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 :: Friedrichshafen Antifa Gegendemo in der WoZ ::
 Themen | Antifaschismus 14-10-2005 11:59
AutorIn : WoZ-Abo
. Mal eine nichtbürgerliche JournalistInnen-Sicht auf die Realität...
.
.
Wochenzeitung WoZ 13.10.05

RECHTSEXTREME - In Friedrichshafen am Bodensee wollten Neonazis gegen Polizeiwillkür protestieren - ganz Friedrichshafen protestierte gegen Neonazis.
Vielleicht zum letzten Mal

Von Bettina Dyttrich

Im fernen Osten liegt ein See. Man vergisst ihn auf Schweizer Seite gern. In Zürich ist er schon fast nicht mehr wahr. Früher gab es an seinen Ufern viele Fabriken, und er war dreckig. Heute ist er sauber, die Fabriken sind weg und ein grosser Teil der Leute auch: An Rorschach, Arbon, Romanshorn haftet ein Verliererimage. Nur wenige kennen die Vorzüge des verlorenen Sees.

Der Romanshorner Hafen am letzten Samstag: Früher wurden hier ganze Züge nach Deutschland verschifft. Heute stehen auf der Fähre nach Friedrichshafen ein paar Autos, Velos, alte Frauen und schwarz gekleidete Gestalten. Es geht hinaus durch die enge Hafeneinfahrt in den offenen See. Das Ufer verschwindet im goldenen Dunst. Nirgends in der Schweiz ist das Meer so nah wie hier. Bei Stürmen entwickeln die Wassermassen eine durchaus meerische Wucht. Aber heute leuchtet es von oben und unten blau, und es würde einen nicht wundern, wenn Delfine aus den Wellen sprängen.

Auch heimatverbundenen Deutschen gefällt der Bodensee. Der «Schutzbund für das Deutsche Volk» (SDV) charterte am 13. August ein Schiff von Überlingen nach Bregenz, anschliessend stand ein Ausflug auf den Aussichtsberg Pfänder auf dem Programm. Der SDV setzt sich ein für die «Erhaltung der ethnischen und kulturellen Eigenart des deutschen Volkes» und will dafür sorgen, dass «die deutsche Familie» genug Kinder bekommt. Am Ausflug nahmen unter anderem der rechtsextreme Liedermacher Frank Rennicke und der NPD-Vorsitzende Udo Voigt teil. In den Häfen protestierten linke AktivistInnen mit Parolen und Wasserpistolen.

Während sich die Altnazis zum fröhlichen Singen trafen, ging es bei der jüngeren Generation rabiater zu. Am 20. August kam es bei einer als Geburtstagsfest getarnten Naziparty in Überlingen zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Diese feuerte Warnschüsse ab. Am gleichen Tag wurde an einer anderen Party in Wangen rechtsextremes Propagandamaterial aller Art beschlagnahmt. Die süddeutschen Rechtsextremen waren ziemlich sauer auf die Polizei. Und mobilisierten für den 8. Oktober nach Friedrichshafen zu einer Demonstration mit ziemlich linksradikalen Parolen: «Demonstration statt Repression - Polizeiwillkür stoppen - Dorfsheriffs aushebeln». Verschiedene süddeutsche Antifa-Gruppen riefen zum Protest gegen den Protest auf, und auch ein Bündnis aus Gewerkschaften, Kirchen und Parteien - von den Grünen bis zur CDU - reichte ein Demogesuch ein.

Nach 45 Minuten läuft die Fähre in Friedrichshafen ein. Auf der Mole stehen Angler. Die deutschen Grenzwächter sortieren die Passagiere nach dem Lehrbuch: Wer Schwarz trägt, muss zur Durchsuchung ins Zollgebäude, alle anderen dürfen aussteigen. Zeppelinmuseum, Fussgängerzone und grosszügige Grünanlagen locken TouristInnen an. Hier hat der Bodensee ein anderes Image: Was für die Schweiz der vergessene Nordosten ist, ist für Deutschland der reiche Süden, die florierende Riviera.

AktivistInnen der Antifa Ravensburg haben in der Fussgängerzone einen Infostand aufgebaut. Es gibt Vegiburger für einen Euro. Linke DemonstrantInnen sind aus Konstanz, Bregenz, St. Gallen und Bern angereist. Während das Parteienbündnis durch die Innenstadt zieht, wartet auf dem Bahnhofplatz ein bunter Haufen, um die Neonazis unfreundlich zu empfangen. Als Redner angekündigt sind diverse süddeutsche Nazigrössen: von Hartmut Wostupatsch, der bereits seit 25 Jahren braunes Gedankengut verbreitet, bis zu den Jungnazis Alexander Hohensee, Jahrgang 1986 («Ich bin kein Faschist, ich bin ein Nationalsozialist»), und Philipp Hasselbach, Jahrgang 1987. Das Bewilligungsgesuch eingereicht hat Hayo Klettenhofer, ehemaliger Kader der Kameradschaft Süd. Das ist die Gruppe, die vor zwei Jahren ein Bombenattentat an der Grundsteinlegung des jüdischen Zentrums in München plante. Seit einigen Jahren organisiert sich die deutsche Naziszene gern in informellen, dezentral organisierten «Kameradschaften». Bei Problemen wird einfach eine neue Gruppe gegründet - die heute aktive nennt sich «Freier Widerstand Süddeutschland».

Um 13 Uhr, als die Demonstration starten soll, sind nur einige dutzend Rechtsextreme auf dem Platz - auf der anderen Seite der Polizeisperre stehen zehnmal mehr GegendemonstrantInnen. Punks und Autonome, aber auch Gymnasiastinnen, Althippies, Gewerkschafter, türkische Secondas, Russen, Familienmütter. Die «Schwäbische Zeitung» und der «Südkurier» werden am Montag die «aufrechten» DemonstrantInnen von der Parteiendemo den «linken Protestlern und Gewälttätern» auf dem Bahnhofplatz gegenüberstellen wie zwei Welten - dass auch auf dem Bahnhofplatz in vorderster Reihe Fahnen der Gewerkschaften IG Metall und Verdi flattern, haben sie wohl übersehen. Auch fünfzigjährige Damen brüllen «Nazis raus». «Wenn es keinen Protest gäbe, kämen tausend Rechte, auch viele Mitläufer», sagt ein älterer Mann, der kommunistische Broschüren verkauft. «So wagt sich nur der harte Kern her. Darum ist es wichtig, dass wir hier sind.»

Gegen 14 Uhr eskortiert die Polizei den Lautsprecherwagen der Rechten ins Areal. Sie sind inzwischen etwa 150. Auffällig ist, wie immer mehr linke Symbole übernommen werden: Die Transparente sehen aus wie an einer Autonomendemo. Das Logo der Antifaschistischen Aktion - eine schwarze und eine rote Fahne - wird überschrieben mit «Nationale Sozialisten - Bundesweite Aktion». Aus den Lautsprechern dröhnen neben Rechtsrock auch ein Lied von den Ärzten und sogar eines von Ton Steine Scherben - eine eindeutiger linke deutsche Band gibt es wohl gar nicht. Und einige Demonstranten schwingen Attac-Fahnen. Ob als Provokation oder weil sie Attac gut finden, bleibt unklar.

Nach einer kurzen Schlacht mit Eiern, Äpfeln und Flaschen zieht die Nazidemo los, durch eine Nebenstrasse, geschützt von PolizistInnen. Die GegendemonstrantInnen versuchen sie zu stören, kommen aber nicht an sie heran. Dafür bekommen sie immer wieder positive Reaktionen von AnwohnerInnen. Sogar Lebensmittel werden ihnen zugesteckt, fast wie in Italien. Eine alte Frau beobachtet den Aufmarsch von weitem. «Wenn die wüssten, wie es damals war, würden sie nicht demonstrieren», sagt sie zu ihrem Mann. Vielleicht zum ersten Mal seit 1945 marschieren wieder Nazis durch Friedrichshafen. Vielleicht auch zum letzten Mal. ·
 :: 4 Inhaltliche Ergänzungen : > Ergänze diesen Artikel
  WOZ
14.10.2005 13:40  
Die Wochenzeitung ist bestimmt keine bürgerliche Zeitung, was du oben behauptest.


AutorIn: WOZ-Leser
  Weitere Links
14.10.2005 16:21  


AutorIn: Antifa Freiburg
  das steht
14.10.2005 17:48  
nichtbürgerlich


AutorIn: besserwisser
  links gleich rechts?
14.10.2005 21:12  
Das mit den linken Symbolen ist mir auch aufgefallen. Wenn man nicht genau gewusst hätte, dass es eine Nazidemo ist, hätte man anhand der Symbole, Attac- Fahnen, Palestinenser- Tüchern und natürlich anhand der Musik auf eine linke Demo schliessen können. Das könnte teilweise Provokation sein, teilweise vieleicht auch um bewusst ein schlechtes Bild auf (bisher) linke Symbolik zu werfen. Dem 0815- Zeitungleser ist es im Endeffekt ziemlich egal ob die Chaoten auf dem Zeitungsfoto, die nach der Polizei treten (siehe Südkurier vom 10. Oktober) Rechte oder Linke sind. Der scheert das alles über einen Kamm. Alles radikal gleich alles scheiße.


AutorIn: der wo's hat gschriebn | Web:: http://nazis-versenken.de.tk
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