feste muss man feiern, wie sie fallen . . .
Quelle: Tages-Anzeiger, 24.04.2008 |
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