Startseite | Gemeinsame Startseite | Publizieren! | Feature Archiv | Newswire Archiv | Trasharchiv


Über Indymedia.ch/de
Indymedia-Café
Editorial Policy / Moderationskriterien
Über Sprache sprechen - Sexismus in der Sprache
Wie kann ich auf Indymedia.ch publizieren / Allgemeines zu Medienaktivismus
Kontakt
Wiki
Mailingliste
Medienaktivismus
Gedanken zu Provos & Fakes
Links









 
www.indymedia.org

Projekte
print
radio
satellite tv
video

Afrika
ambazonia
canarias
estrecho / madiaq
kenya
nigeria
south africa

Kanada
london, ontario
maritimes
montreal
ontario
ottawa
quebec
thunder bay
vancouver
victoria
windsor

Ostasien
burma
jakarta
japan
korea
manila
qc
saint-petersburg

Europa
abruzzo
alacant
andorra
antwerpen
armenia
athens
österreich
barcelona
belarus
belgium
belgrade
bristol
brussels
bulgaria
kalabrien
croatia
cyprus
emilia-romagna
estrecho / madiaq
euskal herria
galiza
deutschland
grenoble
hungary
ireland
istanbul
italy
la plana
liege
liguria
lille
linksunten
lombardia
london
madrid
malta
marseille
nantes
napoli
netherlands
nice
northern england
norway
nottingham
oost-vlaanderen
paris/île-de-france
patras
piemonte
poland
portugal
roma
romania
russia
sardinien
schottland
sverige
switzerland
thorn
toscana
toulouse
ukraine
großbritannien
valencia

Lateinamerika
argentina
bolivia
chiapas
chile
chile sur
brasilien
sucre
colombia
ecuador
mexico
peru
puerto rico
qollasuyu
rosario
santiago
tijuana
uruguay
valparaiso
venezuela

Ozeanien
aotearoa
brisbane
burma
darwin
jakarta
manila
melbourne
perth
qc
sydney

Südasien
india
mumbai

Vereinigte Staaten
arizona
arkansas
asheville
atlanta
austin
austin
baltimore
big muddy
binghamton
boston
buffalo
charlottesville
chicago
cleveland
colorado
columbus
dc
hawaii
houston
hudson mohawk
kansas city
la
madison
maine
miami
michigan
milwaukee
minneapolis/st. paul
new hampshire
new jersey
new mexico
new orleans
north carolina
north texas
nyc
oklahoma
philadelphia
pittsburgh
portland
richmond
rochester
rogue valley
saint louis
san diego
san francisco
san francisco bay area
santa barbara
santa cruz, ca
sarasota
seattle
tampa bay
tennessee
united states
urbana-champaign
vermont
western mass
worcester

Westasien
armenia
beirut
israel
palestine

Themen
biotech

Intern
fbi/legal updates
mailing lists
process & imc docs
tech
volunteer
 
 :: alle jahre wieder wef ::
 Themen | WEF | Anti-Kapitalismus/Globalisierung 05-12-2004 04:09
AutorIn : A
Narren auch die diesjährige mobilisierung gegen das wef (world economic forum) lässt nichts gutes erahnen. zwar liess das motto von gipfelblockade.net/no-wef.ch.vu "crack the wef" trotz seiner unklarheiten auf eine ablösung des wegen der konnotation zu vernichtung und auslöschung bei anderen unbeliebten slogans "wipe out wef" hoffen. solche utopischen träumereien wurden mit dem nicht auf indymedia.ch veröffentlichten video "gegen das WEF Treffen 2005" beendet.
Narren
Narren
dabei sind schreibfehler das zu vernachlässigende problem. um es vorweg zu nehmen: eine solch konsequente verkürzung von kapitalismus und unterdrückung war bisher in diesem kontext schwer zu finden, aber sicherlich auch schon vorhanden. aufgebaut ist das video als gerichtsinstanz, indem personen für vergehen schuldig gesprochen werden. auch dass dabei verfahrensfehler unterlaufen zu sein schein, was den noch-aussenminister der usa zu deren verteidigunsminister machen lässt, ist noch nicht das schlimmste. wenn diesem dann aber die handlung "Begann den Krieg gegen den Irak" und der UBS das attribut "Internationale Drehscheibe des Kapitalismus" zugeschrieben werden, sollte dringendst zur beendung jeglicher belebungsversuche eines widerstands gegen das wef-treffen gefunden werden. denn solche 'analysen' zeugen lediglich davon, dass die diskussionen um verkürzte kapitalismuskritik - wie hier im sinne der personifizierung und der fokussierung auf "finanzkapital" mustermässig praktiziert - komplett ignoriert wurden.
die wiederaufnahme des tribunal-szenarios stärkt zudem die konzepte der schuld und gerechtigkeitsinstanzen, läuft bemühungen gegen gefängnisse entgegen.

video:
 http://www.gipfelblockade.net/Gipfelblockade/Index.php?Site=News2&ID=180
 http://de.indymedia.org/2004/12/100689.shtml



des weiteren:


auf solch eine ohnmächtige entwicklung deutete in der vergangenheit schon das nicht ernst nehmen von bedenken gegenüber stalinistischen oder antisemitischen inhalten eizelner in verschiedenen bündnissen tätigen gruppen hin.


während das oltner bündnis sich noch durch eine fast leere website repräsentieren lässt, was noch nicht heisst, dass der staatsschutz mit seinen angeblichen erkenntnissen über dessen führung durch den revolutionären aufbau zürich richtig liegt ( http://www.admin.ch/ch/d/ff/2004/5011.pdf), lädt deren umfeld zu veranstaltungen. allerdings in deutschland, denn 'hierzulande' scheint es schwierig, noch was glaubwürdiges auf die beine zu stellen.
berlin: internationale kommunisten und rote autonome
 http://interkomm.so36.net/kampagnen/2005-01-06/infos.html
nürnberg: revolutionäre aktion und so
 http://www.nadir.org/nadir/initiativ/redside/oa/fbarchiv/natowef05.html


wieviele sich tatsächlich noch daran störten, dass nach dem letztjährigen event bürgerliche kräfte (wiedermal) erklärten, sie wollten die proteste für 2005 übernehmen, bleibt ungewiss. dass das nicht in einem seriösen ausmass geschehen ist, die gewerkschaften und sozialdemokratInnen sich so lumpen lassen mit ihrem einbindenden engagement, erlaubt es anderen nach einer basis suchenden, ihre pamphlete zu schreiben. dass sie damit wiedereinmal einige jahre zu spät kommen, wollen sie nicht merken.
andere gestalten raten in der zwischenzeit von einem absehen der fixierung des wef und vertreiben ihre zeit andersweitig; mit dem schlendern in den fluren von bibliotheken oder dem tanzen zu zerlegen von algorithmen.




lesetipps zu angesprochenem:


verkürzte kapitalismuskritik und antisemitismus:
- The Good and the Evil. Diskussionspapier der Roten Flora zu Antisemitismus:
 http://www.nadir.org/nadir/initiativ/roteflora/texte/antisemitismus.html
- Unterschied zwischen reaktionärem und emanzipatorischem Antikapitalismus
 http://antikapitalismus.createdollz.com
- Die Tücken des Finanzkapitals
 http://www.trend.infopartisan.net/trd1203/t111203.html
- gegen Antisemitismus und verkürzte Kapitalismuskritik
 http://www.opentheory.org/krakenkritik/text.phtml
- Stahlgewitter
 http://www.trend.infopartisan.net/trd1001/t271001.html
- Kapitalismus hat kein Gesicht
 http://ainfos.de/texte/gesicht.php
- Seattle '99, wedding party of the left and the right?
 http://www.savanne.ch/right-left-materials/seattle-marriage.html
- Campaign against the MAI potentially antisemitic
 http://www.savanne.ch/right-left-materials/Campaign-antisemitic.html

tribunal:
 http://www.lorraine.ch/genua/020806gipfelinfo.shtml
=> gegen gefängnisse:  http://www.anarchistblackcross.org/content/essays/against.html
 :: 11 Inhaltliche Ergänzungen : > Ergänze diesen Artikel
  .
05.12.2004 05:20  
Oh danke viel mal. Es könnte vielleicht doch mal wieder Zeit werden, die Bösen die Bösen und die Guten die Guten sein zu lassen um endlich mal wieder sich den wichtigen Dingen zuwenden zu können. Wie wärs mit einer Antiantiwefdemo?


AutorIn: .
05.12.2004 12:28  
lieber a - wer wie du einen so klaren und kritischen blick auf die post-linke und ihr alljährliches stelldichein am wef sein eigen nennt, der oder die sollte darauf eigentlich die konsequenzen ziehen und dem ganzen erbämlichen treiben den rücken zudrehen. die verkürzte kapitalismuskritik 8mit all ihren widerlichen folgeerscheinungen und nebengleisen) ist nicht ein irrläufer post-linker ideologie, sondern ist diese selber.


AutorIn: e.
  ein paar Sätze
05.12.2004 16:54  
zu Gipfelblockade:

 http://www.gipfelblockade.net/Gipfelblockade/Index.php?Site=Gipfelblockade
 http://www.gipfelblockade.net/Gipfelblockade/Downloads4.php?ID=5&Datei=Dateien/Dokumente/DateiHight.pdf

Naja die ganze Geschichte auf diesen Video und den Widerstadn gegen das WEF auf diese paar Informationen im Internet zu beschränken ist ja schon eher fraglich.
Ganz nebenbei Texte anzugreifen die inhaltlich Mängel aufweisen ist OK. Allerdings wäre doch eher eine direkte KOntaktaufnahme mit den Verfasser/innen eine gute Sache (wenn nicht passiert..). Allerdings Leute die andere wegen Ihrer Schreibfehler denunzieren, haben dies wohl gar nicht nötig. Ob dies die richtige Grundlage ist, liegt nicht an mir zu entscheiden.
Die ganze Sache mit der Kapitalismuskritik stimmt natürlich. ABer Sie birgt auch die Gefahr, alle Verantwortung des Menschen abzuschieben. Der Kapitalismus in seinen grundsätzlichen INhalten ist ja schuld.

Ich finde, die Leute die hier gross rumkritisieren sollen doch Ihre Inhalte und Texte selber erarbeiten und veröffentlichen und so diese Inhalte in die Mobilisierungen enifliessen lassen. Von alleine wird sich nichts ändern. Durch einen kritischen Beitrag auf Indy auch nicht viel mehr. leider

adios und danke für die Bemühungen des Schreibers. Ist zu einem gewissen Anteil sicherlich auch förderlich, sofern darauf aufgebaut wird......


AutorIn: Mensch
  @e
05.12.2004 18:22  
Was da nach Davos ziehen oder sonstwo gegen das WEF protestieren will, ist sicherlich nicht die "Postlinke", sondern das sind die sterblichen Überreste der Linken. Es ist eben diese Linke die es zu überwinden gelten würde, um postlink zu sein. Die Linke hat heute nichts mehr zu bieten, mit all ihrer Propaganda, verkürzten Kritiken, Hang zu Bürokratie (eine traditionelle Verwaltungsmanie) und ihrer absoluten Ablehnung von individueller Autonmie und ihrer Faszination für autoritäre Strukturen.

Ich finde, die Leute die Bedenken bezüglich des wohl letzten Protestganges gegen das WEF haben, sollten die ruhig äussern ohne einen Beitrag zu einer weiteren sinnlosen Moblisierung leisten zu müssen.
Dass die Bewegungsverwalterinnen (Blockadenetz und andere) dadurch ihr eigenes Treiben kritisch analysieren würden, erwartet kein Mensch, wirklich nicht.
Die institutionalisierte Insezenierung von Protest gegen das WEF ist nur ein weiteres Spektakel, das soziale Konflikte darstellen sollte (eine rein virtuelle Auseinandersetzung, die keinen Einfluss auf den Alltag der KonsumentInnen hat, ihnen jedoch eine weitere Identität anbietet) und indymedia soll pflichtbewusst dazu benutzt werden die Masse der Bilder zu ergänzen.
Und weshalb sollte ich eine Website anschauen, die Gipfelblockade heisst, obwohl dieses Jahr nicht die geringste Anstrengung unternehmen wird, den Gipfel wirklich zu Blockieren. Wenigstens wird mit der Auftaktdemo den Anhängern der "schwarze Block Taktik" ein Anlass geboten, sich ein weiteres mal zu treffen (konvergieren) und zu schauen was dieses Mal an Konfliktualität drinliegt.






  die diskussion ist doch nicht...
05.12.2004 20:32  
...wie wir das wef kritisieren, sondern wie wir die kritik den menschen schmackhaft näherbringen. die maschinerie läuft jedes mal gegen uns, weil wir ihnen gründe geben, gegen uns zu argumentieren. jede anwandlung von aggression wird einer APO doppelt übel genommen, d.h. wird schlimmer bewertet als die realen untaten der internationalen grosskapitalisten die sich am wef treffen.meine meinung: lasst sie schlafen, achtet darauf was geredet wird (live im internet und auf sf2), und entlarvt die "verlogenen lügen" der wef-teilnehmer. solange der widerstand ausbleibt, hat die schweizerisch/bündnerische politik probleme, ihre armeeeinsätze und sicherheitsdispotive, die an die 15 millionen franken kosten, zu rechtfertigen.
ruft auf zum widerstand, schürt paranoia soviel es geht, und lasst sie allein mit ihren gefühlen** ihre rechtfertigung schwindet mit dem nicht vorhanden sein von widerstand.... schlag den feind mit seinen eigenen waffen.....
mfg


AutorIn: oberst löli
05.12.2004 21:11  
He Löli, bist wirklich ein doofer Linker!

P.S.

Guy Debord:

Die Gesellschaft des Spektakels

Edition Nautilus
Hamburg, 1978
Vom Autor gebilligte Übersetzung aus dem französischen von Jean-Jacques Raspaud

Gegenwort an falsche Freunde
Im ’Figaro Litteraire’ vom 16. Dezember 1968 waren anläßlich der Verleihung des ’Sainte Beuve Preises’ an Frau Lucie Faure
folgende Zeilen zu lesen:
»Der Vorsitzende Fdgar Faure kam und beglückwünschte seine Gemahlin artig damit wurde bewiesen, daß Preisrichter 1968
immer noch zusammenkommen können, ohne daß randaliert wird Indessen hätte es zur Beanstandung und sogar zur Gewalt
kommen können, wenn die Preisrichter Guy Debord für sein Buch ’Die Gesellschaft des Spektakels’ preisgekrönt hätten, wie
sie es eine Zeitlang wollten. Als wilder Situationist konnte es Debord nicht akzeptieren, während einer Cocktailpartie der
Konsumgesellschaft von Bourgeois gefeiert zu werden. Davor hatte er seinen Verleger, Edmond Buchet, wie folgt gewarnt:
’Wie Sie sich denken können, bin ich radikal gegen alle Literaturpreise. Teilen Sie das also bitte den betreffenden Personen mit,
damit sie diesen Fehlgriff vermeiden. Ich muß sogar zugeben, daß ich, sollte ein so bedauernswerter Fall eintreten, vermutlich
nicht imstande wäre, die jüngeren Situationisten von Tätlichkeiten abzuhalten: sie würden bestimmt die Preisrichter angreifen,
die eine solche, von ihnen als eine Beleidigung empfundene Auszeichnung, verleihen.’«
Wie man sieht, Ist die Methode ganz klar und deren Ergebnisse überzeugend.
»Rekuperiert wird nur derjenige, der es will .« (Situationistische Internationale No. 12)
Vom gleichen Autor:
Gegen den Film, Filmskripte
Rapport über die Konstruktion von Situationen u.a., Flugschrift No. 23
Editoren Clara Diabolis, Geier Lust, Attila Eisenherz. Originaltitel "LA SOCIETE DU SPECTACLE", verlegt bei Edition Buchet-Chastel Paris
November 1967. Erste deutsche Ausgabe - neben Veröffentlichungen in Portugal, Italien, Grolßbritannien, Dänemark und den USA - erschien 1971
durch die ,Projektgruppe Gegengesellschaft’ Düsseldorf. Diese erste Publizität war in erster Linie die der speziellen deutschen Rückständigkeit, in
welcher sich gesellschaftlicher Tiefschlaf wie in keinem anderen Land als gemütsvolle Unschuld präsentiert, und erst in zweiter Linie ein publizistischer
Nachholbedarf. Durch die der ersten Übersetzung eigenen Mängel sah sich der Autor veranlaßt, das Erscheinen einer durch ihn autorisierten, dem
Original gerecht werdenden deutschsprachigen Übersetzung zu betreiben, was hiermit geschehen ist. Die geschichtliche Praxis ist es, die dieses Werk
den Ton finden ließ und die daher auch das letzte Wort über dieses Werk - das gänzlich ihr Werk selbst ist - haben wird.
Autorisierte Ausgabe Edition Nautilus Verlag Lutz Schulenburg Hassestr. 22-205 Hamburg 80
1. Auflage 1978 ISBN 3-921 523-36-2 Satz: Bärbel Skupch, Würzburg
Stillschweigende Voraussetzungen
1
»Debord gibt es gern zu, daß er bei der 221. gefunden hat, er habe genug gesagt; weiter, daß er niemals mehr sagen wollte, als
das, was genau in diesem Buch steht. Ihm ist es nur darauf angekommen, ’unermüdlich’ das zu beschreiben, was das
Spektakelist und wie es gestürzt werden kann. Daß "diese Idee sich in allen anderen bespiegelt", gerade das halten wir für das
Kennzeichen eines dialektischen Buches. Ein solches Buch braucht nicht ’voranzugehen’, wie eine staatliche Doktorarbeit über
Macchiavelli der Befriedigung der Prüfungskommision und der Erlangung des Doktortitels entgegenstrebt (und, wie Marx im
Nachwort zur 2. deutschen Auflage des ’Kapitals’ über die Art sagt, die als ’Darstellungsweise’ der dialektischen Methode
aufgefaßt werden kann, mag diese Spiegelung ,,aussehn, als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun"). ’Die
Gesellschaft des Spektakels’ macht keinen Hehl aus ihrem vorgefaßten a priori und versucht nicht, ihren Schluß aus einer
Fragestellung akademischer Art herzuleiten; dagegen wurde sie nur deshalb geschrieben, um das kohärente konkrete
Anwendungsgebiet einer These zu zeigen, die von einer Untersuchung herkommt, die die revolutionäre Kritik über den
modernen Kapitalismus machen konnte. Im wesentlichen ist es also unserer Meinung nach ein Buch, dem es an nichts außer an
einer oder mehreren Revolutionen fehlt - die unmöglich lange auf sich warten lassen können.«
»Wie man unsere Bücher nicht versteht« Situationistische Internationale Nr. 12
1. Kapitel
DIE VOLLENDETE TRENNUNG
"Aber freilich diese Zeit, welche das Bild der Sache, die Kopie dem Original, die Vorstellung der Wirklichkeit, den Schein dem
Wesen vorzieht ; denn heilig ist ihr nur die Illusion, profan aber die Wahrheit. Ja die Heiligkeit steigt in ihren Augen in
demselben Maße, als die Wahrheit ab- und die Illusion zunimmt, so daß der höchste Grad der Illusion für sie auch der höchste
Grad der Heiligkeitist."
Feuerbach (Das Wesen des Christentums, Vorrede zur zweiten Auflage.)
1. Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine
ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.
2. Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen in einen gemeinsamen Lauf, in dem
die Einheit dieses Lebens nicht wiederhergestellt werden kann. Die teilweise betrachtete Realität entfaltet sich in ihrer
eigenen allgemeinen Einheit als abgesondertePseudo-Welt, Objekt der bloßen Kontemplation. Die Spezialisierung der
Bilder der Welt findet sich vollendet in der autonom gewordenen Bildwelt wieder, in der sich das Verlogene selbst
belogen hat. Das Spektakel überhaupt ist als konkrete Verkehrung des Lebens, die eigenständige Bewegung des
Unlebendigen.
3. Das Spektakel stellt sich zugleich als die Gesellschaft selbst, als Teil der Gesellschaft und als Vereinigungsinstrument
dar. Als Teil der Gesellschaft ist das Spektakel ausdrücklich der Bereich, der jeden Blick und jedes Bewußtsein auf sich
zieht. Aufgrund dieser Tatsache, daß dieser Bereich abgetrennt ist, ist er der Ort des getäuschten Blicks und des falschen
Bewußtseins; und die Vereinigung, die es bewirkt, ist nichts anderes als eine offizielle Sprache der verallgemeinerten
Trennung.
4. Das Spektakel ist nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis
zwischen Personen.
5. Das Spektakel kann nicht als Übertreibung einer Welt des Schauens, als Produkt der Techniken der Massenverarbreitung
von Bildern begriffen werden. Es ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung. Es
ist eine Anschauung der Welt, die sich vergegenständlicht hat.
6. In seiner Totalität begriffen, ist das Spektakel zugleich das Ergebnis und die Zielsetzung der bestehenden
Produktionsweise. Es ist kein Zusatz zur wirklichen Welt, kein aufgesetzter Zierat. Es ist das Herz des Irrealismus der
realen Gesellschaft. In allen seinen besonderen Formen: Information oder Propaganda, Werbung oder unmittelbarer
Konsum von Zerstreuungen ist das Spektakel das gegenwärtige Modell des gesellschaftlich herrschenden Lebens. Es ist
die allgegenwärtige Behauptung der in der Produktion und ihrem korollären Konsum bereits getroffenenWahl. Form und
Inhalt des Spektakels sind identisch die vollständige Rechtfertigung der Bedingungen und der Ziele des bestehenden
Systems. Das Spektakel ist auch die ständige Gegenwart dieser Rechtfertigung, als Beschlagnahme des hauptsächlichen
Teils der außerhalb der modernen Produktion erlebten Zeit.
2
7. Die Trennung selbst gehört zur Einheit der Welt, zur globalen gesellschaftlichen Praxis, die sich in Realität und Bild
aufgespalten hat. Die gesellschaftliche Praxis, vor die sich das autonome Spektakel stellt, ist auch die das Spektakel
umfassende wirkliche Totalität. Aber die Aufspaltung dieser Totalität verstümmelt sie so sehr, daß sie das Spektakel als
ihren Zweck erscheinen läßt. Die Sprache des Spektakels besteht aus Zeichen der herrschenden Produktion, die zugleich
der letzte Zweck dieser Produktion sind.
8. Das Spektakel und die wirkliche gesellschaftliche Tätigkeit lassen sich nicht abstrakt einander entgegensetzen; diese
Verdoppelung ist selbst doppelt. Das Spektakel, das das Wirkliche verkehrt, wird wirklich erzeugt. Zugleich wird die
erlebte Wirklichkeit durch die Kontemplation des Spektakels materiell überschwemmt und nimmt in sich selbst die
spektakuläre Ordnung wieder auf, indem sie ihr eine positive Zustimmung gibt. Die objektive Realität ist auf beiden
Seiten vorhanden. Jeder so festgesetzte Begriff gründet sich nur auf seinen Übergang in die Gegenseite. Ins Spektakel tritt
die Wirklichkeit ein, und das Spektakel ist wirklich. Diese gegenseitige Entfremdung ist das Wesen und die Stütze der
bestehenden Gesellschaft.
9. In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen.
10. Der Begriff des Spektakels vereinigt und erklärt eine große Mannigfaltigkeit von erscheinenden Phänomenen. Ihre
Verschiedenheiten und Kontraste sind die Erscheinungen dieses gesellschaftlich veranstalteten Scheins, der in seiner
allgemeinen Wahrheit erkannt werden muß. Das Spektakel ist, seinen eigenen Begriffen nach betrachtet, die Behauptung
des Scheins und die Behauptung jedes menschlichen, d.h. gesellschaftlichen Lebens als eines bloßen Scheins. Aber die
Kritik, die die Wahrheit des Spektakels trifft, entdeckt es als die sichtbare Negation des Lebens; als eine Negation des
Lebens, die sichtbar geworden ist.
11. Untrennbare Elemente müssen künstlich unterschieden werden, um das Spektakel, seine Herausbildung und seine
Funktionen sowie die Kräfte, die zu seiner Auflösung hinstreben, zu beschreiben. Bei der Analyse des Spektakels muß in
einem gewissen Maß die Sprache des Spektakulären geredet werden, insofern dabei der methodologische Boden dieser
Gesellschaft, die sich im Spektakel ausdrückt, betreten wird. Aber das Spektakel ist nichts anderes als der Sinn der
ganzen Praxis einer ökonomischen Gesellschaftsformation, sein Zeitplan. Es ist der geschichtliche Moment, in dem wir
enthalten sind.
12. Das Spektakel stellt sich als eine ungeheure, unbestreitbare und unerreichbare Positivität dar. Es sagt nichts mehr als:
"Was erscheint, das ist gut; und was gut ist, das erscheint." Die durch das Spektakel prinzipiell geforderte Haltung ist
diese passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen, durch sein Monopol des Scheins,
faktisch erwirkt hat.
13. Der zutiefst tautologische Charakter des Spektakels geht aus der bloßen Tatsache hervor, daß seine Mittel zugleich sein
Zweck sind. Es ist die Sonne, die über dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es deckt die ganze Oberfläche
der Welt und badet sich endlos in seinem eigenen Ruhm.
14. Die Gesellschaft, die auf der modernen Industrie beruht, ist nicht zufällig oder oberflächlich spektakulär, sie ist zutiefst
spektakularistisch. Im Spektakel, dem Bild der herrschenden Wirtschaft, ist das Endziel nichts, die Entwicklung alles.
Das Spektakel will es zu nichts anderem bringen als zu sich selbst.
15. Als unerläßlicher Schmuck der jetzt erzeugten Waren, als allgemeine Darstellung der Rationalität des Systems und als
fortgeschrittener Wirtschaftsbereich, der unmittelbar eine wachsende Menge von Objekt-Bildern gestaltet, ist das
Spektakel die hauptsächliche Produktion der heutigen Gesellschaft.
16. Das Spektakel unterjocht sich die lebendigen Menschen, insofern die Wirtschaft sie gänzlich unterjocht hat. Es ist nichts
als die sich für sich selbst entwickelnde Wirtschaft. Es ist der getreue Widerschein der Produktion der Dinge und die
ungetreue Vergegenständlichung der Produzenten.
17. Die erste Phase der Herrschaft der Wirtschaft über das gesellschaftliche Leben hatte in der Definition jeder menschlichen
Realisierung eine offensichtliche Degradierung des Seins zum Habenmit sich gebracht. Die gegenwärtige Phase der
völligen Beschlagnahme des gesellschaftlichen Lebens durch die akkumulierten Ergebnisse der Wirtschaft führt zu einer
verallgemeinerten Verschiebung vom Haben zum Scheinen, aus welchem jedes tatsächliche "Haben" sein unmittelbares
Prestige und seinen letzten Zweck beziehen muß. Zugleich ist jede individuelle Wirklichkeit gesellschaftlich geworden,
direkt von der gesellschaftlichen Macht abhängig und von ihr geformt. Nur sofern sie nicht ist, darf sie erscheinen.
18. Da, wo sich die wirkliche Welt in bloße Bilder verwandelt, werden die bloßen Bilder zu wirklichen Wesen und zu den
wirkenden Motivierungen eines hypnotischen Verhaltens. Das Spektakel als Tendenz, durch verschiedene spezialisierte
Vermittlungen die nicht mehr unmittelbar greifbare Welt zur Schau zu stellen, findet normalerweise im Sehen den
bevorzugten menschlichen Sinn, der zu anderen Zeiten der Tastsinn war; der abstrakteste und mystifizierbarste Sinn
entspricht der verallgemeinerten Abstraktion der heutigen Gesellschaft. Das Spektakel läßt sich jedoch nicht mit dem
3
bloßen Zusehen identifizieren, wenn dieses auch mit dem Zuhören kombiniert wäre. Das Spektakel ist das, was der
Tätigkeit der Menschen, der Wiedererwägung und der Berichtigung ihres Werkes entgeht. Es ist das Gegenteil des
Dialogs. Überall, wo es unabhängige Vorstellung gibt, baut sich das Spektakel wieder auf.
19. Das Spektakel hat die ganze Schwäche des abendländisch-philosophischen Entwurfes geerbt, der in einem von den
Kategorien des Sehens beherrschten Begreifen der Tätigkeit bestand; so wie es sich auch auf die unaufhörliche Entfaltung
der genauen, technischen Rationalität, die aus diesem Gedanken hervorgegangen ist, gründet. Es verwirklicht nicht die
Philosophie, es philosophiert die Wirklichkeit. Das konkrete Leben aller ist es, welches sich zu einem spektakulären
Universum degradiert hat.
20. Als Gewalt des getrennten Gedankens und als Gedanke der getrennten Gewalt, ist es der Philosophie nie durch eigene
Kraft gelungen, die Theologie aufzuheben. Das Spektakel ist der materielle Wiederaufbau der religiösen Illusion. Die
spektakuläre Technik hat die religiösen Wolken nicht aufgelöst, in die die Menschen ihre von ihnen losgerissenen,
eigenen Kräfte gesetzt hatten: sie hat sie nur mit einer weltlichen Grundlage verbunden. So ist es das irdischste Leben,
welches undurchsichtig und erstickend wird. Es verweist nicht mehr auf den Himmel, sondern beherbergt bei sich seine
absolute Verwerfung, sein trügerisches Paradies. Das Spektakel ist die technische Verwirklichung der Verbannung der
menschlichen Kräfte in ein Jenseits; die vollendete Entzweiung im Innern des Menschen.
21. Je nachdem wie die Notwendigkeit gesellschaftlich geträumt wird, wird der Traum notwendig. Das Spektakel ist der
schlechte Traum der gefesselten, modernen Gesellschaft, der schließlich nur ihren Wunsch zu schlafen ausdrückt. Das
Spektakel ist der Wächter dieses Schlafes.
22. Die Tatsache, daß die praktische Macht der modernen Gesellschaft sich von selbst abgehoben und sich ein selbständiges
Reich im Spektakel fixiert hat, ist nur aus dieser anderen Tatsache, daß diese mächtige Praxis immer noch selbstzerrissen
und sichselbstwidersprechend geblieben war, zu erklären.
23. Die älteste gesellschaftliche Spezialisierung ist es, die Spezialisierung der Gewalt, die an der Wurzel des Spektakels liegt.
Das Spektakel ist somit eine spezialisierte Tätigkeit, die für die Gesamtheit der anderen Tätigkeiten spricht. Es ist die
diplomatische Repräsentation der hierarchischen Gesellschaft vor sich selbst, wo jedes andere Wort verbannt ist. Hier ist
das Modernste auch das Archaischste.
24. Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobender Monolog.
Es ist das Selbstportrait der Macht in der Epoche ihrer totalitären Verwaltung der Existenzberechtigungen. Der
fetischistische Schein reiner Objektivität in den spektakulären Beziehungen verbirgt deren Charakter als Beziehung
zwischen Menschen und zwischen Klassen: eine zweite Natur scheint unsere Umwelt mit ihren unvermeidlichen
Gesetzen zu beherrschen. Aber das Spektakel ist nicht dieses notwendige Produkt der als eine natürliche Entwicklung
betrachteten technischen Entwicklung. Die Gesellschaft des Spektakels ist im Gegenteil die Form, die ihren eigenen
technischen Inhalt wählt. Wenn das Spektakel, - unter dem engeren Gesichtspunkt der "Massenkommunikationsmittel"
genommen, die seine erdrückendste Oberflächenerscheinung sind -, als einfache Instrumentierung auf die Gesellschaft
überzugreifen scheinen kann, so ist diese Instrumentierung in Wirklichkeit nichts Neutrales, sondern genau die
Instrumentierung, die seiner ganzen Selbstbewegung entspricht. Wenn die gesellschaftlichen Bedürfnisse der Epoche, in
der sich solche Techniken entwickeln, nur durch die Vermittlung dieser Techniken befriedigt werden können, wenn die
Verwaltung dieser Gesellschaft sowie jeder Kontakt zwischen den Menschen nur mittels dieser Macht augenblicklicher
Kommunikation stattfinden können, ist dafür der Grund, daß diese "Kommunikation" wesentlich einseitig ist; folglich
läuft ihre Konzentrierung darauf hinaus, in den Händen der Verwaltung des bestehenden Systems die Mittel anzuhäufen,
die es ihm erlauben, diese bestimmte Verwaltung fortzuführen. Die verallgemeinerte Entzweiung des Spektakels ist
untrennbar vom modernen Staat, - d.h. von der allgemeinen Form der Entzweiung in der Gesellschaft -, dem Produkt der
Teilung der gesellschaftlichen Arbeit und dem Werkzeug der Klassenherrschaft.
25. Die Trennung ist das Alpha und Omega des Spektakels. Die Institutionalisierung der gesellschaftlichen Teilung der
Arbeit und die Herausbildung der Klassen hatten eine erste heilige Kontemplation gebaut, die mythische Ordnung, mit
der sich jede Macht schon von Urbeginn an umhüllt. Das Heilige hat die kosmische und ontologische Anordnung
gerechtfertigt, die den Interessen der Herren entsprach und es hat das erklärt und beschönigt, was die Gesellschaft nicht
tun konnte. Also war jede getrennte Macht spektakulär, aber die Zustimmung aller zu einem solchen feststehenden Bild
bedeutete nur die gemeinsame Anerkennung einer imaginären Verlängerung für die Armut der wirklichen
gesellschaftlichen Tätigkeit, die noch sehr viel als einheitliche Bedingung empfunden wurde. Im Gegenteil drückt das
moderne Spektakel das aus, was die Gesellschaft tun kann, aber in dieser Äußerung stellt sich das Erlaubte absolut dem
Möglichen entgegen. Das Spektakel ist die Erhaltung der Bewußtlosigkeit in der praktischen Veränderung der
Existenzbedingungen. Das Spektakel ist sein eigenes Produkt, es selbst ist es, das seine Regeln aufgestellt hat: es ist ein
Pseudo-Heiliges. Es zeigt was es ist: die getrennte Macht, welche - bei dem Produktivitätswachstum durch die
unaufhörliche Verfeinerung der Teilung der Arbeit zur Zerstückelung der zugleich von der unabhängigen
4
Maschinenbewegung beherrschten Gesten - sich in sich selbst entwickelt und für einen stets weiteren Markt arbeitet.
Jedes Gemeinwesen und jeder kritische Sinn haben sich während dieser ganzen Bewegung aufgelöst, in der sich die
Kräfte, die bei ihrer Trennung wachsen konnten, noch nicht wiedergefunden haben.
26. Bei der verallgemeinerten Trennung des Arbeiters von seinem Produkt geht jeder einheitliche Überblick über die
ausgeführte Tätigkeit, jede persönliche, direkte Mitteilung zwischen den Produzenten verloren. Im Laufe des Fortschritts
der Akkumulation der getrennten Produkte und der Konzentration des Produktionsprozesses werden die Einheit und die
Mitteilung zum ausschließenden Attribut der Systemleitung. Das Gelingen des wirtschaftlichen Systems der Trennung ist
die Proletarisierungder Welt.
27. Am Pol der Entwicklung des Systems verschiebt sich durch das Gelingen selbst der getrennten Produktion als Produktion
des Getrennten die Grunderfahrung, die in den Urgesellschaften mit einer hauptsächlichen Arbeit verbunden war, zur
Nichtarbeit und zur Untätigkeit. Doch diese Untätigkeit ist keineswegs von der Produktionstätigkeit befreit: sie hängt von
ihr ab, sie ist unruhige und bewundernde Unterwerfung unter die Erfordernisse und Ergebnisse der Produktion; sie ist
selbst ein Produkt von deren Rationalität. Außerhalb der Tätigkeit kann es keine Freiheit geben, und im Rahmen des
Spektakels wird jede Tätigkeit verneint, genauso wie die wirkliche Tätigkeit vollständig für den Gesamtaufbau dieses
Ergebnisses aufgefangen worden ist. Daher ist die heutige "Befreiung von der Arbeit", die Ausdehnung der Freizeit,
keineswegs Befreiung in der Arbeit oder Befreiung einer durch diese Arbeit geformten Welt. Nichts von der in der Arbeit
gestohlenen Tätigkeit kann sich in der Unterwerfung unter ihr Ergebnis wiederfinden.
28. Das auf die Vereinzelung gegründete Wirtschaftssystem ist eine zirkuläre Produktion der Vereinzelung. Die
Vereinzelung begründet die Technik und der technische Prozeß vereinzelt rückwirkend. Alle durch das spektakuläre
System ausgewählten Güter, vom Auto bis zum Fernsehen sind auch seine Waffen, um beständig die
Vereinzelungsbedingungen der "einsamen Massen" zu verstärken. Das Spektakel findet immer konkreter seine eigenen
Voraussetzungen wieder.
29. Der Ursprung des Spektakels ist der Verlust der Einheit der Welt, und die riesengroße Ausbreitung des modernen
Spektakels drückt die Vollständigkeit dieses Verlustes aus: die Abstraktion jeder besonderen Arbeit und die allgemeine
Abstraktion der Gesamtproduktion äußern sich vollkommen im Spektakel, dessen konkrete Seinsweisegerade die
Abstraktion ist. Im Spektakel stellt sich ein Teil der Welt vor der Welt dar, und ist über sie erhaben. Das Spektakel ist nur
die gemeinschaftliche Sprache dieser Trennung. Was die Zuschauer miteinander verbindet, ist nur ein irreversibles
Verhältnis zum Zentrum selbst, das ihre Vereinzelung aufrechterhält. Das Spektakel vereinigt das Getrennte, aber nur als
Getrenntes.
30. Die Entfremdung des Zuschauers zugunsten des angeschauten Objekts (das das Ergebnis seiner eigenen bewußtlosen
Tätigkeit ist) drückt sich so aus: je mehr er zuschaut, um so weniger lebt er; je mehr er sich in den herrschenden Bildern
des Bedürfnisses wiederzuerkennen akzeptiert, um so weniger versteht er seine eigene Existenz und seine eigene
Begierde. Die Äußerlichkeit des Spektakels im Verhältnis zum tätigen Menschen erscheint darin, daß seine eigenen
Gesten nicht mehr ihm gehören, sondern einem anderen, der sie ihm vorführt. Der Zuschauer fühlt sich daher nirgends zu
Hause, denn das Spektakel ist überall.
31. Der Arbeiter produziert nicht sich selbst, sondern eine unabhängige Macht. Der Erfolg dieser Produktion, ihr Überfluß,
kehrt zum Produzenten als Überfluß der Enteignung zurück. Die ganze Zeit und der ganze Raum seiner Welt werden ihm
bei der Akkumulation seiner entfremdeten Produkte fremd. Das Spektakel ist die Landkarte dieser neuen Welt, eine
Landkarte, die genau ihr Territorium deckt. Eben die Kräfte, die uns entgangen sind, zeigen sich uns in ihrer ganzen
Macht.
32. Das Spektakel in der Gesellschaft entspricht einer konkreten Herstellung der Entfremdung. Die wirtschaftliche Expansion
ist hauptsächlich die Expansion dieser bestimmten industriellen Produktion. Was mit der sich für sich selbst bewegenden
Wirtschaft anwächst, kann nur die Entfremdung sein, die gerade in ihrem ursprünglichen Kern enthalten war.
33. Der von seinem Produkt getrennte Mensch produziert immer machtvoller alle Einzelheiten seiner Welt und findet
dadurch immer mehr von seiner Welt getrennt. Je mehr sein Leben jetzt sein Produkt ist, um so mehr ist er von seinem
Leben getrennt.
34. Das Spektakel ist das Kapital, das einen solchen Akkumulationsgrad erreicht, daß es zum Bild wird.
2. Kapitel
5
DIE WARE ALS SPEKTAKEL
"Denn nur als Universalkategorie des gesamten gesellschaftlichen Seins ist die Ware in ihrer unverfälschten Wesensart
begreifbar. Erst in diesem Zusammenhang gewinnt die durch das Warenverhältnis entstandene Verdinglichung eine
entscheidende Bedeutung sowohl für die objektive Entwicklung der Gesellschaft wie für das Verhalten der Menschen zu ihr;
für das Unterworfenwerden ihres Bewußtseins den Formen, in denen sich diese Verdinglichung ausdrückt . Diese
Willenlosigkeit steigert sich noch dadurch, daß mit zunehmender Rationalisierung und Mechanisierung des Arbeitsprozesses
die Tätigkeit des Arbeiters immer stärker ihren Tätigkeitscharakter verliert und zu einer kontemplativen Haltung wird."
Lukacs (Geschichte und Klassenbewußtsein).
35. An dieser wesentlichen Bewegung des Spektakels, die darin besteht, alles in sich aufzunehmen, was in der menschlichen
Tätigkeit in flüssigem Zustand war, um es in geronnenem Zustand als Dinge zu besitzen, die durch die negative
Umformulierungdes erlebten Wertes zum ausschließlichen Wert geworden sind - erkennen wir unsere alte Feindin
wieder, die so leicht auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding scheint, während sie doch im Gegenteil
ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit: die Ware.
36. Das Prinzip des Warenfetischismus ist es, d.h. die Beherrschung der Gesellschaft durch "sinnliche übersinnliche Dinge",
das sich absolut im Spektakel vollendet, wo die sinnliche Welt durch eine über ihr schwebende Auswahl von Bildern
ersetzt wird, welche sich zugleich als das Sinnliche schlechthin hat anerkennen lassen.
37. Die zugleich anwesende und abwesende Welt, die das Spektakel zur Schau stellt, ist die jedes Erlebnis beherrschende
Warenwelt. Und die Warenwelt wird auf diese Weise gezeigt genau wie sie ist, denn ihre Bewegung ist identisch mit der
Entfernung der Menschen voneinander und ihrem Gesamtprodukt gegenüber.
38. Der auf allen Ebenen der spektakulären Sprache so offensichtliche Qualitätsverlust der von ihr gepriesenen Gegenstände
und der von ihr geregelten Verhaltensweisen drückt nur die Grundmerkmale der wirklichen Produktion aus, die die
Wirklichkeit beseitigt: die Warenform ist durch und durch die Mitsichselbstgleichheit, die Kategorie des Quantitativen.
Das Quantitative ist es, das sie entwickelt, und in ihm nur kann sie sich entwickeln.
39. Diese Entwicklung, die das Qualitative ausschließt, untersteht selbst als Entwicklung dem qualitativen Übergang: das
Spektakel bedeutet, daß sie die Schwelle ihres eigenen Überflussesüberschritten hat; dies ist lokal erst auf einigen
Punkten wahr, dennoch trifft es bereits im Weltmaßstabe zu, der der Urmaßstab ist, und ihre praktische Bewegung hat
diesen Maßstab bestätigt, indem sie die ganze Erde als Weltmarkt umfaßt.
40. Die Entwicklung der Produktivkräfte war die bewußtlose wirkliche Geschichte, die die Existenzbedingungen der
Menschengruppen als Überlebensbedingungen und als deren Erweiterung aufgebaut und verändert hat; die ökonomische
Basis all ihrer Unternehmungen. Innerhalb einer Naturalwirtschaft bestand der Bereich der Ware in der Schaffung eines
Überschusses an Überleben. Die Warenproduktion, die den Austausch verschiedenartiger Produkte zwischen
unabhängigen Produzenten voraussetzt, konnte lange handwerkmäßig, in einer wirtschaftlichen Randfunktion beschränkt
bleiben, worin ihre quantitative Wahrheit noch verdeckt ist. Da jedoch, wo sie die gesellschaftlichen Bedingungen des
Großhandels und der Kapitalakkumulation antraf, bemächtigte sie sich der gesamten Wirtschaft. Die ganze Wirtschaft ist
also zu dem geworden, als was sich die Ware bei dieser Eroberung erwiesen hatte: zu einem Prozeß quantitativer
Entwicklung. Diese unaufhörliche Entfaltung der wirtschaftlichen Macht in der Form der Ware, die die menschliche
Arbeit zur Ware Arbeit, zur Lohnarbeit, umgebildet hat, führte kumulativ zu einem Überfluß, in dem die Grundfrage des
Überlebens zweifelsohne gelöst wird, aber so daß sie immer wiederkehren muß; sie wird jedesmal wieder auf einer
höheren Stufe gestellt. Das Wirtschaftswachstum befreit die Gesellschaften vom natürlichen Druck, der ihren
unmittelbaren Überlebenskampf erforderte, nun aber sind sie von ihrem Befreier nicht befreit. Die Unabhängigkeit der
Ware hat sich auf das Ganze der von ihr beherrschten Wirtschaft ausgedehnt. Die Wirtschaft verwandelt die Welt, aber
nur in eine Welt der Wirtschaft. Die Pseudonatur, in der sich die menschliche Arbeit entfremdet hat, erfordert, daß ihr
Dienst endlos fortgesetzt wird, und da dieser Dienst nur von sich selbst beurteilt und freigesprochen wird, erlangt er in
der Tat die Gesamtheit der gesellschaftlich zulässigen Bemühungen und Vorhaben als seine Diener. Der Überfluß der
Waren, d.h. des Warenverhältnisses, kann nicht mehr als das vermehrte Überleben sein.
41. Die Ware hat ihre Herrschaft über die Wirtschaft zuerst verdeckt ausgeübt, und diese Wirtschaft selbst blieb als
materielle Grundlage des gesellschaftlichen Lebens unbemerkt und unbegriffen, so wie das Bekannte überhaupt darum,
weil es bekannt ist, nicht erkannt ist. In einer Gesellschaft, in der die konkrete Ware selten oder in der Minderheit bleibt,
stellt sich die scheinbare Herrschaft des Geldes als der mit unumschränkter Vollmacht versehene Gesandte dar, der im
6
Namen einer unbekannten Macht spricht. Mit dem Eintreten der industriellen Revolution, der manufakturmäßigen
Teilung der Arbeit und der massenhaften Produktion für den Weltmarkt erscheint die Ware tatsächlich als eine Macht, die
das gesellschaftliche Leben wirklich in Beschlag nimmt. Zu dieser Zeit bildet sich die politische Ökonomie als
herrschende Wissenschaft und als Wissenschaft der Herrschaft heraus.
42. Das Spektakel ist der Moment, in welchem die Ware zur völligen Beschlagnahme des gesellschaftlichen Lebens gelangt
ist. Das Verhältnis zur Ware ist nicht nur sichtbar; sondern man sieht nichts anderes mehr: die Welt, die man sieht, ist
seine Welt. Die moderne Wirtschaftsproduktion dehnt ihre Diktatur extensiv aus. An den am wenigsten industrialisierten
Orten ist ihr Reich schon durch einige Star-Waren und als imperialistische Herrschaft der an der Spitze der
Produktivitätsentwicklung stehenden Zonen vorhanden. In diesen fortgeschrittenen Zonen wird der gesellschaftliche
Raum durch eine ununterbrochene Übereinanderlagerung geologischer Warenschichten überschwemmt. An diesem Punkt
der "zweiten industriellen Revolution" wird neben der entfremdeten Produktion der entfremdete Konsum zu einer
zusätzlichen Pflicht für die Massen. Die ganze verkaufte Arbeit einer Gesellschaft wird völlig zur Gesamtware, deren
Kreislauf sich fortsetzen muß. Dazu muß diese Gesamtware dem fragmentarischen Individuum, das von den als ein
Ganzes wirkenden Produktivkräften absolut getrennt ist, fragmentarisch zurückkehren. Hier muß sich gerade die
spezialisierte Wissenschaft der Herrschaft ihrerseits spezialisieren: sie zerbröckelt in Soziologie Psychotechnik,
Kybernetik, Semiologie usw., und wacht über die Selbstregulierung aller Stufen des Prozesses.
43. Während in der ursprünglichen Phase der kapitalistischen Akkumulation "die Nationalökonomie den Proletarier nur als
Arbeiter betrachtet", der das zur Erhaltung seiner Arbeitskraft unentbehrliche Minimum bekommen muß, ohne ihn jemals
"in seiner arbeitslosen Zeit, als Mensch" zu betrachten, kehrt sich diese Denkweise der herrschenden Klasse um, sobald
der in der Warenproduktion erreichte Überflußgrad vom Arbeiter einen Überschuß von Kollaboration erfordert. Dieser
Arbeiter, von der vollständigen Verachtung plötzlich reingewaschen, die ihm durch alle Organisations- und
Überwachungsbedingungen der Produktion deutlich gezeigt wird, findet sich jeden Tag außerhalb dieser Produktion, in
der Verkleidung des Konsumenten, mit überaus zuvorkommender Höflichkeit scheinbar wie ein Erwachsener behandelt.
Da nimmt der Humanismus der Ware den Arbeiter "in seiner arbeitslosen Zeit und als Mensch" in die Hand ganz einfach
deswegen, weil die politische Ökonomie diese Sphären beherrschen kann und muß. So hat "die konsequente
Durchführung der Verleugnung des Menschen" die Ganzheit der menschlichen Existenz in die Hand genommen.
44. Das Spektakel ist ein ständiger Opiumkrieg, um die Identifizierung der Güter mit den Waren und auch die der
Zufriedenheit mit dem sich nach seinen eigenen Gesetzen vermehrenden Überleben aufzuzwingen. Wenn aber das
konsumierbare Überleben etwas ist, das sich ständig vermehren muß, so deshalb, weil es die Entbehrung immer noch
enthält. Wenn es kein Jenseits des vermehrten Überlebens gibt, keinen Punkt, an dem dieses Überleben sein Wachstum
beenden könnte, so deshalb, weil es selbst nicht jenseits der Entbehrung liegt, sondern die reicher gewordene Entbehrung
ist.
45. Mit der Automation, die der fortgeschrittenste Bereich der modernen Industrie und zugleich das Modell ist, in dem sich
deren Praxis vollkommen zusammenfaßt, muß die Warenwelt den folgenden Widerspruch überwinden: die technische
Instrumentierung, die objektiv die Arbeit abschafft, muß gleichzeitig die Arbeit als Ware und als einzigen Geburtsort der
Ware erhalten. Damit die Automation oder jede andere weniger extreme Form der Produktivitätssteigerung der Arbeit,
die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit wirklich nicht verkürzt, müssen neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Der
Tertiärsektor, die Dienstleistungen sind das ungeheure Ausdehnungsfeld für die Etappenlinien der Distributions- und
Lobpreisungsarmee der heutigen Waren; gerade in der Künstlichkeit der Bedürfnisse nach solchen Waren findet diese
Mobilisierung von Ergänzungskräften glücklich die Notwendigkeit einer solchen Organisation der Nachhut-Arbeit vor.
46. Der Tauschwert konnte sich nur als Agent des Gebrauchswerts bilden, aber sein durch seine eigenen Waffen errungener
Sieg hat die Bedingungen seiner autonomen Herrschaft geschaffen. Durch die Mobilisierung jedes menschlichen
Gebrauchs und die Ergreifung des Monopols von dessen Befriedigung ist der Tauschwert endlich dazu gekommen, den
Gebrauch zu steuern. Der Tauschprozeß hat sich mit jedem möglichen Gebrauch identifiziert und hat ihn auf seine Gnade
und Ungnade unterjocht. Der Tauschwert ist der Kondottiere des Gebrauchswertes, der endlich den Krieg für seine eigene
Tasche führt.
47. Jene Konstante der kapitalistischen Wirtschaft, die in dem tendenziellen Fall des Gebrauchswerts besteht, entwickelt eine
neue Form der Entbehrung innerhalb des vermehrten Überlebens; dieses ist ebensowenig von der alten Not befreit, da es
die Mitwirkung der großen Mehrheit der Menschen als Lohnarbeiter zur endlosen Fortsetzung seines Strebens fordert und
da jeder weiß, daß er sich entweder unterwerfen oder sterben muß. Die Wirklichkeit dieser Erpressung, d.h. die Tatsache,
daß der Gebrauch in seiner ärmsten Form (Essen, Wohnen) nur noch besteht, soweit er im Scheinreichtum des
vermehrten Überlebens eingeschlossen bleibt, ist die wirkliche Grundlage dafür, daß die Täuschung überhaupt beim
Konsum der modernen Waren hingenommen wird. Der wirkliche Konsument wird zu einem Konsumenten von
Illusionen; Die Ware ist diese wirkliche Illusion und das Spektakel ihre allgemeine Äußerung.
7
48. Der Gebrauchswert, der im Tauschwert implizit mit inbegriffen war, muß jetzt in der verkehrten Realität des Spektakels
explizit verkündet werden, und zwar gerade weil seine Wirklichkeit durch die überentwickelte Warenwirtschaft zersetzt
wird und weil eine Pseudorechtfertigung zum falschen Leben nötig wird.
49. Das Spektakel ist die andere Seite des Geldes: das abstrakte allgemeine Äquivalent aller Waren. Wenn aber das Geld als
Vertretung der zentralen Äquivalenz, d.h. als Vertretung der vielfältigen Güter -- deren Gebrauch unvergleichbar blieb --
die Gesellschaft beherrscht hat, ist das Spektakel seine moderne, entwickelte Ergänzung, in der die Totalität der
Warenwelt als allgemeine Äquivalenz mit all dem, was die Gesamtheit der Gesellschaft sein und tun kann, im ganzen
erscheint: Das Spektakel ist das Geld, das man nur anblickt, denn das Ganze des Gebrauchs hat sich in ihm schon gegen
das Ganze der abstrakten Vorstellung ausgetauscht. Das Spektakel ist nicht nur der Diener des Pseudogebrauchs, es ist
bereits in sich selbst der Pseudogebrauch des Lebens.
50. Beim wirtschaftlichen Überfluß wird das konzentrierte Ergebnis der gesellschaftlichen Arbeit augenscheinlich und
unterwirft jede Realität dem Schein, der nun sein Produkt ist. Das Kapital ist nicht mehr das unsichtbare Zentrum, das die
Produktionsweise leitet: seine Akkumulation breitet es in der Form von sinnlichen Gegenständen bis an die Peripherie
aus. Die ganze Ausdehnung der Gesellschaft ist sein Porträt.
51. Der Sieg der autonomen Wirtschaft muß zugleich ihr Untergang sein. Die Kräfte, die sie entfesselt hat, beseitigen die
wirtschaftliche Notwendigkeit, die die unwandelbare Grundlage der alten Gesellschaften war. Wenn diese autonome
Wirtschaft durch die Notwendigkeit der endlosen wirtschaftlichen Entwicklung die wirtschaftliche Notwendigkeit ersetzt,
kann sie nur die Befriedigung der summarisch anerkannten ersten menschlichen Bedürfnisse durch eine ununterbrochene
Erzeugung von Pseudobedürfnissen ersetzen, die sich auf das einzige Pseudobedürfnis der Aufrechterhaltung ihres
Reichs zurückführen lassen. Die autonome Wirtschaft aber hebt sich für immer vom tiefen Bedürfnis im gleichen Maße
ab, wie sie aus dem gesellschaftlichen Unbewußten heraustritt, das von ihr abhing, ohne es zu wissen. "Alles, was bewußt
ist, nutzt sich ab. Was unbewußt ist, bleibt unveränderlich. Aber wenn es einmal befreit ist, zerfällt es dann nicht
seinerseits?" (Freud.)
52. In dem Moment, in dem die Gesellschaft entdeckt, daß sie von der Wirtschaft abhängt, hängt die Wirtschaft tatsächlich
von ihr ab. Diese unterirdische Macht, die bis zu ihrem souveränen Erscheinen wuchs, hat auch ihre Macht verloren. Wo
das wirtschaftliche Es war, muß das Ich werden. Das Subjekt kann nur aus der Gesellschaft, d.h. aus dem Kampf, der in
ihr selbst ist, hervorgehen. Seine mögliche Existenz hängt von den Ergebnissen des Klassenkampfs ab, der sich als
Produkt und Produzent der wissenschaftlichen Grundlegung der Geschichte offenbart.
53. Das Bewußtsein der Begierde und die Begierde des Bewußtseins sind identisch derjenige Entwurf, der in seiner negativen
Form die Aufhebung der Klassen will, d.h. die unmittelbare Herrschaft der Arbeiter über alle Momente ihrer Tätigkeit.
Sein Gegenteilist die Gesellschaft des Spektakels, in der die Ware sich selbst in einer von ihr geschaffenen Welt
anschaut.
3. Kapitel
EINHEIT UND TEILUNG IM SCHEIN
"An der Front der Philosophie durchzieht eine neue lebhafte Polemik das Land über die Begriffe "eins teilt sich in zwei" und
"zwei vereinigen sich zu einem". Dieser Streit ist ein Kampf zwischen denjenigen, die für, und denjenigen, die gegen die
materialistische Dialektik sind, ein Kampf zwischen zwei Weltanschauungen, der proletarischen und der bürgerlichen.
Diejenigen, die die Meinung verfechten, daß "sich eins in zwei teilt" das grundlegende Gesetz der Dinge ist, stehen auf der
Seite der materialistischen Dialektik; diejenigen, die die Meinung verfechten, daß "sich zwei zu einem vereinigen", sind Gegner
der materialistischen Dialektik. Die beiden Seiten haben eine klare Demarkationslinie zwischen einander gezogen, und ihre
Argumente sind diametral entgegengesetzt. Diese Polemik spiegelt auf der ideologischen Ebene den zugespitzten und
komplexen Klassenkampf wider, der sich in China und in der Welt abspielt."
Die Rote Fahne - Peking, 21. September 1964
54. Wie die moderne Gesellschaft ist das Spektakel zugleich geeint und geteilt. Wie sie baut es seine Einheit auf die
Zerrissenheit auf. Aber wenn der Widerspruch im Spektakel auftaucht, wird ihm seinerseits durch eine Umkehrung seines
Sinnes widersprochen; so daß die aufgezeigte Teilung einheitlich ist, während die aufgezeigte Einheit geteilt ist.
55. Der Kampf von Gewalten, die zur Verwaltung desselben sozialökonomischen Systems entstanden sind, entfaltet sich als
8
der offizielle Widerspruch, der in Wirklichkeit zur tatsächlichen Einheit gehört; das gilt ebenso im Weltmaßstabe wie
innerhalb jeder Nation.
56. Die falschen, spektakulären Kämpfe zwischen den rivalisierenden Formen der getrennten Gewalt sind zugleich real,
indem sie die ungleiche, konfliktorische Entwicklung des Systems äußern, und auch die relativ widersprüchlichen
Interessen der Klassen oder Klassenunterabteilungen, die das System anerkennen und ihre eigene Teilnahme an seiner
Gewalt definieren. Wie die Entwicklung der fortgeschrittenen Wirtschaft im Zusammenstoß bestimmter Prioritäten mit
anderen besteht, so werden die durch eine Staatsbürokratie ausgeübte totalitäre Verwaltung der Wirtschaft und der
Zustand der Länder, welche sich in die Sphäre der Kolonisation oder Halbkolonisation gestellt fanden, durch
beträchtliche Besonderheiten in den Produktions- und Machtbedingungen definiert. Diese verschiedenen Gegensätze
können sich im Spektakel mit ganz unterschiedlichen Kriterien gemessen, als absolut verschiedenartige
Gesellschaftsformen geben. Aber ihrer Wirklichkeit als besonderen Bereichen gemäß, liegt die Wahrheit ihrer
Besonderheit im allgemeinen System, das sie enthält: in der einzigen Bewegung, die den ganzen Planeten zu ihrem
Spielraum gemacht hat, d.h. im Kapitalismus.
57. Die Gesellschaft, die das Spektakel unterhält, beherrscht die unterentwickelten Gebiete nicht allein durch ihre
wirtschaftliche Hegemonie. Sie beherrscht sie auch als Gesellschaft des Spektakels. Dort, wo die materielle Grundlage
noch fehlt, hat die moderne Gesellschaft bereits spektakulär auf die gesellschaftliche Oberfläche jedes Kontinents
übergegriffen. Sie definiert das Programm einer herrschenden Klasse und leitet deren Herausbildung. Wie sie die zu
begehrenden Pseudogüter zeigt, so bietet sie den lokalen Revolutionären die falschen Vorbilder von Revolutionen dar.
Das besondere Spektakel der bürokratischen Gewalt, die einige industrielle Länder unter ihrer Macht hält, gehört eben
zum Gesamtspektakel, als seine allgemeine Pseudo-Negation und seine Stütze. Wenn das Spektakel, in seinen
verschiedenen Lokalisierungen betrachtet, totalitäre Spezialisierungen der gesellschaftlichen Sprache und Verwaltung an
den Tag legt, so verschmelzen diese auf der Ebene der Gesamtfunktion des Systems zu einer weltweiten Teilung der
Aufgaben im Spektakel.
58. Die Teilung der Aufgaben im Spektakel, die die Allgemeinheit der bestehenden Ordnung erhält, erhält hauptsächlich den
beherrschenden Pol ihrer Entwicklung. Die Wurzel des Spektakels liegt im Boden der zum Überfluß gewordenen
Wirtschaft, und von dort kommen die Früchte her, die schließlich nach der Herrschaft über den spektakulären Markt
trachten, und dies trotz der polizeilich-ideologischen Schutzzollschranken irgendeines lokalen Spektakels, das Autarkie
beansprucht.
59. Die Banalisierungsbewegung, die hinter den schillernden Ablenkungen des Spektakels die moderne Gesellschaft
weltweit beherrscht, beherrscht sie auch auf jedem der Punkte, wo der entwickelte Warenkonsum die zur Auswahl
stehenden Rollen und Gegenstände scheinbar vervielfacht hat. Die Überreste von Religion und Familie - die die
Hauptform des Erbes der Klassengewalt bleibt -, und folglich der von ihnen ausgeübten moralischen Repression, können
als ein und dasselbe mit der weitschweifigen Behauptung des Genusses dieser Welt kombiniert werden; während diese
Welt gerade nur als Pseudogenuß produziert wird, der die Repression in sich bewahrt. Mit der seligen Hinnahme des
Bestehenden kann auch die rein spektakuläre Empörung als ein und dasselbe verbunden werden: dies äußert die einfache
Tatsache, daß die Unzufriedenheit selbst zu einer Ware geworden ist, sobald der wirtschaftliche Überfluß fähig wurde,
seine Produktion bis auf die Bearbeitung eines solchen Rohstoffes auszudehnen.
60. Indem er das Bild einer möglichen Rolle in sich konzentriert, konzentriert der Star - d.h. die spektakuläre Vorstellung des
lebendigen Menschen - diese Banalität. Der Stand eines Stars ist die Spezialisierung des scheinbaren Erlebten, ist das
Objekt der Identifizierung mit dem untiefen, scheinbaren Leben, welches die Zerstückelung der wirklich erlebten
Produktionsspezialisierungen aufwiegen soll. Die Stars sind da, um verschiedenerlei Typen von Lebensstilen und
Gesellschaftsauffassungen darzustellen, denen es global zu wirken freisteht. Sie verkörpern das unzulängliche Resultat
der gesellschaftlichen Arbeit, indem sie Nebenprodukte dieser Arbeit mimen, die als deren Zweck magisch über sie
erhoben werden: die Macht und die Ferien, die Entscheidung und der Konsum, die am Anfang und am Ende eines
unbestrittenen Prozesses stehen. Dort personalisiert sich die Regierungsgewalt zu einem Pseudostar, hier läßt sich der
Star des Konsums als Pseudogewalt über das Erleben durch Plebiszit akklamieren. Aber diese Aktivitäten des Stars sind
ebensowenig wirklich global wie verschiedenartig.
61. Der als Star in Szene gesetzte Agent des Spektakels ist das Gegenteil, der Feind des Individuums, an sich selbst ebenso
offensichtlich wie bei den anderen. Indem er als Identifikationsmodell ins Spektakel übergeht, hat er auf jede autonome
Eigenschaft verzichtet, um sich selbst mit dem allgemeinen Gesetz des Gehorsams gegenüber dem Lauf der Dinge zu
identifizieren. Wenn er auch nach außen hin die Darstellung verschiedener Persönlichkeitstypen ist, zeigt der Konsumstar
jeden dieser Typen, als ob er gleichmäßig zur Gesamtheit des Konsums gelangen und dabei gleicherweise sein Glück
finden könne. Der Star der Entscheidung muß den vollständigen Bestand all dessen besitzen, was an menschlichen
Eigenschaften zugelassen wird. So werden die offiziellen Gegensätzlichkeiten zwischen ihnen durch die offizielle
9
Ähnlichkeit vernichtet, die die Voraussetzung ihrer Vortrefflichkeit in allem ist. Chruschtschow ist General geworden,
um über die Schlacht von Kursk zu entscheiden, doch nicht auf dem Felde, sondern am zwanzigsten Jahrestag, als er der
Machthaber des Staates war. Kennedy blieb ein Redner noch als er selbst seine Leichenrede an seinem eigenen Grabe
hielt, denn Theodore Sorensen redigierte zu dieser Zeit noch für den Nachfolger die Reden in jenem Stil, der so viel dazu
beitrug, daß die bewundernswerten Leute, in denen sich das System personifiziert, nicht das sind, was sie sind; sie sind
große Männer geworden, weil sie unter die Realität des bescheidensten, individuellen Lebens herabgesunken sind, und
jedermann weiß das.
62. Die falsche Auswahl im spektakulären Überfluß, die in der Nebeneinanderreihung von konkurrierenden und solidarischen
Spektakeln sowie in der Nebeneinanderstellung von einanderausschließenden und ineinandergreifenden Rollen (die
hauptsächlich von Gegenständen getragen und ausgedrückt werden) besteht, entwickelt sich zu einem Kampf zwischen
gespenstischen Qualitäten, die die Zustimmung zur quantitativen Trivialiät leidenschaftlich begeistern sollen. So erstehen
falsche, archaische Gegensätze, Regionalismen oder Rassismen wieder, die die Vulgarität der hierarchischen
Platzverteilung innerhalb des Konsums zu einer phantastischen, ontologischen Überlegenheit verklären sollen. So setzt
sich die endlose Reihe der lächerlichen Zusammenstöße wieder zusammen, die von den sportlichen Wettkämpfen bis zu
den Wahlen ein noch nicht einmal ludistisches Interesse mobilisieren. Dort, wo sich der Konsum im Überfluß
niedergelassen hat, nimmt ein hauptsächlicher schauspielhafter Gegensatz zwischen der Jugend und den Erwachsenen
den Vordergrund des trügerischen Rollenspiels ein: denn nirgends gibt es einen Erwachsenen, einen Herrn über sein
Leben, und die Jugend, die Änderung des Bestehenden, ist keineswegs das Eigentum derjenigen, die jetzt jung sind,
sondern sie gehört dem Wirtschaftssystem, dem Dynamismus des Kapitalismus an. Dinge sind es, die herrschen und jung
sind, die einander verjagen und ersetzen.
63. Hinter den spektakulären Gegensätzen verbirgt sich die Einheit des Elends. Wenn verschiedene Formen derselben
Entfremdung einander unter den Masken der totalen Auswahl bekämpfen, so deswegen, weil sie alle auf den verdrängten,
wirklichen Widersprüchen aufgebaut sind. Nach den Erfordernissen der besonderen Stufe des Elends, das es verleugnet
und aufrechterhält, existiert das Spektakel in einer konzentrierten oder diffusen Form. In beiden Fällen ist es nur ein von
Trostlosigkeit und Grausen umgebenes Bild glücklicher Vereinigung im stillen Zentrum des Unglücks.
64. Das konzentrierte Spektakuläre gehört wesentlich zum bürokratischen Kapitalismus, wenn es auch als Technik der
Staatsgewalt über rückständigere halbstaatliche Wirtschaften oder in bestimmten Krisenzeiten des fortgeschrittenen
Kapitalismus eingeführt werden kann. Das bürokratische Eigentum ist tatsächlich selbst konzentriert in dem Sinne, daß
der einzelne Bürokrat lediglich vermittels der bürokratischen Gemeinschaft, nur als deren Mitglied, mit dem Besitz der
Gesamtwirtschaft verbunden ist. Außerdem stellt sich auch die hier weniger entwickelte Warenproduktion in einer
konzentrierten Form dar: die von der Bürokratie verwahrte Ware ist die ganze gesellschaftliche Arbeit, und was sie der
Gesellschaft wiederverkauft, ist deren Überleben im ganzen. Die Diktatur der bürokratischen Wirtschaft kann den
ausgebeuteten Massen keine nennenswerte Wahlfreiheit lassen, denn sie hat alles selbst wählen müssen und jede andere
äußere Wahl, ob sie nun die Ernährung oder die Musik betrifft, ist deshalb bereits die Wahl ihrer vollständigen
Zerstörung. Sie muß von einer ständigen Gewaltsamkeit begleitet werden. Das in ihrem Spektakel aufgedrängte Bild des
Guten versammelt in sich die Gesamtheit des offiziell Bestehenden und konzentriert sich normalerweise auf einen
einzigen Menschen, der der Garant seines totalitären Zusammenhaltes ist. Jedermann muß sich entweder magisch mit
diesem absoluten Star identifizieren oder verschwinden. Denn dieser Star ist der Herr seines Nichtkonsums und das
heroische Bild einer annehmbaren Deutung für jene absolute Ausbeutung, worin die vom Terror beschleunigte
ursprüngliche Akkumulation in Wirklichkeit besteht. Wenn jeder Chinese Mao lernen und folglich Mao sein muß, so
heißt das, daß er nichts anderes zu sein hat. Wo das konzentrierte Spektakuläre herrscht, da herrscht auch die Polizei.
65. Das diffuse Spektakuläre begleitet den Warenüberfluß, d.h. die ungestörte Entwicklung des modernen Kapitalismus. In
diesem Fall ist jede einzelne Ware im Namen der Größe der Gesamtproduktion der Gegenstände gerechtfertigt, deren
Spektakel ein apologetischer Katalog ist. Unvereinbare Behauptungen drängen sich auf der Bühne des vereinigten
Spektakels der Überflußwirtschaft, ebenso wie verschiedene Star-Waren gleichzeitig ihre widersprüchlichen
Einrichtungspläne der Gesellschaft vortragen, in der das Spektakel der Kraftwagen einen vollkommenen Verkehr
verlangt, der die Altstädte zerstört, während das Spektakel der Stadt selbst Museen-Viertel braucht. Daher wird die
bereits problematische Zufriedenheit, die angeblich dem Konsum der Gesamtheiteignet, unmittelbar verfälscht, indem der
wirkliche Konsument direkt nur eine Aufeinanderfolge von Bruchstücken dieses Warenglücks berühren kann, denen
jedesmal die der Gesamtheit zugeschriebene Qualität offensichtlich fehlt.
66. Jede bestimmte Ware kämpft für sich selbst, kann die anderen nicht anerkennen, will sich überall durchsetzen, als ob sie
die einzige wäre. Damit wird das Spektakel zum epischen Gesang dieses Zusammenstoßes, den der Fall keines Ilion
beenden könnte. Das Spektakel besingt nicht die Männer und ihre Waffen, sondern die Waren und ihre Leidenschaften.
In diesem blinden Kampf vollbringt jede Ware, indem sie sich von ihrer Leidenschaft hinreißen läßt, bewußtlos ein
10
Höheres: das weltlich-Werden der Ware, das ebenso das zur-Ware-Werden der Welt ist. So kämpft sich, dank einer List
der Warenvernunft, das Besondere der Ware aneinander ab, während die Warenform auf ihre absolute Verwirklichung
zugeht.
67. Die Befriedigung, die die Ware im Überfluß durch den Gebrauch nicht mehr verschaffen kann, wird in der Anerkennung
ihres Wertes als Ware gesucht: dies ist der Gebrauch der Ware, der sich selbst genügt; und dies ist für den Konsumenten
der religiöse Erguß vor der souveränen Freiheit der Ware. So breiten sich mit großer Geschwindigkeit
Begeisterungswellen für ein mit allen Informationsmitteln gestütztes und angekurbeltes bestimmtes Produkt aus. Ein
Kleidungsstil entsteht aus einem Film, eine Zeitschrift lanciert Klubs, die ihrerseits verschiedenen Ausrüstungen
lancieren. Das "Gadget"spricht diese Tatsache aus, daß im gleichen Augenblick, da die Masse der Waren dem Irrsinn
zugleitet, das Irrsinnige selbst zu einer besonderen Ware wird. An den Werbeschlüsselringen z.B., die nicht mehr gekauft
werden, sondern als Zugabe bei dem Verkauf von Prestigegegenständen geschenkt werden oder die durch Austausch aus
ihrer eigenen Sphäre herkommen, läßt sich die Äußerung einer mystischen Selbsthingabe an die Transzendenz der Ware
erkennen. Wer die Schlüsselringe sammelt, die nur zum Sammeln erzeugt wurden, häuft die Ablaßbriefe der Ware, ein
ruhmreiches Zeichen ihrer wirklichen Gegenwart unter ihren Getreuen. Der verdinglichte Mensch trägt den Beweis seiner
Intimität mit der Ware zur Schau. Wie bei dem krampfhaften Taumeln oder den Wunderheilungen der Schwärmer des
alten religiösen Fetischismus, gelangt auch der Warenfetischismus zu Momenten schwärmerischer Erregung. Der einzige
Gebrauch, der sich hier noch äußert, ist der grundlegende Brauch der Unterwerfung.
68. Zweifellos läßt sich das im modernen Konsum aufgezwungene Pseudobedürfnis keinem echten Bedürfnis oder Begehren
entgegensetzen, das nicht selbst durch die Gesellschaft und ihre Geschichte geformt wäre. Aber die Ware im Überfluß
existiert als der absolute Bruch einer organischen Entwicklung der gesellschaftlichen Bedürfnisse. Ihre mechanische
Akkumulation macht ein unbeschränktes Künstlichesfrei, angesichts dessen die lebendige Begierde entwaffnet ist. Die
kumulative Macht eines unabhängigen Künstlichen zieht überall die Verfälschung des gesellschaftlichen Lebens nach
sich.
69. Im Bild der glücklichen Vereinheitlichung der Gesellschaft durch den Konsum ist die reale Teilung nur bis zum nächsten
Nichterfüllen im Konsumierbaren aufgeschoben. Jedes besondere Produkt, das die Hoffnung auf eine blitzschnelle
Abkürzung darstellen soll, um endlich ins gelobte Land des totalen Konsums zu gelangen, wird der Reihe nach
zeremoniös als die entscheidende Einzelheit hingestellt. Aber wie im Falle der augenblicklichen Verbreitung der Moden
von scheinbar aristokratischen Vornamen, die von fast allen gleichaltrigen Individuen getragen werden, so konnte der
Gegenstand, von dem eine besondere Gewalt erwartet wird, nur dadurch der Andacht der Massen angeboten werden, daß
er in einer hinreichend großen Zahl von Exemplaren vervielfältigt wurde, um massenhaft konsumiert zu werden. Der
Prestigecharakter kommt diesem beliebigen Produkt nur dadurch zu, daß es als offenbares Mysterium der
Produktionsfinalität für einen Moment ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens gestellt wurde. Der Gegenstand, der im
Spektakel ein Prestige hatte, wird vulgär, sobald er bei diesem Konsumenten und gleichzeitig bei allen anderen eintritt.
Zu spät bringt er seine wesentliche Armut ans Tageslicht, die er natürlich vom Elend seiner Produktion her hat. Aber
schon trägt ein anderer Gegenstand die Rechtfertigung des Systems und die Forderung, anerkannt zu werden.
70. Der Betrug der Befriedigung muß sich selbst denunzieren, indem er sich erneuert, indem er die Veränderung der Produkte
und der allgemeinen Produktionsbedingungen verfolgt. Was mit der vollkommensten Unverschämtheit seine eigene
endgültige Vortrefflichkeit behauptet hat, ändert sich dennoch im diffusen Spektakel, aber auch im konzentrierten
Spektakel, und das System allein muß fortdauern: Stalin wie die veraltete Ware werden von ebendenen denunziert, die sie
eingeführt haben. Jede neue Lüge der Werbung ist auch das Eingeständnis ihrer vorigen Lüge. Jeder Sturz einer Gestalt
der totalitären Gewalt offenbart die illusorische Gemeinschaft, die sie einstimmig guthieß und die nur ein Agglomerat
von illusionslosen Einsamkeiten war.
71. Was das Spektakel als dauernd präsentiert, ist auf die Veränderung gegründet und muß sich mit seiner Basis verändern.
Das Spektakel ist absolut dogmatisch und zugleich ist es ihm unmöglich, zu irgendeinem festen Dogma zu kommen. Für
das Spektakel hört nichts auf; dies ist sein natürlicher und dennoch seiner Neigung entgegengesetztester Zustand.
72. Die durch das Spektakel ausposaunte irreale Einheit ist die Maske der Klassenteilung, auf der die reale Einheit der
kapitalistischen Produktionsweise beruht. Was die Produzenten verpflichtet, an dem Erbauen der Welt teilzunehmen, ist
auch das, was sie davon ausschließt. Was die von ihren lokalen und nationalen Schranken befreiten Menschen in
Beziehung zueinander bringt, ist auch das, was sie voneinander entfernt. Was zur Vertiefung des Rationellen verpflichtet,
ist auch das, was das Irrationelle der hierarchischen Ausbeutung und der Repression nährt. Was die abstrakte Gewalt der
Gesellschaft erzeugt, erzeugt auch ihre konkrete Unfreiheit.
11
4. Kapitel
DAS PROLETARIAT ALS SUBJEKT UND
ALS REPRÄSENTATION
"Gleiches Recht aller auf die Güter und die Genüsse dieser Welt, die Zerstörung jeder Autorität und die Verneinung aller
moralischen Schranken: das ist, wenn man der Sache auf den Grund geht, der wesentliche Zweck des Aufstandes vom 18. März
und die Charta der gefürchteten Assoziation, die ihm eine Armee verschaffte."
Parlamentarische Untersuchung über den Aufstand des 18. März.
73. Die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt, regiert die Gesellschaft seit dem Sieg der Bourgeoisie in
der Wirtschaft, sichtbar aber erst seit der politischen Übertragung dieses Sieges. Die Entwicklung der Produktivkräfte hat
die alten Produktionsverhältnisse gesprengt, und jede statistische Ordnung zerfällt zu Staub. Alles, was absolut war, wird
geschichtlich.
74. Indem sie in die Geschichte geworfen sind, indem sie an der Arbeit und an den Kämpfen, aus denen diese Geschichte
besteht, teilnehmen müssen, sind die Menschen gezwungen, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen
anzusehen. Diese Geschichte hat kein anderes Objekt als das, was sie an sich selbst verwirklicht, obwohl die letzte,
bewußtlose, metaphysische Anschauung von der geschichtlichen Epoche das produktive Fortschreiten, durch das sich die
Geschichte entfaltet hat, als eigentliches Objekt der Geschichte betrachten kann. Das Subjektder Geschichte kann nur das
Lebende sein, das sich selbst produziert und zum Herrn und Besitzer seiner Welt wird, - die die Geschichte ist - und als
Bewußtsein seines Spiels existiert.
75. Als ein und dieselbe Strömung entwickeln sich die Klassenkämpfe der langen revolutionären Epoche, die durch den
Aufstieg der Bourgeoisie eröffnet wurde, und das Denken der Geschichte, d.h. die Dialektik, das Denken, das nicht mehr
bei der Suche nach dem Sinn des Seienden stehen bleibt, sondern sich zur Erkenntnis der Auflösung alles Bestehenden
erhebt, und in der Bewegung jede Trennung auflöst.
76. Hegel hatte nicht mehr die Welt zu interpretieren, sondern die Veränderung der Welt. Indem er die Veränderung nur
interpretierte, ist er nur die philosophische Vollendung der Philosophie. Er will eine Welt begreifen, die sich selbst
erzeugt. Dieses geschichtliche Denken ist nur erst das Bewußtsein, das immer zu spät kommt und die Rechtfertigung post
festum ausspricht. Es hat die Trennung daher nur im Gedanken aufgehoben. Das Paradox, das darin besteht, den Sinn
jeder Realität von ihrer geschichtlichen Vollendung abhängen zu lassen und zugleich, sich selbst als die Vollendung der
Geschichte hinstellend, diesen Sinn zu enthüllen, ergibt sich aus der einfachen Tatsache, daß der Denker der bürgerlichen
Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts in seiner Philosophie nur die Versöhnung mit deren Ergebnis gesucht hat." Sie
drückt auch als Philosophie der bürgerlichen Revolution nicht den ganzen Prozeß dieser Revolution aus, sondern nur
seinen letzten Abschluß. Sie ist insofern eine Philosophie nicht der Revolution, sondern der Restauration." (Karl Korsch,
Thesen über Hegel und die Revolution.) Hegel hat zum letzten Mal die Arbeit des Philosophen geleistet, "die Verklärung
des Bestehenden"; aber schon für ihn konnte das Bestehende nur die Totalität der geschichtlichen Bewegung sein. Da die
äußereStellung des Gedankens in der Tat aufrechterhalten wurde, konnte sie nur durch ihre Identifizierung mit einem
vorausgehenden Vorhaben des Geistes, des absoluten Helden verhüllt werden, der vollbracht hat, was er wollte, und
wollte, was er vollbracht hat, und dessen Erfüllung mit der Gegenwart zusammenfällt. Daher kann die Philosophie, die im
Denken der Geschichte stirbt, ihre Welt nur noch dadurch verklären, daß sie sie verleugnet, denn um das Wort zu
ergreifen, muß sie bereits das Ende dieser totalen Geschichte, auf die sie alles zurückgeführt hat, und den Schluß der
Sitzung des einzigen Gerichts voraussetzen, das das Urteil der Wahrheit fällen kann.
77. Wenn das Proletariat durch seine eigene Existenz in Taten offenbart, daß sich dieses Denken der Geschichte nicht
vergessen hat, ist das Dementi des Schlusses zugleich auch die Bestätigung der Methode.
78. Das Denken der Geschichte kann nur dadurch gerettet werden, daß es praktisches Denken wird, und die Praxis des
Proletariats als revolutionäre Klasse kann nicht weniger sein als das geschichtliche Bewußtsein, das auf die Totalität
seiner Welt wirkt. Alle theoretischen Strömungen der revolutionären Arbeiterbewegung sind aus einer kritischen
Auseinandersetzung mit dem Hegelschen Denken hervorgegangen, bei Marx ebenso wie bei Stirner und Bakunin.
79. Die Untrennbarkeit der Hegelschen Methode von der Marxschen Theorie ist selbst untrennbar von dem revolutionären
12
Charakter dieser Theorie, d.h. von ihrer Wahrheit. Hierin ist diese erste Beziehung allgemein unbekannt geblieben oder
mißverstanden oder sogar als die Schwäche dessen angeprangert worden, was trügerisch zu einer marxistischen Lehre
wurde. In "Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgabe der Sozialdemokratie" enthüllt Bernstein vollkommen
diese Verbindung der dialektischen Methode mit der geschichtlichen Parteinahme, wenn er die unwissenschaftlichen
Voraussagen des Manifests von 1847 über das nahe Bevorstehen der proletarischen Revolution in Deutschland beklagt:
"Diese geschichtliche Selbsttäuschung, wie sie der erste beste politische Schwärmer kaum überbieten konnte, würde bei
einem Marx, der schon damals ernsthaft Ökonomie getrieben hatte, unbegreiflich sein, wenn man in ihr nicht das Produkt
eines Restes Hegelscher Widerspruchsdialektik zu erblicken hätte, das Marx - ebenso wie Engels - sein Lebtag nicht
völlig losgeworden ist, das aber damals in einer Zeit allgemeiner Gärung, ihm um so verhängnisvoller werden sollte."
80. Die Umkehrung, die Marx zwecks einer "Hinüberrettung" des Denkens der bürgerlichen Revolution vornimmt, besteht
nicht trivialerweise darin, durch die materialistische Entwicklung der Produktivkräfte das Fortschreiten des Hegelschen
Geistes zu ersetzen der sich selbst in der Zeit entgegen geht, dessen Vergegenständlichung mit seiner Entäußerung
identisch ist und dessen geschichtliche Wunden keine Narben zurücklassen. Die wirklich gewordene Geschichte hat kein
Ende mehr. Marx hat die getrennteStellung Hegels angesichts dessen, was geschieht, und die Kontemplationjedes
äußeren, höchsten Agenten zugrunde gerichtet. Die Theorie hat nur noch zu erkennen, was sie tut. Im Gegenteil ist die
Kontemplation der Wirtschaftsbewegung im herrschenden Denken der gegenwärtigen Gesellschaft das nicht umgekehrte
Erbe des undialektischen Teils des Hegelschen Versuchs eines kreisförmigen Systems; sie ist eine Billigung, die die
Dimension des Begriffs verloren hat und die kein Hegelianertum mehr braucht, um sich zu rechtfertigen, denn die
Bewegung, die es zu loben gilt, ist nur mehr ein gedankenloser Bereich der Welt, dessen mechanische Entwicklung
tatsächlich das Ganze beherrscht. Das Marxsche Projekt ist das einer bewußten Geschichte. Das Quantitative, das in der
blinden Entwicklung der bloß wirtschaftlichen Produktivkräfte entsteht, muß sich in eine qualitative geschichtliche
Aneignung verwandeln. Die Kritik der politischen Ökonomie ist der erste Akt dieses Endes der Vorgeschichte. "Von allen
Produktionsinstrumenten ist die größte Produktivkraft die revolutionäre Klasse selbst."
81. Was die Marxsche Theorie eng mit dem wissenschaftlichen Denken verbindet, ist das rationelle Begreifen der Kräfte, die
in der Gesellschaft walten. Aber sie ist grundlegend ein Jenseits des wissenschaftlichen Denkens, in dem dieses nur als
aufgehobenes aufbewahrt wird: es geht um ein Begreifen des Kampfes und keineswegs des Gesetzes. "Wir kennen nur
eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte" heißt es in der deutschen Ideologie.
82. Die bürgerliche Epoche, die die Geschichte wissenschaftlich begründen will, übersieht die Tatsache, daß diese verfügbare
Wissenschaft vielmehr mit der Ökonomie geschichtlich begründet werden sollte. Umgekehrt hängt die Geschichte radikal
von dieser Kenntnis ab, aber nur insofern, als diese Geschichte Wirtschaftsgeschichte bleibt. Wieweit im übrigen der
Anteil der Geschichte an der Wirtschaft selbst - der Gesamtprozeß, der seine eigenen wissenschaftlichen
Grundvoraussetzungen verändert - von dem Gesichtspunkt der wissenschaftlichen Grundvoraussetzungen verändert - von
dem Gesichtspunkt der wissenschaftlichen Beobachtung übersehen werden konnte, wird durch die Nichtigkeit der
sozialistischen Berechnungen gezeigt, die die exakte Periodizität der Krisen festgestellt zu haben glaubten, und seitdem
es der ständigen Intervention des Staates gelungen ist, die Wirkung der Krisentendenzen zu kompensieren, sieht dieselbe
Art von Beweisführung in diesem Gleichgewicht eine endgültige wirtschaftliche Harmonie. Das Projekt, die Wirtschaft
zu überwinden, von der Geschichte Besitz zu ergreifen, kann nicht selbst wissenschaftlichsein, auch wenn es die
Wissenschaft der Gesellschaft kennen (und zu sich zurückführen) muß. In dieser letzten Bewegung, die die gegenwärtige
Geschichte durch eine wissenschaftliche Erkenntnis zu beherrschen glaubt, ist der revolutionäre Standpunkt
bürgerlichgeblieben.
83. Obwohl sie selbst in der Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Organisation geschichtlich begründet sind, können die
utopischen Strömungen des Sozialismus mit Recht als utopisch angesprochen werden, in dem Maße wie sie die
Geschichte ablehnen - d.h. den stattfindenden wirklichen Kampf, ebenso wie die Bewegung der Zeit jenseits der
unbeweglichen Vollkommenheit ihres Bildes von einer glücklichen Gesellschaft -, nicht jedoch, weil sie die Wissenschaft
ablehnen. Die utopischen Denker sind im Gegenteil ganz und gar vom wissenschaftlichen Denken beherrscht, wie es sich
in den vorigen Jahrhunderten durchgesetzt hatte. Sie suchen die Vollendung dieses allgemeinen rationellen Systems: sie
betrachten sich keineswegs als entwaffnete Propheten, denn Sie glauben an die gesellschaftliche Macht der
wissenschaftlichen Beweisführung und sogar, im Fall des Saint-Simonismus an die Machtergreifung durch die
Wissenschaft. Wie fragt Sombart, "sollte etwas, das durch Aufklärung, höchstens durch Beispiele in seiner
Vollkommenheit bewiesen werden soll, ertrotzt werden können im Kampf?" Die wissenschaftliche Auffassung der
Utopisten erstreckt sich jedoch nicht auf die Erkenntnis, daß gesellschaftliche Gruppen in einer bestehenden Situation
Interessen haben und Kräfte, um sie aufrechtzuerhalten, sowie Formen falschen Bewußtseins, die solchen Stellungen
entsprechen. Sie bleibt daher weit diesseits der geschichtlichen Realität der Wissenschaftsentwicklung selbst, deren
Richtung weitgehend von der aus solchen Faktoren hervorgegangenen gesellschaftlichen Nachfragebestimmt wurde, die
nicht nur das auswählt, was zugelassen, sondern auch das, was erforscht werden kann. Die utopischen Sozialisten, die
13
Gefangene der Darstellungsweise der wissenschaftlichen Wahrheit geblieben sind, begreifen diese Wahrheit nach ihrem
reinen abstrakten Bild, wie es sich in einem sehr viel früheren Stadium der Gesellschaft durchgesetzt haue. Die Utopisten
wollen, wie Sorel bemerkte, die Gesetze der Gesellschaft nach dem Modell der Astronomie entdecken und nachweisen.
Die von ihnen erstrebte Harmonie, die der Geschichte feindlich ist, ergibt sich aus einem Versuch, die von der Geschichte
am wenigsten abhängige Wissenschaft auf die Gesellschaft anzuwenden. Diese Harmonie sucht ihre Anerkennung mit
der gleichen experimentellen Unschuld wie der Newtonismus, und das ständig postulierte glückliche Menschenlos "spielt
in ihrer Gesellschaftswissenschaft eine Rolle, die derjenigen der Trägheit in der rationellen Mechanik analog ist"
(Materiaux pour une theorie du proletariat).
84. Gerade die deterministisch-wissenschaftliche Seite im Marxschen Denken war die Bresche, durch die der Prozeß der
"ldeologisierung" noch zu seinen Lebzeiten eindrang, und um so mehr in das der Arbeiterbewegung hinterlassene
theoretische Erbe. Die Ankunft des Subjekts der Geschichte wird noch auf später verschoben, und die geschichtliche
Wissenschaft par excellende, d.h. die Ökonomie, strebt immer weitgehender darauf hin, die Notwendigkeit ihrer eigenen
zukünftigen Negation zu garantieren. Aber dadurch wird die revolutionäre Praxis, die die einzige Wahrheit dieser
Negation ist, aus dem Bereich der theoretischen Anschauung verstoßen. Daher gilt es, geduldig die wirtschaftliche
Entwicklung zu studieren und noch das daraus erfolgende Leid mit einer Hegelschen Ruhe zu dulden, was im Resultat
"Friedhof der guten Absichten" bleibt. Man entdeckt, daß jetzt, der Wissenschaft der Revolutionen zufolge, das
Bewußtsein immer zu früh kommt und belehrt werden muß. "Die Geschichte hat uns und allen, die ähnlich dachten,
unrecht gegeben. Sie hat klargemacht, daß der Stand der ökonomischen Entwicklung auf dem Kontinent damals noch bei
weitem nicht reif war...", sagt Engels 1895. Sein ganzes Leben lang hat Marx den einheitlichen Gesichtspunkt seiner
Theorie aufrechterhalten, aber die Darlegung seiner Theorie hat sich auf den Boden des herrschenden Denkens begeben,
indem sie sich in der Form von Kritiken besonderer Disziplinen, hauptsächlich der Kritik der grundlegenden
Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft, der politischen Ökonomie, präzisiert. Diese Verstümmelung, die später als
endgültig akzeptiert wurde, hat den "Marxismus" gebildet.
85. Der Mangel in der Marxschen Theorie ist natürlich der Mangel des revolutionären Kampfes des Proletariates seiner
Epoche. Die Arbeiterklasse im Deutschland von 1848 hat nicht die Revolution in Permanenz dekretiert; die Kommune
wurde in der Isolierung besiegt. Die revolutionäre Theorie kann daher noch nicht ihre eigene vollständige Existenz
erreichen. Darauf angewiesen zu sein, diese Theorie in der Absonderung der Gelehrtenarbeit im British Museum zu
verteidigen und zu präzisieren, implizierte einen Verlust in der Theorie selbst. Gerade die auf die Zukunft der
Entwicklung der Arbeiterklasse bezogenen wissenschaftlichen Rechtfertigungen und die mit ihnen verbundene
organisatorische Praxis sollten in einem weiter fortgeschrittenen Stadium zu Hindernissen für das proletarische
Bewußtsein werden.
86. Die ganze theoretische Mangelhaftigkeit bei der wissenschaftlichen Verteidigung der proletarischen Revolution kann,
sowohl was den Inhalt als was die Form der Darstellung angeht, auf eine Identifizierung des Proletariats mit der
Bourgeoisie unter dem Gesichtspunkt der revolutionären Machtergreifung zurückgeführt werden.
87. Die Tendenz, eine Beweisführung der wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit der proletarischen Gewalt durch den Bezug
auf wiederholte Experimente der Vergangenheit zu begründen, verdunkelt schon vom Manifest an das Marxsche Denken
der Geschichte, indem sie ihn dazu veranlaßt, ein lineares Bild der Entwicklung der Produktionsweisen aufzustellen, die
von Klassenkämpfen mitgerissen wird, welche angeblich jedesmal "mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen
Gesellschaft oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen" enden. Aber ebenso wie in der
beobachtbaren Realität der Geschichte "die asiatische Produktionsweise", wie Marx an anderer Stelle betonte, ihre
Unbeweglichkeit trotz aller Klassenauseinandersetzungen behalten hat, so wurden auch weder die Barone von den
Aufständen der Leibeigenen, noch die Freien von den Sklavenrevolten des Altertums je besiegt. Im linearen Schema ist
zunächst die Tatsache aus dem Blickfeld entschwunden, daß die Bourgeoisie die einzige revolutionäre Klasse ist, die
jemals gesiegt hat und daß sie zugleich die einzige Klasse ist, für die die Entwicklung der Wirtschaft Grund und Folge
ihrer Beschlagnahme der Gesellschaft war. Die gleiche Vereinfachung hat Marx dazu verleitet, die wirtschaftliche Rolle
des Staates bei der Verwaltung einer Klassengesellschaft zu vernachlässigen. Wenn die aufsteigende Bourgeoisie die
Wirtschaft vom Staat zu befreien schien, dann nur insoweit, als der alte Staat zugleich das Instrument einer
Klassenunterdrückung in einer statischen Wirtschaft war. Die Bourgeoisie hat ihre autonome wirtschaftliche Macht in der
mittelalterlichen Periode des Schwächerwerdens des Staates, im Moment feudaler Zerstückelung gleichgewichtiger
Gewalten entwickelt. Aber der moderne Staat, der durch den Merkantilismus die Entwicklung der Bourgeoisie zu
unterstützen begann und der schließlich zur Zeit des "laisse faire, laisser passer" zu ihrem Staat wurde, wird sich später
als Inhaber einer zentralen Macht in der kalkulierten Verwaltung des wirtschaftlichen Prozesses zeigen. Marx konnte
jedoch im Bonapartismus diesen Entwurf der modernen staatlichen Bürokratie beschreiben, nämlich die Fusion von
Kapital und Staat, die Bildung einer "nationalen Macht des Kapitals über die Arbeit, einer öffentlichen Gewalt zur
Unterdrückung der Arbeit", wo die Bourgeoisie auf jedes geschichtliche Leben verzichtet, das nicht seine Reduzierung
14
auf die wirtschaftliche Geschichte der Dinge ist und gerne "neben den anderen Klassen zur gleichen politischen
Nichtigkeit verdammt" werden will. Hier sind bereits die sozialpolitischen Grundlagen des modernen Spektakels gelegt,
das negativ das Proletariat als einzigen Bewerber um das geschichtliche Leben definiert.
88. Die zwei einzigen Klassen, die tatsächlich der Marxschen Theorie entsprechen, die zwei reinen Klassen, zu denen die
gesamte Analyse in Das Kapital hinführt, die Bourgeoisie und das Proletariat, sind auch die beiden einzigen
revolutionären Klassen der Geschichte, aber unter verschiedenen Bedingungen: die bürgerliche Revolution hat
stattgefunden, die proletarische Revolution ist ein Projekt, das auf der Grundlage der vorangegangenen Revolutionen
entstand, jedoch von ihr qualitativ verschieden. Wenn man die Originalität der geschichtlichen Rolle der Bourgeoisie
übersieht, verdeckt man die konkrete Originalität dieses proletarischen Projekts, das nur etwas erreichen kann, insofern es
seine eigenen Farben trägt und die "gewaltige Größe seiner Aufgaben" kennt. Die Bourgeoisie ist zur Macht gelangt, weil
sie die Klasse der sich entwickelnden Wirtschaft ist. Das Proletariat kann seinerseits die Macht sein, aber nur wenn es zur
Klasse des Bewußtseinswird. Das Reifen der Produktivkräfte kann eine solche Macht nicht garantieren, und dies auch
nicht auf dem Umweg der gesteigerten Enteignung, die dieses Reifen begleitet. Die jakobinische Eroberung des Staates
kann nicht das Instrument des Proletariats sein. Keine Ideologie kann ihm helfen, Teilzwecke in Gesamtzwecke zu
verkleiden, denn es kann keine Teilrealität aufbewahren, die ihm tatsächlich gehörte.
89. Wenn Marx in einer bestimmten Periode seiner Teilnahme am Kampf des Proletariats zu viel von der wissenschaftlichen
Vorhersage erwartet hat, so viel, daß er die intellektuelle Basis der Illusionen des Ökonomismus schuf, so wissen wir
doch, daß er persönlich ihm nicht verfiel. In einem wohlbekannten Brief vom 7. Dezember 1867, der einen Artikel
begleitete, worin er selbst Das Kapital kritisiert und den Engels in die Presse bringen sollte, als ob er von einem Gegner
stammte, hat Marx klar die Grenze seiner eigenen Wissenschaft dargelegt: " Die subjektive Tendenz des Verfassers
dagegen - er war vielleicht durch seine Parteistellung und Vergangenheit gebunden und verpflichtet dazu -, d.h. die
Manier, wie er sich und anderen das Endresultat der jetzigen Bewegung, des jetzigen gesellschaftlichen Prozesses
vorstellt, hat mit seiner wirklichen Entwicklung gar nichts zu schaffen." Also dadurch, daß er selbst die "tendenziellen
Schlußfolgerungen" seiner objektiven Analyse denunziert und durch die Ironie des "vielleicht" in Bezug auf die
außerwissenschaftlichen Entscheidungen, zu denen er verpflichtet gewesen sei, zeigt Marx gleichzeitig den
methodologischen Schlüssel für die Verschmelzung der beiden Aspekte.
90. Im geschichtlichen Kampf selbst muß die Verschmelzung des Erkennens mit dem Handeln verwirklicht werden, so daß
jede dieser Seiten die andere zur Garantie ihrer eigenen Wahrheit macht. Die Herausbildung der proletarischen Klasse als
Subjekt ist die Organisation der revolutionären Kämpfe und die Organisation der Gesellschaft im revolutionären
Augenblick: hier müssen die praktischen Bedingungen des Bewußtseinsvorhanden sein, in denen sich die Theorie der
Praxis bestätigt, indem sie zu praktischer Theorie wird. Diese zentrale Frage der Organisation wurde jedoch von der
revolutionären Theorie in der Epoche am wenigsten in Betracht gezogen, in der die Arbeiterbewegung entstand, d.h. als
diese Theorie noch den aus dem Denken der Geschichte stammenden einheitlichenCharakter besaß (und sie hatte es sich
gerade zur Aufgabe gemacht, ihn bis zu einer einheitlichen geschichtlichen Praxis zu entwickeln). Diese Frage ist im
Gegenteil der Ort der Inkonsequenz dieser Theorie, die die Wiederbelebung staatlicher und hierarchischer
Anwendungsmethoden zuließ, die der bürgerlichen Revolution entlehnt wurden. Die Organisationsformen der
Arbeiterbewegung, die auf der Grundlage dieses Verzichtes der Theorie entwickelt wurden, haben ihrerseits dahin
tendiert, die Erhaltung einer einheitlichen Theorie zu verhindern, indem sie diese in spezialisierte und parzellierte
Kenntnisse auflösten. Diese ideologische Entfremdung der Theorie ist folglich außerstande, die praktische Bewährung
des von ihr verratenen einheitlichen geschichtlichen Denkens wiederzuerkennen, wenn eine solche Bewährung im
spontanen Kampf der Arbeiter plötzlich hervortritt; sie kann lediglich dazu beitragen, ihre Äußerung und ihre Erinnerung
zu unterdrücken. Diese im Kampf aufgetauchten geschichtlichen Formen sind jedoch gerade das praktische Milieu, das
der Theorie fehlte, um wahr zu sein. Sie sind eine Forderung der Theorie; die jedoch nicht theoretisch formuliert worden
war. Der Sowjetwar keine Entdeckung der Theorie. Und schon die höchste theoretische Wahrheit der Internationalen
Arbeiter Assoziation war ihr eigenes arbeitendes Dasein.
91. Die ersten Erfolge des Kampfes der Internationale brachten sie dazu, sich von den konfusen Einflüssen der herrschenden
Ideologie zu befreien, die in ihr fortbestanden. Aber die Niederlage und die Unterdrückung, die sie bald erfuhr, stellten
einen Konflikt zwischen zwei Auffassungen der proletarischen Revolution in den Vordergrund, die beide eine
autoritäreDimension beinhalten, durch welche die bewußte Selbstbefreiung der Klasse aufgegeben wird. Tatsächlich war
der unversöhnlich gewordene Streit zwischen Marxisten und Bakunisten zweifach, indem er zugleich die Macht in der
revolutionären Gesellschaft und die gegenwärtige Organisation der Bewegung betraf, und beim Übergang von dem einen
dieser Aspekte zu dem anderen kehren sich die Positionen der Gegner um. Bakunin bekämpfte die lllusion einer
Abschaffung der Klassen durch den autoritären Gebrauch der Staatsmacht, weil er die Neubildung einer herrschenden
bürokratischen Klasse und die Diktatur der Gelehrtesten oder derer, die dafür gehalten werden, voraussah. Marx, der
glaubte, daß ein untrennbares Reifen der wirtschaftlichen Widersprüche und der demokratischen Erziehung der Arbeiter
15
die Rolle des proletarischen Staates auf eine einfache Phase der Legalisierung neuer gesellschaftlicher Beziehungen, die
sich objektiv durchsetzen, beschränken würde, denunzierte bei Bakunin und seinen Anhängern den Autoritarismus einer
konspirativen Elite, die sich absichtlich über die Internationale gestellt hatte, mit der extravaganten Absicht, der
Gesellschaft die unverantwortliche Diktatur der Revolutionärsten oder derer, die sich als solche werden bezeichnet haben,
aufzuzwingen. Bakunin sammelte tatsächlich seine Anhänger in einer derartigen Perspektive: "Als unsichtbare Piloten
müssen wir den Volkssturm aus seiner Mitte heraus lenken, aber nicht durch eine offensichtliche Gewalt, sondern durch
die kollektive Diktatur aller Verbündeten. Durch eine Diktatur ohne Schärpe, ohne Titel und ohne offizielles Recht, die
aber um so mächtiger ist, als sie nicht den äußeren Schein der Gewalt besitzt". So haben sich zwei entgegengesetzte
ldeologien der Arbeiterrevolution bekämpft, die beide eine zum Teil wahre Kritik enthielten, aber die Einheit des
Denkens der Geschichte verloren und sich selbst als ideologische Autoritäterrichteten. Mächtige Organisationen, wie die
deutsche Siozialdemokratie und die Iberische Anarchistische Förderation, haben treu der einen oder der anderen dieser
Ideologien gedient; und überall unterschied sich das Ergebnis weit von dem, was gewollt war.
92. Den Zweck der proletarischen Revolution als unmittelbar gegenwärtig anzusehen, bildet zugleich die Größe und die
Schwäche des wirklichen anarchistischen Kampfes (denn in seinen individualistischen Varianten bleiben die Ansprüche
des Anarchismus lächerlich). Vom geschichtlichen Denken der modernen Klassenkämpfe behält der kollektivistische
Anarchismus einzig die Schlußfolgerung, und seine absolute Forderung nach dieser Schlußfolgerung äußert sich
gleichfalls durch seine entschlossene Verachtung der Methode. Seine Kritik des politischen Kampfes ist daher abstrakt
geblieben, während seine Wahl des wirtschaftlichen Kampfes selbst nur gemäß der lllusion einer endgültigen Lösung
behauptet wird, welche mit einem Schlag am Tag des Generalstreiks oder des Aufstandes auf diesem Boden erkämpft
wird. Die Anarchisten haben ein Ideal zu verwirklichen. Der Anarchismus ist die noch ideologische Negation des Staates
und der Klassen, d.h. der gesellschaftlichen Bedingungen selbst der abgesonderten Ideologie. Er ist die Ideologie der
reinen Freiheit, die alles gleichmacht und jede Idee des geschichtlichen Übels beseitigt. Dieser Gesichtspunkt der Fusion
aller Teilforderungen hat dem Anarchismus das Verdienst eingebracht, die Ablehnung aller bestehenden Verhältnisse für
die Gesamtheit des Lebens zu repräsentieren und nicht hinsichtlich einer privilegierten kritischen Spezialisierung, aber da
diese Fusion im Absoluten, nach der individuellen Laune, vor ihrer tatsächlichen Verwirklichung, betrachtet wird, hat sie
den Anarchismus auch zu einer allzu leicht merklichen Zusammenhangslosigkeit verdammt. Der Anarchismus hat nur in
jedem Kampf seine gleiche einfache totale Schlußfolgerung zu wiederholen und wieder aufs Spiel zu setzen, denn diese
erste Schlußfolgerung war von Anfang an mit der vollständigen Vollendung der Bewegung gleichgesetzt worden.
Bakunin konnte daher im Jahre 1873, als er die Föderation des Jura verließ, schreiben: "In den letzten neun Jahren
wurden innerhalb der Internationale mehr Ideen entwickelt als nötig sind, um die Welt zu retten, wenn Ideen allein die
Welt retten könnten, und ich glaube nicht, daß irgend jemand imstande ist, noch eine neue zu erfinden. Die Zeit der Ideen
ist vorbei, die Zeit für Tatsachen und Taten ist gekommen." Ohne Zweifel behält diese Auffassung vom geschichtlichen
Denken des Proletariats diese Gewißheit, daß die Ideen praktisch werden müssen, aber sie verläßt den geschichtlichen
Boden, wenn sie voraussetzt, daß die adäquaten Formen für diesen Übergang zur Praxis schon gefunden sind und nicht
mehr verändert werden.
93. Die Anarchisten, die sich ausdrücklich von der Gesamtheit der Arbeiterbewegung durch ihre ideologische Überzeugung
unterscheiden, reproduzieren untereinander diese Trennung der Kompetenzen, indem sie einen günstigen Boden für die
informelle Herrschaft der Propagandisten und Verteidiger ihrer eigenen Ideologie über jede anarchistische Organisation
schaffen, und diese Spezialisten sind im allgemeinen um so mittelmäßiger, als ihre intellektuelle Tätigkeit hauptsächlich
darauf ausgeht, einige endgültige Wahrheiten zu wiederholen. Die ideologische Achtung vor der Einstimmigkeit in der
Entscheidung hat vielmehr die unkontrollierte Autorität von Spezialisten der Freiheit in der Organisation selbst
begünstigt, und der revolutionäre Anarchismus erwartet vom befreiten Volk die gleiche Art von Einstimmigkeit, welche
mit den gleichen Mitteln erreicht wird. Im übrigen hat die Weigerung, den Gegensatz zwischen den Bedingungen einer
im derzeitigen Kampf gruppierten Minderheit und denen der Gesellschaft freier Individuen in Betracht zu ziehen, eine
ständige Trennung der Anarchisten im Moment der gemeinsamen Entscheidung genährt, wie das Beispiel einer Unzahl
anarchistischer Aufstände in Spanien zeigt, die örtlich begrenzt waren und örtlich niedergeschlagen wurden.
94. Die im echten Anarchismus mehr oder weniger ausdrücklich unterhaltene Illusion ist das ständige nahe Bevorstehen einer
Revolution, die der Ideologie und der aus ihr abgeleiteten praktischen Organisationsform durch ihre augenblickliche
Vollendung Recht geben soll. Der Anarchismus hat 1936 wirklich eine soziale Revolution und den fortgeschrittensten
Entwurf einer proletarischen Gewalt geleitet, den es jemals gegeben hat. In diesem Umstande ist noch zu bemerken, daß
einerseits das Signal eines allgemeinen Aufstandes durch das Pronunciamento der Armee aufgezwungen worden war.
Indem diese Revolution in den ersten Tagen nicht vollendet worden war, nämlich aufgrund der Existenz einer
Franquistischen Macht in der Hälfte des Landes, die stark vom Ausland unterstützt wurde, während die restliche
internationale proletarische Bewegung bereits besiegt war, und aufgrund des Fortbestandes bürgerlicher Kräfte oder
anderer staatssozialistischer Arbeiterparteien im Lager der Republik, zeigte sich andererseits die organisierte
16
Anarchistenbewegung unfähig, die halben Siege der Revolution auszudehnen oder selbst zu verteidigen. Ihre anerkannten
Chefs wurden Minister und Geiseln des bürgerlichen Staates, der die Revolution zerschlug, um den Bürgerkrieg zu
verlieren.
95. Der "orthodoxe Marxismus" der II. Internationale ist die wissenschaftliche Ideologie der sozialistischen Revolution, die
ihre ganze Wahrheit mit dem objektiven Prozeß in der Wirtschaft und mit dem Fortschritt einer Anerkennung dieser
Notwendigkeit in der von der Organisation erzogenen Arbeiterklasse identisch setzt. Diese Ideologie findet das Vertrauen
in die pädagogische Beweisführung wieder, das den utopischen Sozialismus charakterisiert hatte, ergänzt es aber durch
eine kontemplative Bezugnahme auf den Lauf der Geschichte: eine derartige Haltung hat jedoch ebenso die Hegelsche
Dimension einer totalen Geschichte wie auch das unbewegliche Bild der Totalität verloren, das in der utopischen Kritik
(am stärksten bei Fourier) vorhanden war. Aus einer solchen wissenschaftlichen Haltung, der natürlich nichts anderes
übrig blieb, als zumindest symmetrische sittliche Alternativen wiederzubeleben, stammen die Albernheiten Hilferdings,
wenn er präzisiert, daß die Anerkennung der Notwendigkeit des Sozialismus keine "Anweisung zu praktischem Verhalten
ist. Denn etwas anderes ist es, eine Notwendigkeit zu erkennen, etwas anderes, sich in den Dienst dieser Notwendigkeit
zu stellen" (Das Finanzkapital). Diejenigen, die verkannt haben, daß für Marx und das revolutionäre Proletariat das
einheitliche geschichtliche Denken von einer anzunehmenden praktischen Haltung nicht zu unterscheiden war, mußten
normalerweise Opfer der Praxis werden, die sie gleichzeitig angenommen hatten.
96. Die Ideologie der sozialdemokratischen Organisation stellte sie unter die Gewalt der Lehrer, die die Arbeiterklasse
erzogen, und die angenommene Organisationsform war die adäquate Form dieser passiven Schulung. Die Teilnahme der
Sozialisten der II. Internationale an den politischen und wirtschaftlichen Kämpfen war ohne Zweifel konkret, aber zutiefst
unkritisch. Sie wurde im Namen der revolutionären Illusion, gemäß einer offenbar reformistischen Praxis geführt. So
sollte die revolutionäre Ideologie gerade durch den Erfolg derer zerschlagen werden, die ihre Träger waren. Die
Absonderung der Abgeordneten und der Journalisten in der Bewegung verleitete diejenigen, die ohnehin schon unter den
bürgerlichen Intellektuellen abgeworben worden waren, zur bürgerlichen Lebensweise. Die Gewerkschaftsbürokratie
machte gerade diejenigen, die aus den Kämpfen der Industriearbeiter heraus abgeworben und aus ihnen herausgezogen
worden waren, zu Maklern der als Ware zu ihrem gerechten Preis zu verkaufenden Arbeitskraft. Damit ihrer aller
Tätigkeit etwas Revolutionäres behalten hätte, wäre es erforderlich gewesen, daß der Kapitalismus in diesem Moment
außerstande gewesen wäre, diesen Reformismus, den er politisch in ihrer legalistischen Agitation tolerierte, wirtschaftlich
zu tragen. Eine solche Unverträglichkeit wurde von ihrer Wissenschaft gesichert und von der Geschichte jederzeit
widerlegt.
97. Dieser Widerspruch, dessen Realität Bernstein ehrlich aufzeigen wollte, weil er der Sozialdemokrat war, der von der
politischen Ideologie am weitesten entfernt war und sich am offensten der Methodologie der bürgerlichen Wissenschaft
angeschlossen hatte, - diese Realität wurde auch von der reformistischen Bewegung der englischen Arbeiter aufgezeigt,
indem sie auf eine revolutionäre Ideologie verzichtete -, sollte dennoch erst durch die geschichtliche Entwicklung selbst
unwiderlegbar bewiesen werden. Bernstein hatte, obwohl er im übrigen voll von Illusionen war, bestritten, daß eine Krise
der kapitalistischen Produktion auf wunderbare Weise die Sozialisten zur Tat zwingen würde, die nur durch eine legitime
Salbung die Erbschaft der Revolution antreten wollten. Der Augenblick tiefgreifender gesellschaftlicher Umwälzung, der
mit dem ersten Weltkrieg eintrat, bewies zweimal, wenn er auch an Bewußtseinsbildung fruchtbar war, daß die
sozialdemokratische Hierarchie die deutschen Arbeiter nicht revolutionär erzogen hatte, sie in keiner Weise zu
Theoretikern gemacht hatte: zuerst, als sich die große Mehrheit der Partei dem imperialistischen Krieg anschloß und
dann, als sie in der Niederlage die spartakistischen Revolutionäre zermalmte. Der Exarbeiter Ebert glaubte noch an die
Sünde, denn er gab zu, die Revolution "wie die Sünde" zu hassen. Und dieser gleiche Arbeiterführer erwies sich später als
guter Vorläufer der sozialistischen Repräsentation, die sich wenig später dem Proletariat in Rußland und anderswo als
absoluter Feind entgegenstellen sollte, als er das genaue Programm dieser neuen Entfremdung formulierte: "Sozialismus
heißt viel arbeiten."
98. Lenin war als marxistischer Denker nur der konsequente und treue Kautskyaner, der die revolutionäre Ideologie dieses
"orthodoxen Marxismus" unter den russischen Bedingungen anwandte, die die reformistische Praxis nicht zuließen,
welche im Gegenteil von der II. Internationale durchgeführt wurde. Die äußereFührung des Proletariats, die vermittels
einer den zu "Berufsrevolutionären" gewordenen Intellektuellen unterstellten, disziplinierten, geheimen Partei handelt,
besteht hier in einem Beruf, der mit keinem Führungsberuf der kapitalistischen Gesellschaft paktieren will (übrigens war
das politische Regime des Zarismus außerstande, eine solche Öffnung zu bieten, deren Basis in einem fortgeschrittenen
Stadium der Macht der Bourgeoisie besteht). Sie wird also zum Beruf der absoluten Führungder Gesellschaft.
99. Der autoritäre ideologische Radikalismus der Bolschewisten hat sich mit dem Krieg und dem Zusammenbruch der
internationalen Sozialdemokratie angesichts des Krieges weltweit entfaltet. Das blutige Ende der demokratischen
Illusionen der Arbeiterbewegung hatte aus der ganzen Welt ein Rußland gemacht, und der Bolschewismus, der den ersten
17
revolutionären Bruch, den diese Krisenepoche mit sich gebracht hatte, beherrschte, bot dem Proletariat aller Länder sein
hierarchisches und ideologisches Modell an, um mit der herrschenden Klasse "russisch zu sprechen". Lenin hat dem
Marxismus der II. Internationale nicht vorgeworfen, eine revolutionäre ldeologie zu sein, sondern keine mehr zu sein.
100. Derselbe geschichtliche Moment, in dem der Bolschewismus in Rußland für sich selbst siegte, und die Sozialdemokratie
siegreich für die alte Welt kämpfte, bezeichnet die vollendete Entstehung einer Ordnung der Dinge, welche im
Mittelpunkt der Herrschaft des modernen Spektakels steht: die Arbeiterrepräsentation hat sich radikal der Klasse
entgegensetzt.
101. "In allen früheren Revolutionen", schrieb Rosa Luxemburg in der Roten Fahne vom 21. Dezember 1918, "traten die
Kämpfer mit offenem Visier in die Schranken: Klasse gegen Klasse, Programm gegen Programm In der heutigen
Revolution treten die Schutzgruppen der alten Ordnung nicht unter eigenen Schildern und Wappen der herrschenden
Klassen, sondern unter der Fahne einer "sozialdemokratischen Partei" in die Schranken Würde die Kardinalfrage der
Revolution offen und ehrlich: Kapitalismus oder Sozialismus lauten, ein Zweifeln, ein Schwanken wäre in der großen
Masse des Proletariats heute unmöglich". So entdeckte die radikale Strömung des deutschen Proletariats wenige Tage vor
ihrer Zerstörung das Geheimnis der neuen Bedingungen, die der gesamte vorherige Prozeß (zu dem die
Arbeiterrepräsentation erheblich beigetragen hatte) geschaffen hatte: die spektakuläre Organisation der Verteidigung der
bestehenden Ordnung, das gesellschaftliche Reich des Scheins, wo keine "Kardinalfrage" mehr "offen und ehrlich"
gestellt werden kann. Die revolutionäre Repräsentation des Proletariats war in diesem Stadium zugleich der Hauptfaktor
und das zentrale Ergebnis der allgemeinen Verfälschung der Gesellschaft geworden.
102. Die Organisation des Proletariats nach dem bolschewistischen Modell, die aus der russischen Rückständigkeit und dem
Verzicht der Arbeiterbewegung der fortgeschrittenen Länder auf den revolutionären Kampf entstanden war, traf auch in
der russischen Rückständigkeit alle Bedingungen, durch welche diese Organisationsform zur konterrevolutionären
Verkehrung geführt wurde, die sie bewußtlos in ihrem Urkeim enthielt; und der wiederholte Verzicht der Masse der
europäischen Arbeiterbewegung auf das Hic Rhodus, hic salta der Periode 1918 -1920, dieser Verzicht, der die
gewaltsame Zerstörung ihrer radikalen Minderheit einschloß, begünstigte die vollständige Entwicklung des Prozesses und
so konnte sich dessen verlogenes Ergebnis vor der Welt als die einzige proletarische Lösung behaupten. Die Ergreifung
des staatlichen Monopols der Repräsentation und der Verteidigung der Macht der Arbeiter, die die bolschewistische
Partei rechtfertigte, ließ sie zu dem werden, was sie war: die Partei der Eigentümer des Proletariats, die die vorherigen
Formen des Eigentums im wesentlichen beseitigte.
103. Alle die Bedingungen der Liquidierung des Zarismus, die in der stets unbefriedigenden theoretischen Debatte der
verschiedenen Tendenzen der russischen Sozialdemokratie seit zwanzig Jahren in Betracht gezogen wurden - Schwäche
der Bourgeoisie, Gewicht der Bauernmehrheit, entscheidende Rolle eines konzentrierten und schlagkräftigen, aber im
Lande höchst minoritären Proletariats - zeigten endlich ihre Lösung in der Praxis durch eine Gegebenheit, die in den
Hypothesen nicht vorhanden war: die revolutionäre Bürokratie, die das Proletariat führte, gab, indem sie den Staat ergriff,
der Gesellschaft eine neue Klassenherrschaft. Die rein bürgerliche Revolution war unmöglich, die "demokratische
Diktatur der Arbeiter und Bauern" war sinnlos, die proletarische Macht der Sowjets konnte sich nicht gleichzeitig gegen
die Klasse der besitzenden Bauern, gegen die nationale und internationale weiße Reaktion und gegen ihre eigene
Repräsentation behaupten, welche als Arbeiterpartei der absoluten Herren des Staates, der Wirtschaft, der Rede und bald
auch des Denkens entäußert und entfremdet war. Die Theorie der permanenten Revolution von Trotzki und Parvus, der
sich Lenin tatsächlich im April 1917 anschloß, war die einzige, die für die im Verhältnis zur gesellschaftlichen
Entwicklung der Bourgeoisie zurückgebliebenen Länder wahr wurde, aber dies erst nach der Einführung dieses
unbekannten Faktors: der Klassengewalt der Bürokratie. Die Konzentration der Diktatur in den Händen der obersten
Repräsentation der Ideologie wurde in den zahlreichen Auseinandersetzungen innerhalb der bolschewistischen Führung
am konsequentesten von Lenin verteidigt. Lenin hatte gegenüber seinen Gegnern jedesmal insofern Recht, als er die
Lösung unterstützte, die die vorangegangenen Entscheidungen der minoritären absoluten Macht implizierten: die den
Bauern staatlich verweigerte Demokratie mußte auch den Arbeitern verweigert werden, was darauf hinauslief, sie auch
den kommunistischen Gewerkschaftsführern und in der ganzen Partei und schließlich bis hoch in die Spitze der
hierarchischen Partei zu verweigern. Auf dem X. Kongreß, im Moment, in dem der Sowjet von Kronstadt mit Waffen
niedergeschlagen und unter Verleumdungen begraben worden war, kam Lenin in der Auseinandersetzung mit den
linksradikalen Bürokraten, die in der "Arbeiteropposition" organisiert waren, zu dem Schluß, dessen Logik Stalin bis hin
zu einer vollkommenen Teilung der Welt fortführte: "Hier oder dort mit einem Gewehr, aber nicht mit der Opposition
Wir haben genug von der Opposition."
104. Die Bürokratie, die als einzige Eigentümerin eines Staatskapitalismus übriggeblieben war, sicherte nach Kronstadt, zur
Zeit der "neuen Wirtschaftspolitik", zuerst ihre Macht im Inneren durch eine zeitweilige Allianz mit der Bauernschaft, so
wie sie sie nach außen verteidigte, indem sie die in den bürokratischen Parteien der III. Internationale eingereihten
18
Arbeiter als Hilfskraft der russischen Diplomatie benutzte, um jede revolutionäre Bewegung zu sabotieren und
bürgerliche Regierungen zu unterstützen, von denen sie einen Beistand in der Weltpolitik erwartete (die Macht der
Kuomintang im China 1925-1927, die Volksfront in Spanien und Frankreich usw.). Aber die bürokratische Gesellschaft
mußte ihre eigene Vollendung mit Hilfe des Terrors über die Bauernschaft fortführen, um die brutalste ursprünglichste
kapitalistische Akkumulation der Geschichte durchzuführen. Diese Industrialisierung der stalinistischen Epoche enthüllt
die letzte Realität der Bürokratie: Sie ist die Fortsetzung der Macht, der Wirtschaft, die Rettung des Wesentlichen der
Warengesellschaft durch die Aufrechterhaltung der Arbeit als Ware. Sie ist der Beweis der unabhängigen Wirtschaft, die
die Gesellschaft so weit beherrscht, daß sie für ihre eigenen Ziele die Klassenherrschaft wiederherstellt, die sie notwendig
braucht, was mit anderen Worten heißt, daß die Bourgeoisie eine autonome Macht geschaffen hat, die, solange diese
Autonomie besteht, so weit gehen kann, daß sie ohne Bourgeoisie auskommt. Die totalitäre Bürokratie ist nicht "die letzte
Klasse, die Eigentümer der Geschichte" wäre, wie Bruno Rizzi meinte, sondern lediglich eine herrschende Ersatzklasse
für die Warenwirtschaft. Das geschwächte kapitalistische Privateigentum wird durch ein vereinfachtes, nicht so
verschiedenartiges, als kollektives Eigentum der bürokratischen Klasse konzentriertes Nebenprodukt ersetzt. Diese
unterentwickelte Form einer herrschenden Klasse ist auch der Ausdruck der wirtschaftlichen Unterentwicklung und kennt
nur die Perspektive, diesen Entwicklungsrückstand in bestimmten Gegenden der Welt einzuholen. Die nach dem
bürgerlichen Modell der Absonderung organisierte Arbeiterpartei hat für diese Ergänzungsaufgabe der herrschenden
Klasse den hierarchisch-staatlichen Rahmen geschaffen. Anton Ciliga notierte in einem Gefängnis Stalins, daß "die
technischen Organisationsprobleme sich als gesellschaftliche Probleme erwiesen" (Lenin und die Revolution).
105. Die revolutionäre Ideologie, d.h. die Kohärenz des Getrennten - dessen größte voluntaristische Anstrengung der
Leninismus bildet -, die die Verwaltung einer Realität innehat, die sie abweist, wird mit dem Stalinismus wieder zu ihrer
Wahrheit in der Inkohärenz gelangen. In diesem Augenblick ist die Ideologie keine Waffe mehr, sondern ein Ziel. Die
Lüge, die nicht mehr widerlegt wird, wird zum Wahnsinn. In der totalitären ideologischen Proklamation ist die Realität
ebenso wie der Zweck aufgelöst: alles, was sie sagt, ist alles, was ist. Sie ist ein lokaler Primitivismus des Spektakels,
dessen Rolle jedoch in der Entwicklung des Weltspektakels wesentlich ist. Die Ideologie, die sich hier materialisiert, hat
nicht die Welt wirtschaftlich verändert, wie der zum Stadium des Überflusses gelangte Kapitalismus: sie hat lediglich die
Wahrnehmung polizeilich verändert.
106. Die machthabende totalitär-ideologische Klasse ist die Macht einer verkehrten Welt: je stärker sie ist, um so mehr
behauptet sie, daß sie nicht existiert, und ihre Stärke dient ihr zunächst dazu, ihre Nichtexistenz zu behaupten. Nur in
diesem Punkt ist sie bescheiden, denn ihre offizielle Nichtexistenz muß auch mit dem nec plus ultrader geschichtlichen
Entwicklung zusammenfallen, das man gleichzeitig angeblich ihrer unfehlbaren Führung verdanken soll. Die überall zur
Schau gestellte Bürokratie muß für das Bewußtsein die unsichtbare Klasse sein, so daß das ganze gesellschaftliche Leben
verrückt wird. Die gesellschaftliche Organisation der absoluten Lüge folgt aus diesem grundlegenden Widerspruch.
107. Der Stalinismus war die Schreckensherrschaft innerhalb der bürokratischen Klasse selbst. Der Terrorismus, der die Macht
dieser Klasse begründet, muß auch diese Klasse treffen, denn sie hat als besitzende Klasse keine juristische Garantie,
keine anerkannte Existenz, die sie auf jedes ihrer Mitglieder ausdehnen könnte. Ihr wirkliches Eigentum ist versteckt, und
sie ist nur mit Hilfe des falschen Bewußtseins zur Eigentümerin geworden. Das falsche Bewußtsein behauptet seine
absolute Macht nur durch den absoluten Terror, in dem jede wahre Begründung endlich verloren geht. Die Mitglieder der
machthabenden bürokratischen Klasse haben nur insofern kollektiv das Besitzungsrecht über die Gesellschaft, als sie bei
einer grundlegenden Lüge mitwirken: Sie müssen die Rolle des eine sozialistische Gesellschaft führenden Proletariats
spielen; sie müssen die dem Text der ideologischen Untreue treuen Schauspieler sein. Aber die wirkliche Mitwirkung bei
diesem Verlogensein muß selbst als eine wahrhaftige Mitwirkung anerkannt werden. Kein Bürokrat kann individuell sein
Recht auf die Macht behaupten, denn sich als einen sozialistischen Proletarier zu erweisen, würde heißen, sich als das
Gegenteil eines Bürokraten zu zeigen; und sich als einen Bürokraten zu erweisen, ist ihm unmöglich, denn die offizielle
Wahrheit der Bürokratie ist ihr Nichtsein. So befindet sich jeder Bürokrat in der absoluten Abhängigkeit einer zentralen
Garantieder Ideologie, die eine kollektive Mitwirkung aller der Bürokratenan ihrer "sozialistischen Macht" anerkennt,
welche sie nicht vernichtet. Wenn die Bürokraten insgesamt über alles entscheiden, kann der Zusammenhalt ihrer eigenen
Klasse nur durch die Konzentration ihrer terroristischen Macht in einer einzigen Person gesichert werden. In dieser
Person liegt die einzige praktische Wahrheit der machthabenden Lüge: die unbestreitbare Festsetzung ihrer stets
berichtigten Grenze. In letzter Instanz bestimmt Stalin, wer schließlich besitzender Bürokrat ist; d.h. wer als
"machthabender Proletarier" oder als "vom Mikado und Wallstreet gekaufter Verräter" bezeichnet werden muß. Die
bürokratischen Atome finden nur in der Person Stalins das gemeinsame Wesen ihres Rechts. Stalin ist dieser Herr der
Welt, der sich auf diese Weise die absolute Person ist, für deren Bewußtsein kein höherer Geist existiert. "Der Herr der
Welt hat das wirkliche Bewußtsein dessen, was er ist, der allgemeinen Macht der Wirklichkeit, in der zerstörenden
Gewalt, die er gegen das ihm gegenüber stehende Selbst seiner Untertanen ausübt". Während er die Macht ist, die den
Boden der Herrschaft bestimmt, ist er ebenso "das zerstörende Wühlen in diesem Boden".
19
108. Wenn sich die durch den Besitz der absoluten Macht absolut gewordene Theologie von einer parzellierten Kenntnis zu
einer totalitären Lüge verwandelt hat, ist das Denken der Geschichte so vollkommen vernichtet worden, daß die
Geschichte selbst auf der Ebene der empirischen Kenntnis nicht mehr existieren kann. Die totalitäre bürokratische
Gesellschaft lebt in einer immerwährenden Gegenwart, in welcher für sie alles, was geschehen ist, nur als für ihre Polizei
zugänglicher Raum existiert. Der schon von Napoleon formulierte Vorsatz, "die Energie der Erinnerungen monarchisch
zu leiten", hat in einer ständigen Manipulation der Vergangenheit nicht nur in ihren Bedeutungen, sondern auch in ihren
Tatsachen seine volle Konkretisierung gefunden. Aber der Preis dieser Befreiung von jeder geschichtlichen Realität ist
der Verlust des für die geschichtliche Gesellschaft des Kapitalismus unentbehrlichen, rationellen Bezuges. Es ist bekannt,
wieviel die wissenschaftliche Anwendung der zum Wahnsinn gewordenen Ideologie die russische Wirtschaft gekostet hat
und sei es auch nur durch den Betrug Lyssenkos. Dieser Widerspruch der eine industrialisierte Gesellschaft verwaltenden
totalitären Bürokratie, die zwischen ihrem Bedarf an Rationellem und ihrer Ablehnung des Rationellen gefangen ist,
bildet auch einen der Hauptmängel dieser Bürokratie gegenüber der normalen kapitalistischen Entwicklung. So wie die
Bürokratie die Landwirtschaftsfrage schlechter lösen kann, als es die kapitalistische Entwicklung vermag, so steht sie ihr
schließlich ebenfalls in der Industrieproduktion nach, welche autoritär auf der Basis des Irrealismus und der
verallgemeinerten Lüge geplant wird.
109. Die revolutionäre Arbeiterbewegung zwischen den beiden Kriegen wurde durch das vereinte Wirken der stalinistischen
Bürokratie und des faschistischen Totalitarismus, der seine Organisationsform der in Rußland probierten totalitären Partei
entlehnt hatte, vernichtet. Der Faschismus war eine extremistische Verteidigung der von der Krise und der proletarischen
Subversion bedrohten bürgerlichen Wirtschaft, d.h. er war der Belagerungszustand in der kapitalistischen Gesellschaft,
durch den sich diese Gesellschaft rettet und sich eine erste Notrationalisierung gibt, indem sie den Staat in ihre
Verwaltung massiv eingreifen läßt. Aber eine solche Rationalisierung ist selbst mit der ungeheuren Irrationalität ihres
Mittels belastet. Wenn auch der Faschismus die Verteidigung der Hauptpunkte der konservativ gewordenen bürgerlichen
Ideologie (die Familie, das Eigentum, die Sittenordnung, die Nation) übernimmt, indem er das Kleinbürgertum mit den
Arbeitslosen vereinigt, die aufgrund der Krise verwirrt oder durch die Ohnmacht der sozialistischen Revolution
enttäuscht sind, so ist er selbst keineswegs durch und durch ideologisch. Er gibt sich als das, was er ist: eine gewaltsame
Auferstehung des Mythos, der die Teilnahme an einer Gemeinschaft verlangt, die durch archaische Pseudowerte definiert
wird: die Rasse, das Blut, den Führer. Der Faschismus ist der technisch ausgerüstete Archaismus. Sein verfaulter Ersatz
des Mythos wird im spektakulären Zusammenhang der modernsten Mittel des Dressierens und der Täuschung wieder
aufgenommen. So ist er einer der Faktoren bei der Herausbildung des modernen Spektakelwesens, so wie ihn sein Anteil
an der Zerstörung der alten Arbeiterbewegung zu einer der Gründermächte der gegenwärtigen Gesellschaft macht; aber
da der Faschismus auch die kostspieligste Form der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung ist, mußte er
normalerweise, als er durch rationellere und stärkere Formen dieser Ordnung beseitigt wurde, vom Vordergrund der
Bühne abtreten, auf der die kapitalistischen Staaten die großen Rollen spielen.
110. Als es der russischen Bürokratie endlich gelungen war, sich der Reste des bürgerlichen Eigentums zu entledigen, die ihre
Herrschaft über die Wirtschaft behinderten, diese für ihren eigenen Gebrauch zu entwickeln und im Ausland unter den
Großmächten anerkannt zu werden, will sie in Ruhe ihre eigene Welt genießen, und deren Teil von Willkür abschaffen,
der auf sie selbst wirkte: sie denunziert den Stalinismus ihres Ursprungs. Aber eine derartige Denunziation bleibt
stalinistisch, willkürlich, unerklärt und ständig berichtigt, denn die ideologische Lüge ihres Ursprungs kann niemals
offenbart werden. So kann sich die Bürokratie weder kulturell noch politisch liberalisieren, denn ihr Bestehen als Klasse
hängt von ihrem ideologischen Monopol ab, das in seiner ganzen Schwere ihren einzigen Eigentumstitel bildet. Die
Ideologie hat zwar die Leidenschaft ihrer positiven Behauptung verloren, aber was davon als gleichgültige Trivialität
übrigbleibt, hat noch die repressive Funktion, die geringste Konkurrenz zu verbieten, und die Ganzheit des Denkens
gefangenzuhalten. Die Bürokratie ist daher mit einer Ideologie verknüpft, an die niemand mehr glaubt. Was terroristisch
war, ist lächerlich geworden, aber diese Lächerlichkeit selbst kann sich nur dadurch aufrechterhalten, daß sie im
Hintergrund den Terrorismus aufbewahrt, von dem sie sich freimachen möchte. So bekennt sich die Bürokratie gerade in
dem Moment, in dem sie auf dem Boden des Kapitalismus ihre Überlegenheit beweisen will, als arme Verwandte des
Kapitalismus. So wie ihre tatsächliche Geschichte ihrem Recht widerspricht, und ihre auf plumpe Weise
aufrechterhaltene Unwissenheit ihren wissenschaftlichen Ansprüchen zuwiderläuft, so wird ihr Plan, in der Produktion
eines Warenüberflusses mit der Bourgeoisie zu rivalisieren, dadurch behindert, daß ein derartiger Überfluß in sich seine
implizierte Ideologie trägt und normalerweise von einer unendlich ausgedehnten Freiheit falscher spektakulärer
Wahlmöglichkeiten begleitet wird, von einer Pseudofreiheit, die mit der bürokratischen Ideologie unvereinbar bleibt.
111. In diesem Moment der Entwicklung bricht der ideologische Eigentumstitel der Bürokratie bereits im Weltmaßstabe
zusammen. Die Macht, die sich national als grundlegend internationalistisches Modell etabliert hatte, muß zugeben, daß
sie nicht mehr behaupten kann, ihre lügenhafte Kohäsion jenseits jeder nationalen Grenze aufrechtzuerhalten. Die
ungleiche Wirtschaftsentwicklung, die Bürokratien mit konkurrierenden Interessen erfahren, denen es gelungen ist, ihren
20
"Sozialismus" außerhalb eines einzigen Landes zu besitzen, hat zur öffentlichen und vollständigen Auseinandersetzung
zwischen der russischen und der chinesischen Lüge geführt. Von diesem Punkt an muß jede Bürokratie, die an der Macht
ist, oder jede totalitäre Partei, die sich um die von der stalinistischen Periode in einigen nationalen Arbeiterklassen
hinterlassene Macht bewirbt, ihren eigenen Weg gehen. Der weltweite Zerfall der Allianz der bürokratischen
Mystifizierung, der zu den Äußerungen der inneren Negation hinzutritt, die sich vor der Welt mit dem Arbeiteraufstand in
Ostberlin, der den Bürokraten ihre Forderung nach einer "Metallarbeiterregierung" entgegensetzte, zu behaupten
begannen, und die sogar einmal bis zur Macht der Arbeiterräte in Ungarn führten, erwies sich in letzter Analyse als der
ungünstigste Faktor für die heutige Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft. Die Bourgeoisie ist auf dem Wege, den
Gegner zu verlieren, der sie objektiv stützte, indem er jede Negation der bestehenden Ordnung illusorisch vereinte. Eine
solche Teilung der spektakulären Arbeit sieht ihrem Ende entgegen, wenn sich die pseudorevolutionäre Rolle ihrerseits
teilt. Das spektakuläre Element der Auflösung der Arbeiterbewegung wird selbst aufgelöst.
112. Die leninistische Illusion hat heute nur noch in den verschiedenen trotzkistischen Richtungen eine Basis, in denen die
Identifizierung des proletarischen Projektes mit einer hierarchischen Organisation der Ideologie unerschütterlich die
Erfahrungen all ihrer Ergebnisse überlebt. Die Distanz, die den Trotzkismus von der revolutionären Kritik der
gegenwärtigen Gesellschaft trennt, erlaubt ihm auch seine respektvolle Distanz gegenüber Positionen, die bereits falsch
waren, als sie sich in einem wirklichen Kampf abnutzten. Trotzki blieb bis 1927 mit der hohen Bürokratie von Grund aus
solidarisch und versuchte gleichzeitig, sich ihrer zu bemächtigen, um sie zur Wiederaufnahme einer wirklichen
bolschewistischen Aktion im Ausland zu bewegen (es ist bekannt, daß er damals sogar verleumderisch seinen
Kampfgefährten Max Eastman verleugnete, um mitzuhelfen, das berühmte "Testament Lenins" zu verheimlichen, das
dieser bekannt gemacht hatte). Trotzki wurde durch seine grundlegende Perspektive verurteilt, denn im Moment, in dem
die Bürokratie sich selbst in ihrem Ergebnis als konterrevolutionäre Klasse im Inland erkennt, muß sie sich auch dazu
entscheiden, im Ausland im Namen der Revolution tatsächlich konterrevolutionär zu sein, so wie im Inland. Der spätere
Kampf Trotzkis für eine IV. Internationale enthält die gleiche Inkonsequenz. Er hat sich sein ganzes Leben lang
geweigert, in der Bürokratie die Macht einer getrennten Klasse anzuerkennen, weil er während der zweiten russischen
Revolution ein bedingungsloser Anhänger der bolschewistischen Organisationsform geworden war. Als Lukacs 1923 in
dieser Form die endlich gefundene Vermittlung zwischen Theorie und Praxis zeigte, bei der die Proletarier nicht mehr
"Zuschauer" der Ereignisse sind, die in ihrer Organisation geschehen, sondern sie bewußt gewählt und erlebt haben,
beschrieb er als tatsächliche Verdienste der bolschewistischen Partei all das, was die bolschewistische Partei nicht war.
Lukacs war noch, neben seiner tiefen theoretischen Arbeit, ein Ideologe, der im Namen einer Macht sprach, die auf die
vulgärste Weise außerhalb der proletarischen Bewegung stand, und der glaubte und glauben ließ, daß er sich selbst, mit
seiner ganzen Persönlichkeit, in dieser Macht befand, als ob er sich in seiner eigenen Macht befände. Während in der
Folge offen zu Tage trat, auf welche Weise diese Macht ihre Knechte verleugnet und beseitigt, zeigte Lukacs, der sich
ständig selbst verleugnete, mit karikaturaler Deutlichkeit, womit genau er sich identifiziert hatte: mit dem Gegenteil
seiner selbst und all dessen, was er in Geschichte und Klassenbewußtsein verteidigt hatte. Lukacs bewahrheitet am besten
die Grundregel, an der alle Intellektuellen dieses Jahrhunderts zu beurteilen sind: an dem, was sie achten, läßt sich ganz
genau ihre eigene verachtenswerte Realität ermessen. Lenin hatte diese Art von Illusionen über seine Tätigkeit nicht
gefördert, denn er gab zu, daß "eine politische Partei nicht ihre Mitglieder überprüfen kann, um festzustellen, ob
Widersprüche zwischen deren Philosophie und dem Programm der Partei bestehen". Die wirkliche Partei, deren
Traumporträt Lukacs zur Unzeit dargestellt hatte, war nur für die Ausführung einer präzisen Teilaufgabe kohärent: d.h.
für die Ergreifung der Macht im Staat.
113. Weil die neoleninistische Illusion des heutigen Trotzkismus von der Realität der modernen kapitalistischen Gesellschaft,
der bürgerlichen wie der bürokratischen, alle Augenblicke widerlegt wird, findet sie natürlich in den formal
unabhängigen "unterentwickelten" Ländern einen bevorzugten Geltungsbereich, in denen die Illusionen irgendeiner
Variante des bürokratischen Staatssozialismus als einfache Ideologie der Herrschaftsentwicklung von den lokalen
herrschenden Klassen bewußt manipuliert wird. Die zwitterhafte Zusammensetzung dieser Klassen hängt mehr oder
weniger deutlich einer Abstufung auf dem Spektrum Bourgeoisie-Bürokratie an. Ihr Spiel im internationalen Maßstab
zwischen diesen beiden Polen der bestehenden kapitalistischen Gewalt und - ebenso ihre ideologischen Kompromisse -
insbesondere mit dem Islam - die die zwitterhafte Realität ihrer gesellschaftlichen Basis ausdrücken, nehmen vollends
diesem letzten Nebenprodukt des ideologischen Sozialismus jeden Ernst außer dem polizeilichen. Eine Bürokratie konnte
sich aus den Stammtruppen des nationalen Kampfes und des Agraraufstandes der Bauern herausbilden: dann ist sie
bestrebt, wie in China, das stalinistische Industrialisierungsmodell in einer Gesellschaft anzuwenden, die weniger
entwickelt ist als das Rußland von 1917. Eine Bürokratie, die dazu fähig ist, die Nation zu industrialisieren, kann sich aus
dem Kleinbürgertum bilden, als Kader der Armee die Macht ergreifen, wie das Beispiel Ägyptens zeigt. An einigen
Punkten, wie im Algerien am Ende seines Krieges um die Unabhängigkeit, sucht die Bürokratie, die sich während des
Kampfes als parastaatliche Führung gebildet hat, den Gleichgewichtspunkt eines Kompromisses, um mit einer schwachen
21
nationalen Bourgeoisie zu fusionieren. Schließlich bildet sich in den ehemaligen Kolonien des schwarzen Afrikas, die
offen mit der westlichen, d.h. amerikanischen und europäischen Bourgeoisie verknüpft bleiben, eine Bourgeoisie -
zumeist aus der Macht der traditionellen Stammeshäuptlinge - durch den Besitz des Staates: in diesen Ländern, in denen
der ausländische Imperialismus der wahre Herr der Wirtschaft bleibt, wird ein Stadium erreicht, in dem die Compradores
als Vergütung für ihren Verkauf der Eingeborenenprodukte den Eingeborenenstaat als Eigentum bekommen haben,
welcher zwar gegenüber den lokalen Massen, nicht aber gegenüber dem Imperialismus unabhängig ist. In diesem Fall
handelt es sich um eine künstliche Bourgeoisie, die nicht fähig ist zu akkumulieren, sondern die bloß verschwendet und
zwar den ihr zukommenden Teil des Mehrwerts aus der lokalen Arbeit ebenso wie die ausländischen Subsidien der
Staaten oder der Monopole, die sie schützen. Die Offensichtlichkeit der Unfähigkeit dieser bürgerlichen Klassen, die
normale wirtschaftliche Funktion der Bourgeoisie zu erfüllen, führt dazu, daß sich gegenüber jeder dieser Klassen eine
Subversion nach dem mehr oder weniger den örtlichen Besonderheiten angepaßten bürokratischen Modell bildet, die die
Erbschaft der Bourgeoisie übernehmen will. Aber der Erfolg selbst einer Bürokratie bei ihrem Hauptprojekt der
Industrialisierung enthielt notwendig die Perspektive ihres geschichtlichen Scheiterns: wenn sie das Kapital akkumuliert,
akkumuliert sie auch das Proletariat, und erzeugt ihre eigene Widerlegung in einem Land, in dem es noch nicht
vorhanden war.
114. In dieser komplexen und furchtbaren Entwicklung, die die Epoche der Klassenkämpfe zu neuen Bedingungen geführt hat,
hat das Proletariat der industriellen Länder völlig die Behauptung seiner selbständigen Perspektive und schließlich seine
Illusionen, doch nicht sein Sein verloren. Es ist nicht aufgehoben. Seine Existenz in der gesteigerten Entfremdung des
modernen Kapitalismus dauert unerbittlich fort: dieses Proletariat besteht aus der ungeheuren Mehrzahl der Arbeiter, die
jede Macht über die Bestimmung ihres Lebens verloren haben und sich, sobald sie das wissen, wieder als Proletariat
definieren, als das in dieser Gesellschaft wirkende Negative. Dieses Proletariat wird objektiv durch den Prozeß des
Verschwindens der Bauernschaft und durch die Ausweitung der Logik in der Fabrikarbeit, die sich auf einen großen Teil
der "Dienstleistungen" und der intellektuellen Berufe erstreckt, verstärkt. Subjektiv ist dieses Proletariat noch von seinem
praktischen Klassenbewußtsein entfernt, nicht nur bei den Angestellten, sondern auch bei den Arbeitern, die erst die
Machtlosigkeit und die Mystifizierung der alten Politik entdeckt haben. Wenn das Proletariat jedoch entdeckt, daß seine
geäußerte eigene Kraft zur fortwährenden Verstärkung der kapitalistischen Gesellschaft beiträgt, nicht mehr nur in der
Form seiner Arbeit, sondern auch in der Form der Gewerkschaften, der Parteien oder der staatlichen Macht, die es zu
seiner Emanzipierung gebildet hatte, entdeckt es auch durch die konkrete geschichtliche Erfahrung, daß es die Klasse ist,
die jeder erstarrten Äußerung und jeder Spezialisierung der Macht vollständig Feind ist. Es trägt die Revolution, die
nichts außerhalb ihrer lassen kann, die Forderung nach der fortwährenden Herrschaft der Gegenwart über die
Vergangenheit und die totale Kritik der Trennung; dazu muß es die adäquate Form in der Aktion finden. Keine
quantitative Verbesserung seines Elends, keine Illusion hierarchischer Integration ist ein dauerhaftes Heilmittel für seine
Unzufriedenheit, denn das Proletariat kann sich nicht wahrhaftig in einem besonderen Unrecht anerkennen, das an ihm
verübt worden wäre und folglich ebensowenig in der Wiedergutmachung eines besonderen Unrechts oder vieler dieser
Unrechte, sondern nur in dem Unrecht schlechthin, an den Rand des Lebens gedrängt zu sein.
115. Aus den neuen unbegriffenen und von der spektakulären Anordnung verfälschten Zeichen der Negation, die sich in den
wirtschaftlich fortgeschrittensten Ländern mehren, läßt sich bereits diese Schlußfolgerung ziehen, daß eine neue Epoche
begonnen hat. Nach dem ersten Versuch der Arbeitersubversion ist es jetzt der kapitalistische Überfluß, der gescheitert
ist. Wenn die antigewerkschaftlichen Kämpfe der westlichen Arbeiter zunächst von den Gewerkschaften unterdrückt
werden und wenn die aufständischen Strömungen der Jugend einen ersten formlosen Protest erheben, in dem jedoch die
Verweigerung der alten spezialisierten Politik, der Kunst und des Alltagslebens unmittelbar eingeschlossen ist, sind das
schon die beiden Gesichter eines neuen spontanen Kampfes, der unter verbrecherischer Erscheinungsform beginnt. Es
sind die ersten Vorzeichen des zweiten proletarischen Ansturms gegen die Klassengesellschaft. Wenn die verlorenen
Posten dieser noch bewegungslosen Armee wieder auf diesem andersgewordenen und gleichgebliebenen Gelände stehen,
folgen sie einem neuen "General Ludd", der sie diesmal zur Zerstörung der Maschinen des erlaubten Konsums losläßt.
116. "Die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte", hat in
diesem Jahrhundert in den revolutionären Arbeiterräten eine deutliche Gestalt angenommen, die in sich alle Funktionen
der Entscheidung und der Ausführung konzentrieren und sich vermittels von Vertretern föderieren, die gegenüber der
Basis verantwortlich und jederzeit abrufbar sind. Ihre tatsächliche Existenz ist bisher erst ein kurzer Versuch gewesen,
der zugleich von den verschiedenen Kräften zur Verteidigung der Klassengesellschaft, zu denen häufig auch ihr eigenes
falsches Bewußtsein zu zählen ist, bekämpft und besiegt wurde. Pannekoek betonte gerade die Tatsache, daß die Wahl
einer Macht der Arbeiterräte eher "Probleme stellt" als eine Lösung bringt. Aber diese Macht ist gerade der Ort, wo die
Probleme der Revolution des Proletariats ihre wahre Lösung finden können. Sie ist der Ort, wo die objektiven
Bedingungen des geschichtlichen Bewußtseins vereinigt sind; die Verwirklichung der aktiven, direkten Mitteilung, wo
die Spezialisierung, die Hierarchie und die Trennung aufhören, wo die bestehenden Bedingungen in "Bedingungen der
22
Einheit" verwandelt worden sind. Hier kann das proletarische Subjekt aus seinem Kampf gegen die Kontemplation
hervortreten: sein Bewußtsein ist der praktischen Organisation gleich, die es sich gegeben hat, denn dieses Bewußtsein
selbst ist untrennbar von dem kohärenten Eingriff in die Geschichte.
117. In der Macht der Räte, die jede andere Macht international ersetzen muß, ist die proletarische Bewegung ihr eigenes
Produkt und dieses Produkt ist der Produzent selbst. Sie ist sich selbst ihr eigener Zweck. Nur hier wird die spektakuläre
Verneinung des Lebens ihrerseits verneint.
118. Das Auftauchen der Räte war die höchste Realität der proletarischen Bewegung im ersten Viertel dieses Jahrhunderts,
eine Realität, die unbemerkt blieb oder entstellt wurde, weil sie mit dem Rest einer Bewegung verschwand, die durch die
Gesamtheit der damaligen geschichtlichen Erfahrung verleugnet und beseitigt wurde. In dem neuen Moment der
proletarischen Kritik kehrt dieses Ergebnis als der einzige unbesiegte Punkt der besiegten Bewegung wieder. Das
geschichtliche Bewußtsein, das weiß, daß es in ihm seinen einzigen Existenzraum hat, kann es jetzt wiedererkennen, aber
nicht mehr an der Peripherie dessen, was zurückströmt, sondern im Zentrum dessen, was steigt.
119. Eine vor der Macht der Räte bestehende revolutionäre Organisation - die im Kampf ihre eigene Form wird finden
müssen - weiß bereits aus all diesen geschichtlichen Gründen, daß sie die Klasse nicht repräsentiert. Sie muß sich selbst
nur als eine radikale Trennung von der Welt der Trennung erkennen.
120. Die revolutionäre Organisation ist der kohärente Ausdruck der Theorie der Praxis, die in nicht-einseitige Kommunikation
mit den praktischen Kämpfen tritt und zur praktischen Theorie wird. Ihre eigene Praxis ist die Verallgemeinerung der
Kommunikation und der Kohärenz in diesen Kämpfen. In dem revolutionären Augenblick der Auflösung der
gesellschaftlichen Trennung muß diese Organisation ihre eigene Auflösung als getrennte Organisation anerkennen.
121. Die revolutionäre Organisation kann nur die einheitliche Kritik der Gesellschaft sein, d.h. eine Kritik, die an keinem
Punkt der Welt mit irgendeiner Form von getrennter Macht paktiert, und eine Kritik, die global gegen alle Aspekte des
entfremdeten gesellschaftlichen Lebens ausgesprochen wird. In dem Kampf der revolutionären Organisation gegen die
Klassengesellschaft sind die Waffen nichts anderes als das Wesender Kämpfer selbst: die revolutionäre Organisation kann
in sich nicht die Bedingungen der Entzweiung und der Hierarchie wieder erzeugen, die die Bedingungen der
herrschenden Gesellschaft sind. Sie muß fortwährend gegen ihre Entstellung im herrschenden Spektakel kämpfen. Die
einzige Grenze der Teilnahme an der totalen Demokratie der revolutionären Organisation ist die Anerkennung und die
tatsächliche Selbstaneignung der Kohärenz ihrer Kritik durch alle ihre Mitglieder, einer Kohärenz, die sich in der
eigentlichen kritischen Theorie und in deren Beziehung zur praktischen Tätigkeit bewähren muß.
122. Da die auf allen Ebenen immer weitergetriebene Verwirklichung der kapitalistischen Entfremdung es den Arbeitern
immer schwieriger macht, ihr eigenes Elend zu erkennen und zu benennen und sie dadurch vor die Alternative stellt,
entweder ihr ganzes Elend oder nichts abzulehnen, hat die revolutionäre Organisation lernen müssen, daß sie die
Entfremdung nicht mehr in entfremdeten Formen bekämpfen kann.
123. Die proletarische Revolution hängt ganz und gar von dieser Notwendigkeit ab, daß die Massen zum ersten Mal die
Theorie als Verständnis der menschlichen Praxis anerkennen und erleben müssen. Sie fordert, daß die Arbeiter zu
Dialektikern werden, und daß sie der Praxis ihr Denken aufprägen; sie verlangt daher von den Männern ohne
Eigenschaften sehr viel mehr als die bürgerliche Revolution von den qualifizierten Männern verlangte die sie zu ihrer
Durchführung beauftragte: denn das von einem Teil der bürgerlichen Klassen erzeugte, parzellierte und ideologische
Bewußtsein hatte jenen zentralen Teil des gesellschaftlichen Lebens, die Wirtschaft, zur Grundlage, in der diese Klasse
bereits an der Macht war. Die eigene Entwicklung der Klassengesellschaft zur spektakulären Organisation des
Nicht-Lebens führt folglich das revolutionäre Projekt dazu, sichtbar zu dem zu werden, was es schon wesentlich war.
124. Die revolutionäre Theorie ist jetzt jeder revolutionären Ideologie Feind und sie weiß, daß sie es ist.
5. Kapitel
ZEIT UND GESCHICHTE
"Oh, edle Herrn, des Lebens Zeit ist kurz:
Wir treten Kön’ge nieder, wenn wir leben."
23
Shakespeare (Henry IV)
125. Der Mensch, "das negative Wesen, welches nur ist, insofern es Sein aufhebt", ist mit der Zeit identisch. Die Aneignung
seiner eigenen Natur durch den Menschen ist ebenfalls seine Ergreifung der Entfaltung des Universums. "Die Geschichte
selbst ist ein wichtiger Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen." (Marx). Umgekehrt hat diese
"Naturgeschichte" eine tatsächliche Existenz nur durch den Prozeß einer menschlichen Geschichte, des einzigen Teils,
der dieses geschichtliche Ganze wiederfindet, wie das moderne Teleskop, das in der Zeit durch seine Reichweite die
fliehenden Nebelflecken an der Peripherie des Weltalls einholt. Die Geschichte hat immer existiert, aber nicht immer in
ihrer geschichtlichen Form. Die Zeitigung des Menschen, wie sie durch die Vermittlung einer Gesellschaft stattfindet,
entspricht einer Vermenschlichung der Zeit. In dem geschichtlichen Bewußtsein äußert sich die bewußtlose Bewegung
der Zeit und wird wahr.
126. Die eigentlich geschichtliche Bewegung beginnt, wenn auch noch verborgen, in der langsamen und unmerklichen
Bildung "der wirklichen Natur des Menschen", dieser "in der menschlichen Geschichte - dem Entstehungsakt der
menschlichen Gesellschaft - werdenden Natur", aber die Gesellschaft, die sich dann einer Technik und einer Sprache
bemeistert hat, ist sich, wenn sie auch bereits das Produkt ihrer eigenen Geschichte ist, nur einer immerwährenden
Gegenwart bewußt. In dieser Gesellschaft wird jede Kenntnis, die auf das Gedächtnis der Ältesten beschränkt ist, stets
von Lebenden getragen. Weder der Tod noch die Zeugung werden als ein Gesetz der Zeit begriffen. Die Zeit steht still,
wie ein geschlossener Raum. Wenn eine komplexere Gesellschaft dazu kommt, sich der Zeit bewußt zu werden, besteht
ihre Arbeit vielmehr darin, diese Zeit zu leugnen, denn sie sieht in der Zeit nicht das, was vergeht, sondern das, was
wiederkommt. Die statische Gesellschaft organisiert die Zeit nach ihrer unmittelbaren Erfahrung der Natur, im Modell
der zyklischen Zeit.
127. Die zyklische Zeit ist bereits in der Erfahrung der Nomadenvölker vorherrschend, denn vor ihnen finden sich in jedem
Moment ihrer Wanderung die gleichen Bedingungen wieder: Hegel bemerkt, daß "das Herumschweifen der Nomaden nur
formell ist, weil es in einförmige Kreise beschränkt ist". Die Gesellschaft, die sich örtlich festsetzt und dabei durch die
Einrichtung individualisierter Orte dem Raum einen Inhalt gibt, findet sich dadurch selbst im Inneren dieser
Ortsbestimmung eingeschlossen. Die zeitliche Rückkehr zu Orten, die sich gleichen, ist jetzt die reine Wiederkehr der
Zeit an einem gleichen Ort, die Wiederholung einer Reihe von Gesten. Der Übergang vom Nomadentum der Hirten zur
seßhaften Landwirtschaft ist das Ende der inhaltslos-trägen Freiheit, der Beginn der mühevollen Arbeit. Die von dem
Rhythmus der Jahreszeiten beherrschte agrarische Produktionsweise überhaupt ist die Basis der völlig ausgebildeten
Wiederkehr des Gleichen. Der Mythos ist die einheitliche Konstruktion des Denkens, das die gesamte kosmische
Ordnung um die Ordnung herum garantiert, welche diese Gesellschaft tatsächlich bereits innerhalb ihrer Grenzen
verwirklicht hat.
128. Die gesellschaftliche Aneignung der Zeit, die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit, entwickeln sich in
einer in Klassen geteilten Gesellschaft. Die Macht, die sich über der Knappheit der Gesellschaft der zyklischen Arbeit
gebildet hat, die Klasse, die diese gesellschaftliche Arbeit organisiert und sich deren begrenzten Mehrwert aneignet,
eignet sich ebenso den zeitlichen Mehrwert ihrer Organisation der gesellschaftlichen Zeit an: sie besitzt für sich allein die
irreversible Zeit des Lebendigen. Der einzige Reichtum, den es konzentriert in dem Bereich der Macht geben kann, um
materiell für festlichen Aufwand ausgegeben zu werden, wird dabei auch als Vergeudung einer geschichtlichen Zeit der
Oberfläche der Gesellschaft ausgegeben. Die Eigentümer des geschichtlichen Mehrwerts besitzen die Kenntnis und den
Genuß der erlebten Ereignisse. Diese Zeit, die von der kollektiven Organisation der Zeit getrennt ist, welche mit der
wiederholten Produktion der Grundlage des gesellschaftlichen Lebens vorherrscht, fließt oberhalb ihrer eigenen
statischen Gemeinschaft. Es ist die Zeit des Abenteuers und des Krieges, in der die Herren der zyklischen Gesellschaft
ihre persönliche Geschichte durchlaufen; es ist ebenso die Zeit, die in dem Zusammenstoß zwischen fremden
Gemeinschaften erscheint, die Störung der unveränderlichen Ordnung der Gesellschaft. Die Geschichte ereignet sich
folglich wie ein fremder Faktor vor den Menschen, wie etwas, das sie nicht gewollt haben und gegen das sie sich
abgeschirmt glaubten. Aber auf diesem Umweg kehrt auch die negative Unruhe des Menschlichen zurück, die am
Ursprung selbst der ganzen Entwicklung stand, welche eingeschlafen war.
129. Die zyklische Zeit ist in sich selbst die Zeit ohne Konflikt. Aber in dieser Kindheit der Zeit ist der Konflikt angelegt: die
Geschichte kämpft zunächst, um die Geschichte in der praktischen Tätigkeit der Herren zu sein. Oberflächlich schafft
diese Geschichte Irreversibles; ihre Bewegung bildet die Zeit selbst, die sie ausschöpft, im Inneren der unerschöpflichen
Zeit der zyklischen Gesellschaft.
130. Die "kalten Gesellschaften" sind diejenigen, die ihren Teil Geschichte aufs äußerste verlangsamt haben; die ihren
Gegensatz zu der natürlichen und menschlichen Umgebung und ihre inneren Gegensätze in ständigem Gleichgewicht
gehalten haben. Wenn die extreme Verschiedenartigkeit der zu diesem Zweck errichteten Institutionen von der Plastizität
24
der Selbstschöpfung der menschlichen Natur zeugt, so erscheint dieses Zeugnis selbstverständlich nur dem außerhalb
stehenden Beobachter, dem aus der geschichtlichen Zeit zurückgekehrtenEthnologen. In jeder dieser Gesellschaften hat
eine endgültige Strukturierung die Veränderung ausgeschlossen. Der absolute Konformismus der bestehenden
gesellschaftlichen Bräuche, mit denen sich alle die menschlichen Möglichkeiten für immer identifiziert finden, kennt als
äußere Grenze nur die Furcht, in das formlose Tierwesen zurückzufallen. Hier müssen die Menschen gleichbleiben, um
im Menschlichen zu bleiben.
131. An der Schwelle einer Periode, die bis zum Erscheinen der Industrie keine tiefgehenden Erschütterungen mehr erfahren
wird, bezeichnet die Geburt der politischen Macht, die in Beziehung zu den letzten großen Revolutionen der Technik -
wie dem Eisenguß - zu stehen scheint, den Moment, der die Blutsverwandtschaft aufzulösen beginnt. Von nun an tritt die
Aufeinanderfolge der Generationen aus der Sphäre des rein natürlichen Zyklischen heraus, um zu gerichtetem Ereignis,
zu Aufeinanderfolge von Mächten zu werden. Die irreversible Zeit ist die Zeit desjenigen, der herrscht; und die Dynastien
sind deren erstes Maß. Die Schrift ist ihre Waffe. In der Schrift erreicht die Sprache ihre volle unabhängige Wirklichkeit
als Vermittlung zwischen bewußten Wesen. Aber diese Unabhängigkeit ist mit der allgemeinen Unabhängigkeit der
getrennten Macht, als der die Gesellschaft bildenden Vermittlung, identisch. Mit der Schrift erscheint ein Bewußtsein, das
nicht mehr in der unmittelbaren Beziehung zwischen den Lebenden getragen und übertragen wird: ein unpersönliches
Gedächtnis, das der Verwaltung der Gesellschaft. "Die Schriftstücke sind die Gedanken des Staates; die Archive sein
Gedächtnis." (Novalis.)
132. Die Chronik ist der Ausdruck der irreversiblen Zeit der Macht und auch das Instrument, das das voluntaristische
Fortschreiten dieser Zeit, von ihrem früheren Verlauf ab, aufrechterhält; denn diese Orientierung der Zeit muß mit der
Kraft jeder einzelnen Macht zusammenbrechen; und sie fällt wieder der gleichgültigen Vergessenheit der den
Bauernmassen allein bekannten zyklischen Zeit anheim, welche sich in dem Zusammenbruch der Reiche und ihrer
Chronologien niemals verändern. Die Besitzer der Geschichte haben in die Zeit einen Sinn gesetzt: eine Richtung, die
auch eine Bedeutung ist. Aber diese Geschichte entfaltet sich und vergeht gesondert: sie läßt die Tiefe der Gesellschaft
unbewegt, denn sie ist gerade das, was von der gemeinsamen Realität getrennt bleibt. In dieser Hinsicht läßt sich die
Geschichte der Reiche des Orients für uns auf die Geschichte der Religionen zurückführen: diese wieder verfallenen
Chronologien haben nur die scheinbar autonome Geschichte der Illusionen, die sie umhüllten, hinterlassen. Die Herren,
die unter dem Schutz des Mythos das Privateigentum an der Geschichteim Besitz halten, besitzen es zunächst in der Art
der Illusion: in China und Ägypten hatten sie lange Zeit das Monopol der Unsterblichkeit der Seele, wie ihre ersten
anerkannten Dynastien die imaginäre Anordnung der Vergangenheit sind. Aber dieser illusorische Besitz der Herren ist
auch der ganze zu jener Zeit mögliche Besitz einer gemeinsamen Geschichte und ihrer eigenen Geschichte. Die
Erweiterung ihrer tatsächlichen Macht geht mit einer allgemeinen Verbreiterung des illusorischen mythischen Besitzes
einher. All dies ergibt sich aus der einfachen Tatsache, daß die Herren in genau dem Maße, wie sie es übernahmen,
mythisch die Permanenz der zyklischen Zeit zu garantieren - wie zum Beispiel in den jahreszeitlichen Riten der
chinesischen Kaiser -, sich selbst von derselben relativ befreit haben.
133. Wenn die unerklärte dürre Chronologie der vergötterten Macht, die zu ihren Dienern spricht, und die nur als irdische
Ausführung der Gebote des Mythos verstanden werden will, überwunden werden kann und zur bewußten Geschichte
wird, muß die wirkliche Teilnahme an der Geschichte von umfassenden Gruppen erlebt worden sein. Aus dieser
praktischen Mitteilung zwischen denjenigen, die sich als die Besitzer einer einzelnen Gegenwart anerkannt haben, die
den qualitativen Reichtum der Ereignisse als ihre Tätigkeit und als den Ort, worin sie standen - ihre Epoche -, erfuhren,
entsteht die allgemeine Sprache der geschichtlichen Mitteilung. Diejenigen, für die die irreversible Zeit existiert hat,
entdecken in ihr zugleich die Denkwürdigkeit und das Drohen der Vergessenheit: "Herodot aus Halikarnaß legt hier die
Ergebnisse seiner Untersuchung vor, damit die Zeit nicht die Werke der Menschen auslöscht"
134. Das Nachdenken über die Geschichte ist nicht zu trennen von dem Nachdenken über die Macht. Griechenland war dieser
Moment, in dem die Macht und deren Veränderung diskutiert und begriffen wurden, die Demokratie der Herren der
Gesellschaft. Hier bestand das Gegenteil der Bedingungen, die der despotische Staat kannte, in dem die Macht im
unzugänglichen Dunkel seines konzentriertesten Punktes stets nur mit sich selbst abrechnete: durch die Palastrevolution,
die bei Erfolg wie bei Mißerfolg gleichermaßen außer Diskussion stehen. Jedoch existierte die aufgeteilte Macht der
griechischen Gemeinschaften nur in der Verausgabung eines gesellschaftlichen Lebens, dessen Produktion getrennt und
statisch in der Sklavenklasse verblieb. Nur diejenigen, die nicht arbeiten, leben. Bei der Teilung der griechischen
Gemeinschaften, und bei dem Kampf um die Ausbeutung der fremden Städte, wurde das Prinzip der Trennung, das jede
von ihnen im Inneren begründete, nach außen getragen. Griechenland, das die Weltgeschichte erträumt hatte, gelang es
nicht, sich angesichts der Invasion zu vereinen; es gelang ihm nicht einmal, die Kalender seiner unabhängigen Städte zu
vereinigen. In Griechenland ist die geschichtliche Zeit bewußt geworden, aber noch nicht selbstbewußt.
135. Nach dem Verschwinden der örtlich günstigen Bedingungen, die die griechischen Gemeinschaften gefunden hatten,
25
wurde der Rückschritt des westlichen geschichtlichen Denkens nicht von einer Wiederherstellung der ehemaligen
mythischen Organisationen begleitet. In dem Aufeinanderstoßen der Mittelmeervölker, in der Bildung und im
Zusammenbruch des römischen Staats, tauchten halbgeschichtliche Religionen auf, die zu grundlegenden Faktoren des
neuen Bewußtseins der Zeit und zur neuen Rüstung der getrennten Macht wurden.
136. Die monotheistischen Religionen waren ein Kompromiß zwischen dem Mythos und der Geschichte, zwischen der
zyklischen Zeit, die noch die Produktion beherrschte und der irreversiblen Zeit, in der die Völker aufeinanderstoßen und
sich wieder zusammensetzen. Die aus dem Judentum hervorgegangenen Religionen sind die abstrakte universelle
Anerkennung der irreversiblen Zeit, die nun zwar demokratisiert ist und allen offensteht, aber nur im Illusorischen. Die
Zeit ist ganz und gar auf ein einziges letztes Ereignis hin orientiert: "Das Reich Gottes ist nah." Diese Religionen sind auf
dem Boden der Geschichte entstanden und haben sich auf ihm festgesetzt. Aber noch dort bleiben sie in radikalem
Gegensatz zur Geschichte. Die halbgeschichtliche Religion führt in die Zeit einen qualitativen Ausgangspunkt ein, die
Geburt Christi, die Flucht Mohammeds, aber ihre irreversible Zeit - die eine tatsächliche Akkumulation einleitet, die im
Islam die Gestalt einer Eroberung und im Christentum der Reformation die Gestalt einer Vermehrung des Kapitals wird
annehmen können - ist im religiösen Denken in Wirklichkeit wie eine Zählung gegen den Strich umgekehrt: das Warten
in der abnehmenden Zeit auf den Zugang zur wahren anderen Welt, das Erwarten des Jüngsten Gerichts. Die Ewigkeit ist
aus der zyklischen Zeit herausgetreten. Sie ist ihr Jenseits. Sie ist das Element, das die Irreversibilität der Zeit herabsetzt,
das die Geschichte in der Geschichte selbst abschafft, indem sie sich als ein reines punktuelles Element, in das die
zyklische Zeit zurückgekehrt und verschwunden ist, auf die andere Seite der irreversiblen Zeit stellt. Bossuet sagt noch:
"Und mittels der Zeit, die vergeht, gehen wir in die Ewigkeit ein, die nicht vergeht."
137. Das Mittelalter, diese unvollendete mythische Welt, deren Vollkommenheit außerhalb ihrer selbst lag, ist der Moment, in
dem die zyklische Zeit, die noch den Hauptteil der Produktion regelt, von der Geschichte wirklich untergraben wird. Eine
gewisse irreversible Zeitlichkeit wird allen als Individuen zuerkannt, in der Aufeinanderfolge der Lebensalter, in dem
Leben, das als eine Reise angesehen wird, als Durchgang ohne Rückkehr durch eine Welt, deren Sinn anderswo liegt: der
Pilger ist der Mensch, der aus dieser zyklischen Zeit heraustritt, um tatsächlich dieser Reisende zu sein, der jeder Mensch
als Zeichen ist. Das persönliche geschichtliche Leben findet seine Vollendung stets in der Sphäre der Macht, in der
Teilnahme an den von der Macht geführten Kämpfen und an den Kämpfen im Streit um die Macht; aber die irreversible
Zeit der Macht wird ins Unendliche geteilt bei der allgemeinen Vereinigung der gerichteten Zeit der christlichen
Zeitrechnung, in einer Welt des bewaffneten Vertrauens, in der sich das Spiel der Herren um die Treue und das Bestreiten
der schuldigen Treue dreht. Diese feudale Gesellschaft, die aus dem Zusammentreffen der "kriegerischen Organisation
des Heerwesens während der Eroberung selbst" und der "in den eroberten Ländern vorgefundenen Produktivkräfte" (Die
deutsche Ideologie) entstand - und zur Organisation dieser Produktivkräfte muß man ihre religiöse Sprache zählen -, hat
die Herrschaft über die Gesellschaft zwischen der Kirche und der staatlichen Macht geteilt, die ihrerseits in den
komplexen Beziehungen von Lehnsherrlichkeit und Vasallenschaft der Grundlehen und der städtischen Gemeinden
unterteilt war. In dieser Verschiedenartigkeit des möglichen geschichtlichen Lebens enthüllte sich die irreversible Zeit,
durch welche bewußtlos die Tiefe der Gesellschaft mitgerissen wurde, die von der Bourgeoisie in der Warenproduktion,
in der Gründung und Ausdehnung der Städte, in der kommerziellen Entdeckung der Erde - dem praktischen
Experimentieren, das jede mythische Organisation des Kosmos für immer zerstört - erlebte Zeit, allmählich als die
unbekannte Arbeit der Epoche, als die große offizielle geschichtliche Unternehmung dieser Welt mit den Kreuzzügen
gescheitert war.
138. Im Herbst des Mittelalters wird die irreversible Zeit, die auf die Gesellschaft übergreift, von dem an der alten Ordnung
haftenden Bewußtsein in der Form einer Zwangsvorstellung vom Tod empfunden. Darin liegt die Melancholie der
Auflösung einer Welt, der letzten, in der sich die Sicherheit des Mythos noch der Geschichte das Gleichgewicht hielt; und
für diese Melancholie bewegt sich alles Irdische nur in Richtung auf seinen Verfall. Die großen Aufstände der Bauern
Europas sind auch ihr Versuch einer Antwort auf die Geschichte, die sie gewaltsam aus dem patriarchalischen Schlaf riß,
den die feudale Vormundschaft gewährleistet hatte. Es ist die millenaristische Utopie der irdischen Verwirklichung des
Paradieses, in der in den Vordergrund tritt, was am Anfang der halbgeschichtlichen Religion stand, als die christlichen
Gemeinden, wie der jüdische Messianismus, von dem sie herkamen, jene Antworten auf die Unruhen und das Unglück
der Epoche, die unmittelbar bevorstehende Verwirklichung des Reichs Gottes erwarteten und in der antiken Gesellschaft
einen Faktor der Unruhe und der Subversion beitrugen. Als das Christentum schließlich die Macht im Kaiserreich
mitbesaß, widerlegte es zu rechter Zeit als bloßen Aberglauben all das, was von dieser Hoffnung übriggeblieben war: dies
ist die Bedeutung der Augustinischen Behauptung, dem Archetyp aller satisfecit der modernen Ideologie, wonach die
eingesessene Kirche bereits seit langem dieses Reich war, von dem man gesprochen hatte. Der soziale Aufstand des
millenaristischen Bauerntums definiert sich natürlich zunächst als ein Wille zur Zerstörung der Kirche. Aber der
Millenarismus entfaltet sich in der geschichtlichen Welt und nicht auf dem Boden des Mythos. Die modernen
rovolutionären Hoffnungen sind nicht, wie Norman Cohn in "Das Ringen um das Tausendjährige Reich" zu beweisen
26
glaubt, irrationale Folgen der religiösen Leidenschaft des Millenarismus. Es ist ganz im Gegenteil der Millenarismus, ein
revolutionärer Klassenkampf, der zum letzten Mal die Sprache der Religion gebraucht, der bereits eine moderne
revolutionäre Tendenz ist, welcher noch das Bewußtsein fehlt, nur geschichtlich zu sein. Die Millenaristen mußten
verlieren, weil sie die Revolution nicht als ihr eigenes Tun anerkennen konnten. Die Tatsache, daß sie um zu handeln ein
äußeres Zeichen der Entscheidung Gottes abwarten, ist die Übersetzung ins Denken einer Praxis, in der die
aufständischen Bauern Anführern folgen, die nicht aus ihren eigenen Reihen stammen. Die Bauernklasse konnte kein
richtiges Bewußtsein darüber erreichen, wie die Gesellschaft funktionierte und wie ihr eigener Kampf zu führen war: weil
der Bauernklasse diese Bedingungen der Einheit in ihrer Handlung und in ihrem Bewußtsein fehlten, ist es zu erklären,
daß sie ihr Projekt in den Bildern des Gartens von Eden ausdrückte und ihre Kriege eben diesen Bildern gemäß führte.
139. Der neue Besitz am geschichtlichen Leben, die Renaissance, die im Altertum ihre Vergangenheit und ihr Recht findet,
trägt in sich den freudigen Bruch mit der Ewigkeit. Ihre irreversible Zeit ist die Zeit der unendlichen Akkumulation der
Kenntnisse und das geschichtliche Bewußtsein, das aus der Erfahrung der demokratischen Gemeinschaften und der
Kräfte, die sie zerstören, entstanden ist, fängt mit Machiavelli wieder an, über die entheiligte Macht nachzudenken, das
Unaussprechliche über den Staat auszusprechen. In dem überschäumenden Leben der italienischen Städte, in der Kunst
der Feste, erfährt sich das Leben als Genießen des Vergehens der Zeit. Aber dieses Genießen des Vergehens mußte auch
selbst vergänglich sein. Das Lied von Lorenzo de’ Medici, das Burckhardt als "eine wehmütige Ahnung der kurzen
Herrlichkeit der Renaissance selbst" betrachtet, ist das Eigenlob, das sich dieses zerbrechliche Fest der Geschichte hielt:
"Wie schön die Jugend ist - die so bald vergeht."
140. Die ständige Bewegung der Monopolisierung des geschichtlichen Lebens durch den Staat der absoluten Monarchie, der
Übergangsform zur vollständigen Herrschaft der Bürgerklasse, läßt in seiner Wahrheit erscheinen, was die neue
irreversible Zeit der Bourgeoisie ist. Die Bourgeoisie ist mit der zum ersten Mal vom Zyklischen befreiten Zeit der Arbeit
verknüpft. Die Arbeit ist mit der Bourgeoisie zur Arbeit geworden, die die geschichtlichen Bedingungen verändert. Die
Bourgeoisie ist die erste herrschende Klasse, für die die Arbeit ein Wert ist. Und die Bourgeoisie, die jedes Privileg
abschafft und nur den Wert anerkennt, der aus der Ausbeutung der Arbeit entspringt, hat gerade mit der Arbeit ihren
eigenen Wert als herrschende Klasse identisch gesetzt und macht den Fortschritt der Arbeit zu ihrem eigenen Fortschritt.
Die Klasse, die die Waren und das Kapital akkumuliert, verändert ständig die Natur, indem sie die Arbeit selbst
verändert, indem sie deren Produktivität entfesselt. Jedes gesellschaftliche Leben hat sich bereits in der ornamentalen
Armut des Hofes konzentriert, dem Schmuck der kalten staatlichen Verwaltung, die im "Königsberuf" gipfelt; und jede
besondere geschichtliche Freiheit mußte ihrem Verlust zustimmen. Die Freiheit des irreversiblen zeitlichen Spiels der
Feudalherren hat sich in ihren letzten verlorenen Schlachten mit den Kriegen der Fronde oder der Erhebung der Schotten
für Karl-Eduard verbraucht. Die Welt hat sich von Grund auf verändert.
141. Der Sieg der Bourgeoisie ist der Sieg der zutiefst geschichtlichen Zeit, weil sie die Zeit der wirtschaftlichen Produktion
ist, die die Gesellschaft fortwährend und von Grund auf verändert. Solange die agrarische Produktion die Hauptarbeit
bleibt, nährt die zyklische Zeit, die auf dem Grund der Gesellschaft gegenwärtig bleibt, die verbündeten Kräfte der
Tradition, die die Bewegung hemmen. Aber die irreversible Zeit der bürgerlichen Wirtschaft rottet diese Überreste auf
der ganzen weiten Welt aus. Die Geschichte, die bis dahin als die alleinige Bewegung der Individuen der herrschenden
Klasse erschien und folglich als Geschichte von Ereignissen geschrieben wurde, wird jetzt als die allgemeine Bewegung
begriffen, und in dieser strengen Bewegung werden die Individuen aufgeopfert. Die Geschichte, die ihre Grundlage in der
politischen Wirtschaft entdeckt, kennt jetzt die Existenz dessen, was ihr Unbewußtes war, das aber trotzdem noch das
Unbewußte bleibt, das sie nicht ans Licht ziehen kann. Nur diese blinde Vorgeschichte, ein neues Fatum, das kein
Mensch beherrscht, wurde durch die Warenwirtschaft demokratisiert.
142. Die Geschichte, die in der ganzen Tiefe der Gesellschaft gegenwärtig ist, tendiert dahin, sich an der Oberfläche zu
verlieren. Der Triumph der irreversiblen Zeit ist auch ihre Verwandlung in die Zeit der Dinge, weil die Waffe zu ihrem
Sieg gerade die Serienproduktion von Gegenständen nach den Gesetzen der Ware war. Das Hauptprodukt, das die
Wirtschaft von einem seltenen Luxusartikel in ein gefährliches Konsumgut verwandelte, ist daher die Geschichte, aber
lediglich als Geschichte der abstrakten Bewegung der Dinge, die jeden qualitativen Gebrauch des Lebens beherrscht.
Während die frühere zyklische Zeit einen wachsenden Teil von Individuen und Gruppen erlebter geschichtlicher Zeit in
sich trug, tendiert die Herrschaft der irreversiblen Zeit der Produktion dahin, diese erlebte Zeit gesellschaftlich
abzuschaffen.
143. So machte die Bourgeoisie die Gesellschaft mit einer irreversiblen geschichtlichen Zeit bekannt und zwang sie ihr auf,
verweigert ihr aber deren Gebrauch. "Somit hat es eine Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr", weil die Klasse der
Besitzer der Wirtschaft, die nicht mit der Wirtschaftsgeschichte brechen kann, auch jede andere irreversible Verwendung
der Zeit als eine unmittelbare Bedrohung verdrängen muß. Die herrschende Klasse, die aus Spezialisten des Besitzes der
Dinge besteht, die dadurch selbst ein Besitz der Dinge sind, muß ihr Schicksal mit der Aufrechterhaltung dieser
27
verdinglichten Geschichte verknüpfen, mit der Permanenz einer neuen Unbeweglichkeit in der Geschichte. Zum ersten
Mal ist der Arbeiter, der an der Basis der Gesellschaft steht, der Geschichte nicht materiell fremd, denn irreversibel
bewegt sich jetzt die Basis der Gesellschaft. In der Forderung, die geschichtliche Zeit, die es macht, zu erleben, findet das
Proletariat das einfache, unvergeßliche Zentrum seines revolutionären Projektes; und jeder der bis heute zerschlagenen
Versuche, dieses Projekt durchzuführen, kennzeichnet einen möglichen Ausgangspunkt des geschichtlichen neuen
Lebens.
144. Die irreversible Zeit der Bourgeoisie, der Herrin der Macht, präsentierte sich zunächst unter ihrem eigenen Namen, als
einen absoluten Ursprung, als das Jahr 1 der Republik. Aber die revolutionäre Ideologie der allgemeinen Freiheit, die die
letzten Reste der mythischen Organisation der Werte und jede traditionelle Regelung der Gesellschaft beseitigt hatte, ließ
bereits den wirklichen Willen sichtbar werden, den sie mit einem römischen Gewand bekleidet hatte: die
verallgemeinerte Handelsfreiheit. Als die Gesellschaft der Ware dann herausfand, daß sie die Passivität
wiederherzustellen hatte, die sie gründlich hatte erschüttern müssen, um ihre eigene reine Herrschaft zu erreichten, fand
sie in dem "Christentum, mit seinem Kultus des abstrakten Menschen, die entsprechendste Religionsform" (Das
Kapital). Die Bourgeoisie hat darauf mit dieser Religion einen Kompromiß geschlossen, der sich auch in der Vorstellung
der Zeit ausdrückt: als ihr eigener Kalender aufgegeben wurde, schmiegte sich ihre irreversible Zeit wieder der
christlichen Zeitrechnung an, deren Folge sie fortsetzte.
145. Mit der Entstehung des Kapitalismus wird die irreversible Zeit weltweit vereinheitlicht. Die Weltgeschichte wird
Wirklichkeit, denn die ganze Welt wird unter der Entwicklung dieser Zeit versammelt. Aber die Geschichte, die überall
und zugleich dieselbe ist, ist erst noch die innergeschichtliche Ablehnung der Geschichte. Es ist die in gleiche abstrakte
Stücke geschnittene Zeit der wirtschaftlichen Produktion, die sich auf dem ganzen Planeten als der gleiche Tag äußert.
Die vereinheitlichte irreversible Zeit ist die Zeit des Weltmarkts und folglich die des Weltspektakels.
146. Die irreversible Zeit der Produktion ist zunächst das Maß der Waren. Daher ist die Zeit, die sich offiziell über die ganze
Weite der Welt hin als die allgemeine Zeit der Gesellschaftbehauptet, indem sie nur die spezialisierten Interessen
bedeutet, aus denen sie gebildet wird, nur eine besondere Zeit.
6. Kapitel
DIE SPEKTAKULÄRE ZEIT
"Nichts gehört unser, als nur die Zeit, in welcher selbst der lebt, der keine Wohnung hat."
Balthasar Gracian (Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit).
147. Die Zeit der Produktion, die Zeit als Ware, ist eine unendliche Akkumulation von äquivalenten Intervallen. Sie ist die
Abstraktion der irreversiblen Zeit, deren Abschnitte alle auf dem Chronometer ihre alleinige quantitative Gleichheit
beweisen müssen. Diese Zeit ist in ihrer ganzen Wirklichkeit, was sie in ihrer Austauschbarkeitist. Bei dieser
gesellschaftlichen Herrschaft der Zeit als Ware ist "die Zeit alles, der Mensch nichts mehr; er ist höchstens noch die
Verkörperung der Zeit" (Das Elend der Philosophie). Es ist die entwertete Zeit, die vollständige Umkehrung der Zeit als
"Raum der menschlichen Entwicklung".
148. Die allgemeine Zeit der menschlichen Nichtentwicklung existiert auch unter dem ergänzenden Aspekt einer
konsumierbaren Zeit, die von dieser bestimmten Produktion aus zum täglichen Leben der Gesellschaft als eine
pseudozyklische Zeit zurückkehrt.
149. Die pseudozyklische Zeit ist in Wirklichkeit nur die konsumierbare Verkleidung der Zeit der Produktion, der Zeit als
Ware. Sie enthält deren wesentlichen Charaktere: austauschbare homogene Einheiten und die Abschaffung der
qualitativen Dimension. Aber als Nebenprodukt dieser Zeit, die zur Herstellung - und Aufrechterhaltung - der
Rückständigkeit des konkreten täglichen Lebens bestimmt ist, muß sie mit Pseudowertungen besetzt sein und in einer
Folge scheinbar individualisierter Momente erscheinen.
150. Die pseudozyklische Zeit ist die Zeit des Konsums des modernen wirtschaftlichen Überlebens, des vermehrten
Überlebens, worin das tägliche Erlebte ohne Entscheidungsgewalt und unterworfen bleibt, aber nicht mehr der
natürlichen Ordnung, sondern der in der entfremdeten Arbeit entwickelten Pseudonatur; und so findet diese Zeit ganz
natürlich den alten zyklischen Rhythmus wieder, der das Überleben der vorindustriellen Gesellschaften regelte. Die
pseudozyklische Zeit stützt sich auf die Überreste der zyklischen Zeit und stellt aus ihnen zugleich neue homologe
28
Zusammensetzungen her: den Tag und die Nacht, die wöchentliche Arbeit und Ruhe, die Wiederkehr der Ferienzeiten.
151. Die pseudozyklische Zeit ist eine Zeit, die von der Industrie verändert worden ist. Die Zeit, die ihre Basis in der
Produktion der Waren hat, ist selbst eine konsumierbare Ware, die alles, was sich vorher, während der Auflösungsphase
der alten einheitlichen Gesellschaft in Privatleben, Wirtschaftsleben und politisches Leben gegliedert hatte, sammelt. Die
gesamte konsumierbare Zeit der modernen Gesellschaft wird schließlich als Rohmaterial neuer verschiedenartiger
Produkte verarbeitet, die sich auf dem Markt als gesellschaftlich organisierte Zeitanwendungen durchsetzen. "Das
Produkt, das in einer für die Konsumtion fertigen Form existiert, kann von neuem zum Rohmaterial eines anderen
Produkts werden". (Das Kapital)
152. In seinem fortgeschrittensten Bereich kommt der konzentrierte Kapitalismus immer mehr zum Verkauf von "komplett
ausgestatteten" Zeitblöcken, von denen jeder eine einzige vereinheitlichte Ware bildet, die eine bestimmte Zahl
verschiedener Waren in sich integriert hat. So kann in der sich ausdehnenden Wirtschaft der "Dienstleistungen" und der
Freizeit die Zahlungsformel "alles inbegriffen" auftauchen, für die spektakuläre Wohnung, die kollektiven Pseudoreisen
der Ferien, das Abonnement auf den kulturellen Konsum und den Verkauf selbst der Geselligkeit in der Form von
"erregenden Gesprächen" und "Begegnungen mit Persönlichkeiten". Diese Art spektakulärer Ware, die natürlich nur in
Funktion der zunehmenden Knappheit der entsprechenden Wirklichkeiten Geltung haben kann, gehört ebenso natürlich
zu den schrittmachenden Artikeln der Modernisierung der Verkaufstechniken, indem sie auf Kredit zahlbar ist.
153. Die konsumierbare pseudozyklische Zeit ist die spektakuläre Zeit, als Zeit des Konsums der Bilder im engen Sinn und
zugleich, in ihrem ganzen Ausmaß, ein Bild des Konsums der Zeit. Die Zeit des Konsums der Bilder, das Medium aller
Waren, ist untrennbar das Feld, auf dem die Instrumente des Spektakels ihre volle Wirkung ausüben, und das Ziel, das
diese Instrumente global als Ort und zentrale Gestalt aller besonderen Arten des Konsums darstellen: es ist bekannt, daß
der ständige Zeitgewinn, den die moderne Gesellschaft erstrebt - sei es durch die Schnelligkeit der Beförderungsmittel
oder durch den Gebrauch von Fertigsuppen - für die Bevölkerung der Vereinigten Staaten positiv darin zum Ausdruck
kommt, daß allein das Zuschauen des Fernsehens sie durchschnittlich zwischen drei und sechs Stunden täglich
beschäftigt. Das gesellschaftliche Bild des Konsums der Zeit wird seinerseits ausschließlich von den Momenten der
Freizeit und der Ferienzeit beherrscht, Momente, die von fern vorgestellt werden und die, wie jede spektakuläre Ware,
durch Postulat begehrenswert sind. Diese Ware wird hier ausdrücklich als der Moment des wirklichen Lebens
ausgegeben, dessen zyklische Wiederkehr es abzuwarten gilt. Aber in diesen dem Leben zugewiesenen Momenten selbst
ist es noch das Spektakel, das sich zu sehen und zu reproduzieren gibt und dabei eine noch stärkere Intensität erreicht.
Was als das wirkliche Leben vorgestellt wurde, erweist sich lediglich als das Leben, das noch wirklicher spektakulär ist.
154. Diese Epoche, die sich selbst ihre Zeit wesentlich als die beschleunigte Wiederkehr vielfältiger Festlichkeiten zeigt, ist
ebenso eine Epoche ohne Feste. Was in der zyklischen Zeit der Moment der Teilnahme einer Gemeinschaft an der
luxuriösen Verausgabung des Lebens war, ist der Gesellschaft ohne Gemeinschaft und ohne Luxus unmöglich. Wenn ihre
allgemein verbreiteten Pseudofeste, Parodien des Dialogs und der Gabe, zu einer wirtschaftlichen Mehrausgabe anregen,
bringen sie nur die stets das Versprechen einer neuen Enttäuschung kompensierende Enttäuschung ein. Die Zeit des
modernen Überlebens muß sich im Spektakel um so nachdrücklicher anpreisen als sich ihr Gebrauchswert vermindert
hat. Die Wirklichkeit der Zeit ist durch die Werbung für die Zeit ersetzt worden.
155. Während der Konsum der zyklischen Zeit der alten Gesellschaften mit der wirklichen Arbeit dieser Gesellschaften
übereinstimmte, steht der pseudozyklische Konsum der entwickelten Wirtschaft im Widerspruch zu der abstrakten
irreversiblen Zeit ihrer Produktion. Während die zyklische Zeit die wirklich erlebte Zeit der unbeweglichen Illusion war,
ist die spektakuläre Zeit die illusorisch erlebte Zeit der sich verändernden Wirklichkeit.
156. Was stets neu im Produktionsprozeß der Dinge ist, findet sich nicht im Konsum wieder, der die erweiterte Wiederkehr
des Gleichen bleibt. Weil die tote Arbeit weiterhin über die lebendige Arbeit herrscht, herrscht in der spektakulären Zeit
die Vergangenheit über die Gegenwart.
157. Als andere Seite des Mangels des allgemeinen geschichtlichen Lebens hat das individuelle Leben noch keine Geschichte.
Die Pseudoereignisse, die sich in der spektakulären Dramatisierung drängen, sind nicht von denjenigen erlebt worden, die
über sie informiert sind; und außerdem gehen sie mit jedem Pulsschlag der spektakulären Maschinerie in der Inflation
ihres beschleunigten Ersatzes verloren. Andererseits steht das, was wirklich erlebt wurde, in keiner Beziehung zu der
offiziellen irreversiblen Zeit der Gesellschaft, und in direktem Gegensatz zu dem pseudozyklischen Rhythmus des
konsumierbaren Nebenprodukts dieser Zeit. Dieses individuell Erlebte des getrennten täglichen Lebens bleibt ohne
Sprache, ohne Begriff, ohne kritischen Zugang zu seiner eigenen Vergangenheit, die nirgendwo aufbewahrt ist. Es wird
nicht mitgeteilt. Es ist unbegriffen und vergessen zugunsten des falschen spektakulären Gedächtnisses für das
Undenkwürdige.
158. Das Spektakel, als gegenwärtige gesellschaftliche Organisation der Lähmung der Geschichte und des Gedächtnisses, des
Verzichtes auf die Geschichte, der sich auf der Grundlage der geschichtlichen Zeit aufbaut, ist das falsche Bewußtsein
29
von der Zeit.
159. Um die Arbeiter zu dem Stand "freier" Produzenten und Konsumenten von Zeit als Ware hinzuführen, war die
Vorbedingung die gewaltsame Enteignung ihrer Zeit. Die spektakuläre Wiederkehr der Zeit ist erst von dieser ersten
Enteignung des Produzenten an möglich geworden.
160. Der unreduzierbare biologische Teil, der in der Arbeit als Abhängigkeit von dem natürlichen Zyklischen des Wachens
und des Schlafens wie auch in der Handgreiflichkeit der individuellen irreversiblen Zeit des Lebensverschleißes
vorhanden bleibt, ist für die moderne Produktion nur nebensächlich; und als solche werden diese Elemente in den
offiziellen Proklamationen der Produktionsbewegung und der konsumierbaren Trophäen, die die erschwingliche
Äußerung dieses unaufhörlichen Sieges sind, vernachlässigt. Das im verfälschten Zentrum der Bewegung seiner Welt
immobilisierte zuschauende Bewußtsein kennt in seinem Leben keinen Übergang mehr zu seiner Verwirklichung und zu
seinem Tod. Wer darauf verzichtet hat, sein Leben zu verausgaben, darf sich nicht mehr seinen Tod eingestehen. Die
Werbung der Lebensversicherungen gibt lediglich zu verstehen, daß der schuldig ist, wer stirbt, ohne die Regulierung des
Systems nach diesem wirtschaftlichen Verlust gesichert zu haben; und die Werbung des american way of death betont
seine Fähigkeit, bei dieser Begegnung den größten Teil des Scheinsdes Lebens aufrechtzuerhalten. An der gesamten
übrigen Front der Werbebombardierungen ist es rundweg verboten zu altern. Danach würde es darauf ankommen, bei
jedem ein "Jugend-Kapital" zu bewahren, das, obschon es nur wenig benutzt worden ist, nicht beanspruchen kann, die
dauerhafte und kumulative Realität des Finanzkapitals zu erwerben. Diese gesellschaftliche Abwesenheit des Todes ist
mit der gesellschaftlichen Abwesenheit des Lebens identisch.
161. Die Zeit ist die notwendige Entäußerung, wie Hegel zeigte, die Sphäre, in der sich das Subjekt verwirklicht, indem es sich
verliert, anders wird, um die Wahrheit seiner selbst zu werden. Aber ihr Gegenteil ist gerade die herrschende
Entfremdung, die der Produzent einer fremden Gegenwart erfährt. In dieser räumlichen Entfremdung trennt die
Gesellschaft das Subjekt an der Wurzel von der Tätigkeit, die sie ihm raubt, zunächst aber von seiner eigenen Zeit. Die
überwindbare gesellschaftliche Entfremdung ist gerade diejenige, die die Möglichkeiten und die Risiken der lebendigen
Entäußerung in der Zeit verwehrt und versteinert hat.
162. Hinter den erscheinenden Moden, die einander an der tändelhaften Oberfläche der kontemplierten pseudozyklischen Zeit
vernichten und wiederzusammensetzen, besteht der große Stil der Epoche stets in dem, was durch die offensichtliche und
geheime Notwendigkeit der Revolution orientiert wird.
163. Die natürliche Grundlage der Zeit, die sinnliche Gegebenheit des Verfließens der Zeit, wird menschlich und
gesellschaftlich, indem sie für den Menschen existiert. Der bornierte Stand der menschlichen Praxis, die Arbeit in ihren
verschiedenen Stadien, hat bis heute die Zeit als zyklische Zeit und als irreversible getrennte Zeit der
Wirtschaftsproduktion vermenschlicht und auch entmenscht. Das revolutionäre Projekt einer klassenlosen Gesellschaft,
eines verallgemeinerten geschichtlichen Lebens, ist das Projekt eines Absterbens des gesellschaftlichen Zeitmaßes
zugunsten eines ludistischen Modells irreversibler Zeit der Individuen und Gruppen, eines Modells, in dem gleichzeitig
verbündete unabhängige Zeiten vorhanden sind. Es ist das Programm einer totalen Verwirklichung des Kommunismus,
der "alles von den Individuen unabhängig Bestehende" abschafft, in der Sphäre der Zeit.
164. Die Welt besitzt schon den Traum von einer Zeit, von der sie jetzt das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu
erleben.
7. Kapitel
DIE RAUMORDNUNG
"Und wer Herr einer bisher freien Stadt wird und sie nicht vernichtet, mag darauf gefaßt sein, von ihr vernichtet zu werden.
Denn die Bürger können sich bei einer Empörung stets auf ihre Freiheit und alte Verfassung berufen, welche weder die Zeit
noch empfangene Wohltaten in ihrem Gedächtnis auszulöschen vermögen. Was für Maßregeln und Verkehrungen auch der
Eroberer trifft: wenn er die Einwohner nicht auseinanderreißt und zerstreut, vergessen sie ihre Freiheit und Verfassung nie "
Machiavelli (Der Fürst).
30
165. Die kapitalistische Produktion hat den Raum vereinheitlicht, der von keinen Außengesellschaften mehr begrenzt ist.
Diese Vereinheitlichung ist zugleich ein extensiver und intensiver Prozeß der Banalisierung. So wie die Akkumulation
der für den abstrakten Raum des Marktes in Serie produzierten Waren alle regionalen und gesetzlichen Schranken und
alle korporativen Beschränkungen des Mittelalters, die die Qualität der handwerksmäßigen Produktion aufrechterhielten,
brechen mußte, mußte sie auch die Autonomie und die Qualität der Orte auflösen. Diese Macht der Homogenisierung ist
die schwere Artillerie, die alle chinesischen Mauern in den Grund geschossen hat.
166. Um immer identischer mit sich selbst zu werden, um sich der unbeweglichen Eintönigkeit möglichst weit zu nähern, wird
der freie Raum der Ware nunmehr ständig verändert und wiederaufgebaut.
167. Diese Gesellschaft, die die geographische Entfernung abschafft, nimmt im Inneren die Entfernung als spektakuläre
Trennung wieder auf.
168. Das Nebenprodukt der Warenzirkulation, die als Konsum betrachtete menschliche Zirkulation, d.h. der Tourismus, läßt
sich im wesentlichen auf die Muße zurückführen, das zu besichtigen, was banal geworden ist. Die wirtschaftliche
Erschließung des Besuchs verschiedener Orte ist bereits von selbst die Garantie ihrer Äquivalenz. Dieselbe
Modernisierung, die der Reise die Zeit entzogen hat, hat ihr auch die Realität des Raums entzogen.
169. Die Gesellschaft, die ihre ganze Umgebung modelliert, hat sich eine spezielle Technik geschaffen, um die konkrete Basis
dieser Aufgabengruppe zu bearbeiten: ihr Territorium selbst. Der Urbanismus ist diese Inbesitznahme der natürlichen und
menschlichen Umwelt durch den Kapitalismus, der, indem er sich logisch zur absoluten Herrschaft entwickelt, jetzt das
Ganze des Raums als sein eigenes Bühnenbild umarbeiten kann und muß.
170. Das kapitalistische Erfordernis, das im Urbanismus als sichtbarer Vereisung des Lebens befriedigt wird, kann - mit
Hegelschen Worten gesagt - als die absolute Vorherrschaft "des ruhigen Nebeneinander des Raums" über "das unruhige
Werden im Nacheinander der Zeit" ausgedrückt werden.
171. Wenn alle technischen Kräfte der kapitalistischen Wirtschaft als trennungschaffende Kräfte zu verstehen sind, handelt es
sich im Fall des Urbanismus um die Ausrüstung ihrer allgemeinen Basis, um die Bearbeitung des für ihre Entfaltung
geeigneten Bodens; um die Technik der Trennung selbst.
172. Der Urbanismus ist die moderne Ausführung der ununterbrochenen Aufgabe, die die Klassenherrschaft sicherstellt: die
Aufrechterhaltung der Atomisierung der Arbeiter, die durch die städtischen Produktionsbedingungen gefährlich
zusammengebracht worden waren. Der ständige Kampf, der gegen alle Aspekte dieser Möglichkeit der Begegnung
geführt werden mußte, findet im Urbanismus sein bevorzugtes Feld. Die Bemühung aller etablierten Mächte seit den
Erfahrungen der französischen Revolution, die Mittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung in den Straßen zu vermehren,
gipfelt schließlich in der Abschaffung der Straße. "Mit den Massenkommunikationsmitteln über große Entfernungen hat
sich herausgestellt, daß die Isolierung der Bevölkerung ein viel wirksameres Mittel der Kontrolle ist", stellt Lewis
Mumford in The City in History fest, wo er eine "von nun an bestehende Einbahnwelt" beschreibt. Aber die allgemeine
Isolierungsbewegung, die die Realität des Urbanismus ist, muß auch eine kontrollierte Wiedereingliederung der Arbeiter
nach den planbaren Erfordernissen der Produktion und des Konsums enthalten. Die Integration in das System muß die
isolierten Individuen als gemeinsam isolierte Individuen wieder in Besitz nehmen: die Betriebe wie die Kulturzentren, die
Feriendörfer wie die großen Wohnsiedlungen sind speziell für die Ziele dieser Pseudogemeinschaftlichkeit organisiert,
die das vereinzelte Individuum auch in die Familienzelle begleitet: die verallgemeinerte Verwendung von Empfängern
der Spektakelbotschaft bewirkt, daß seine Vereinzelung von den herrschenden Bildern bevölkert wird, von Bildern, die
erst durch diese Vereinzelung ihre volle Macht erreichen.
173. Zum ersten Mal ist eine neue Architektur, die in jeder früheren Epoche der Befriedigung der herrschenden Klassen
vorbehalten war, direkt den Armen zugedacht. Das formale Elend und die riesenhafte Ausdehnung dieser neuen
Wohnungserfahrung sind die Folge ihres Massencharakters, den sowohl ihre Bestimmung als auch die modernen
Konstruktionsbedingungen einschließen. Die autoritäre Entscheidung, die abstrakt den Raum zu einem Raum der
Abstrakten anordnet, steht natürlich im Zentrum dieser modernen Konstruktionsbedingungen. Die gleiche Architektur
erscheint überall dort, wo die Industrialisierung der in dieser Hinsicht zurückgebliebenen Länder beginnt, als der neuen
gesellschaftlichen Existenzweise - die es dort ansässig zu machen gilt - adäquates Terrain. Die überschrittene
Wachstumsschwelle der materiellen Macht der Gesellschaft und die Verzögerung der bewußten Beherrschung dieser
Macht treten im Urbanismus genauso offen zu Tage wie in den Fragen der thermonuklearen Bewaffnung und der
Geburtenfrequenz - und im letzteren Fall geht es so weit, daß die Möglichkeit einer Manipulation der Erblichkeit bereits
erreicht worden ist.
174. Der gegenwärtige Moment ist bereits derjenige der Selbstzerstörung des städtischen Milieus. Die Zersplitterung der
Städte auf das Land, das durch "formlose Massen städtischer Überbleibsel" (Lewis Mumford) überwachsen wird, wird
unmittelbar von den Erfordernissen des Konsums geleitet. Die Diktatur des Automobils, des Schrittmacherproduktes der
31
ersten Phase des Warenüberflusses, hat sich durch die Herrschaft der Autobahn, die die alten Zentren sprengt und eine
immer mehr geförderte Versprengung gebietet, in das Gelände eingeprägt. Zugleich polarisieren sich vorübergehend die
Momente der unvollendeten Reorganisation des städtischen Gefüges um die "Distributionsfabriken" herum, um die
riesigen Supermarkets, die auf dem nackten Gelände, auf einem Parkplatz-Sockel, errichtet sind; und diese Tempel des
überstürzten Konsums fliehen selbst in der zentrifugalen Bewegung, die sie wieder abstößt, sobald sie ihrerseits zu
überlasteten Sekundärzentren geworden sind, weil sie zu einer teilweisen Neuzusammensetzung der Ballung geführt
haben. Aber die technische Organisation des Konsums steht lediglich im Vordergrund der allgemeinen Auflösung, die die
Stadt auf diese Weise dahingebracht hat, daß sie sich selbst konsumiert.
175. Die Wirtschaftsgeschichte, die sich ganz und gar um den Gegensatz Stadt - Land herum entwickelt hat, hat eine
Erfolgsstufe erreicht, die die beiden Seiten gleichzeitig vernichtet. Die heutige Lähmungder gesamten geschichtlichen
Entwicklung zugunsten der alleinigen Fortsetzung der selbständigen Bewegung der Wirtschaft macht den Moment, in
dem die Stadt und das Land zu verschwinden beginnen, nicht zur Aufhebungihrer Entzweiung, sondern zu ihrem
gleichzeitigen Zusammenbruch. Die gegenseitige Abnutzung der Stadt und des Landes, das Produkt des Versagens der
geschichtlichen Bewegung, durch die die bestehende städtische Wirklichkeit überwunden werden sollte, erscheint in der
eklektischen Mischung ihrer zerlegten Bestandteile, die die in der Industrialisierung fortgeschrittensten Zonen überdeckt.
176. Die Weltgeschichte ist in den Städten entstanden, und sie ist in dem Moment des entscheidenden Sieges der Stadt über
das Land mündig geworden. Marx sieht es als eines der größten revolutionären Verdienste der Bourgeoisie an, daß "sie
das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen hat", deren Luft freimacht. Aber wenn die Geschichte der Stadt die
Geschichte der Freiheit ist, so war sie auch die Geschichte der Tyrannei, der staatlichen Verwaltung, die das Land und die
Stadt selbst kontrolliert. Die Stadt konnte bisher nur der Kampfplatz der geschichtlichen Freiheit sein und nicht deren
Besitz. Die Stadt ist das Milieu der Geschichte, weil sie zugleich Konzentration der gesellschaftlichen Macht, die das
geschichtliche Unternehmen möglich macht, und Bewußtsein der Vergangenheit ist. Die gegenwärtige Tendenz zur
Liquidierung der Stadt äußert daher nur auf eine andere Weise die Verzögerung bei der Unterordnung der Wirtschaft
unter das geschichtliche Bewußtsein und bei einer Vereinigung der Gesellschaft, die die Mächte wieder ergreift, die sich
von ihr abgehoben haben.
177. "Das Land bringt gerade die entgegengesetzte Tatsache, die Isolierung und Vereinzelung, zur Anschauung" (Die deutsche
Ideologie). Der Urbanismus, der die Städte zerstört, baut ein neues Pseudo-Land auf, in dem die natürlichen Verhältnisse
des alten Landes genauso wie die direkten und direkt in Frage gestellten gesellschaftlichen Verhältnisse der
geschichtlichen Stadt verloren sind. Eine neue künstliche Bauernschaft wird durch die Bedingungen der Siedlung und der
spektakulären Kontrolle in dem heutigen "geordneten Raum" geschaffen: die Verstreuung im Raum und die bornierte
Mentalität, die stets die Bauernschaft daran gehindert haben, eine unabhängige Aktion zu unternehmen und sich als
schöpferische geschichtliche Macht zu behaupten, bilden wieder die Merkmale der Produzenten - und die Bewegung
einer Welt, die sie selbst erzeugen, bleibt ihnen genauso unerreichbar, wie es der natürliche Rhythmus der Arbeiten für
die Agrargesellschaft war. Aber wenn diese Bauernschaft, die die unerschütterliche Basis des "orientalischen
Despotismus" war und deren Zersplitterung selbst nach der bürokratischen Zentralisierung rief, als Produkt der
Wachstumsbedingungen der modernen staatlichen Bürokratisierung wieder auftaucht, muß ihre Apathie diesmal
geschichtlich erzeugtund erhalten worden sein; die natürliche Unwissenheit hat dem organisierten Spektakel des Irrtums
Platz gemacht. Die "neuen Städte" der technologischen Pseudobauernschaft prägen in das Terrain deutlich den Bruch mit
der geschichtlichen Zeit ein, auf die sie aufgebaut sind; ihr Motto kann lauten: "Hier selbst wird nie etwas geschehen und
hier ist nie etwas geschehen". Weil die Geschichte, die es in den Städten zu befreien gilt, in ihnen noch nicht befreit
worden ist, gerade darum beginnen die Kräfte der geschichtlichen Abwesenheit, ihre eigene exklusive Landschaft
zusammenzustellen.
178. Die Geschichte, die diese dämmernde Welt bedroht, ist auch die Kraft, die der erlebten Zeit den Raum unterwerfen kann.
Die proletarische Revolution ist diese Kritik der menschlichen Geographie, durch die die Individuen und die
Gemeinschaften die Landschaften und die Ereignisse konstruieren müssen, die der Aneignung nicht mehr nur ihrer
Arbeit, sondern ihrer gesamten Geschichte entsprechen. In diesem bewegten Raum des Spiels und der freigewählten
Variationen der Spielregeln kann die Autonomie des Ortes wiedergefunden werden, ohne eine neue ausschließende
Bindung an den Boden einzuführen, und dadurch die Wirklichkeit der Reise und des als Reise verstandenen Lebens
zurückbringen, einer Reise, die in sich selbst all ihren Sinn hat.
179. Die größte revolutionäre Idee über den Urbanismus ist selbst weder urbanistisch noch technologisch oder ästhetisch. Es
ist die Entscheidung, den Raum nach den Bedürfnissen der Macht der Arbeiterräte, der anti-staatlichen Diktatur des
Proletariats, des vollstreckbaren Dialogs vollständig wiederaufzubauen. Und die Macht der Räte, die nur wirklich sein
kann, wenn sie die Totalität der bestehenden Bedingungen verändert, wird sich, wenn sie anerkannt werden will und sich
selbst in ihrer Welt erkennen will, keine geringere Aufgabe stellen können.
32
8. Kapitel
DIE NEGATION UND DER KONSUM IN
DER KULTUR
"Wir werden eine politische Revolution erleben? Wir, die Zeitgenossen dieser Deutschen? Mein Freund, Sie glauben, was Sie
wünschen Wenn ich Deutschland nach seiner bisherigen und nach seiner gegenwärtigen Geschichte beurteile, so werden Sie
mir nicht einwerfen, seine ganze Geschichte sei verfälscht, und seine ganze jetzige Öffentlichkeit stelle nicht den eigentlichen
Zustand des Volkes dar. Lesen Sie die Zeitungen, welche Sie wollen, überzeugen Sie sich, daß man nicht aufhört - und Sie
werden zugeben, daß die Zensur niemand hindert aufzuhören -, die Freiheit und das Nationalglück zu loben, welches wir
besitzen"
Ruge (Brief an Marx, März 1843 ).
180. Die Kultur ist, in der in Klassen geteilten geschichtlichen Gesellschaft, die allgemeine Sphäre der Erkenntnis und der
Vorstellungen des Erlebten; d.h. sie ist jenes Vermögen der Verallgemeinerung, das getrennt besteht, als Teilung der
intellektuellen Arbeit und als intellektuelle Arbeit der Teilung. Die Kultur hat sich von der Einheit der Gesellschaft des
Mythos abgehoben, "wenn die Macht der Vereinigung aus dem Leben der Menschen verschwindet und die Gegensätze
ihre lebendige Beziehung und Wechselwirkung verloren haben und Selbständigkeit gewinnen" (Differenz des
Fichteschen und Schellingschen Systems). Indem sie ihre Unabhängigkeit gewinnt, fängt die Kultur eine imperialistische
Bewegung der Bereicherung an, die gleichzeitig der Niedergang ihrer Unabhängigkeit ist. Die Geschichte, die die relative
Autonomie der Kultur und die ideologischen Illusionen über diese Autonomie schafft, drückt sich auch als
Kulturgeschichte aus. Und die gesamte Eroberungsgeschichte der Kultur läßt sich als die Geschichte der Offenbarung
ihrer Unzulänglichkeit, als ein Fortgang zu ihrer Selbstauflösung begreifen. Die Kultur ist der Ort der Suche nach der
verlorenen Einheit. Bei dieser Suche nach der Einheit ist die Kultur als getrennte Sphäre gezwungen, sich selbst zu
verneinen.
181. Der Kampf zwischen Tradition und Neuerung, der das innere Entwicklungsprinzip der Kultur der geschichtlichen
Gesellschaften ist, kann nur durch den ständigen Sieg der Neuerung fortgeführt werden. Die Neuerung in der Kultur wird
indessen von nichts anderem getragen, als von der totalen geschichtlichen Bewegung, die, indem sie sich ihrer Totalität
bewußt wird, nach der Aufhebung ihrer eigenen kulturellen Voraussetzungen strebt und auf die Abschaffung jeder
Trennung hingeht.
182. Der Aufschwung der Erkenntnisse der Gesellschaft, der das Begreifen der Geschichte als das Herz der Kultur beinhaltet,
gelangt zu einer unwiderruflichen Selbsterkenntnis, die durch die Zerstörung Gottes ausgedrückt wird. Aber diese
"Voraussetzung aller Kritik" ist zugleich auch die erste Verpflichtung zu einer endlosen Kritik. Wo keine Verhaltensregel
mehr fortbestehen kann, wird die Kultur durch jedes ihrer Resultate ihrer Auflösung näher gebracht. Wie die Philosophie
im Augenblick, in dem sie ihre volle Autonomie erlangt hat, muß jede autonom gewordene Disziplin zusammenbrechen,
und zwar zunächst als Anspruch kohärenter Erklärung der gesellschaftlichen Totalität und schließlich sogar als innerhalb
ihrer eigenen Grenzen brauchbare parzellierte Instrumentierung. Der Mangel an Rationalität der getrennten Kultur ist das
Element, das sie zu verschwinden verdammt, denn in ihr ist der Sieg des Rationellen bereits als Forderung vorhanden.
183. Die Kultur ist aus der Geschichte entstanden, die die Lebensart der alten Welt aufgelöst hat, aber als getrennte Sphäre ist
sie noch nichts weiter, als das Verständnis und die sinnliche Kommunikation, die in einer teilweise geschichtlichen
Gesellschaft partiell bleibt. Sie ist der Sinn einer allzuwenig sinnigen Welt.
184. Das Ende der Kulturgeschichte äußert sich auf zwei entgegengesetzten Seiten: im Projekt ihrer Aufhebung in der totalen
Geschichte und in der Veranstaltung ihrer Aufrechterhaltung als toter Gegenstand in der spektakulären Kontemplation.
Die eine dieser Bewegungen hat ihr Schicksal mit der gesellschaftlichen Kritik, und die andere das ihre mit der
Verteidigung der Klassenherrschaft verknüpft.
185. Jede der beiden Seiten des Endes der Kultur existiert einheitlich sowohl in allen Aspekten der Erkenntnisse als in allen
Aspekten der sinnlichen Vorstellungen - existiert also in dem, was die Kunstim allgemeinsten Sinne war. Im ersten Fall
stehen einander die Akkumulation fragmentarischer Kenntnisse, die darum unbrauchbar werden, weil die Billigungder
bestehenden Bedingungen auf ihre eigenen Kenntnisse schließlich verzichten muß, und die Theorie der Praxis gegenüber,
die die einzige Inhaberin der Wahrheit aller Kenntnisse ist, indem sie als einzige über das Geheimnis ihres Gebrauchs
33
verfügt. Im zweiten Fall stehen einander die kritische Selbstzerstörung der alten gemeinsamen Spracheder Gesellschaft
und ihre künstliche Wiederzusammensetzung im Warenspektakel, die illusorische Vorstellung des Nichterlebten
gegenüber.
186. Die Gesellschaft muß, wenn sie die Gemeinschaft der Gesellschaft des Mythos verliert, alle Bezugspunkte einer wirklich
gemeinsamen Sprache verlieren, bis zu dem Moment, da die Entzweiung der untätigen Gemeinschaft durch das Gelangen
zur wirklichen geschichtlichen Gemeinschaft überwunden werden kann. Sobald sich die Kunst, die diese gemeinsame
Sprache der gesellschaftlichen Untätigkeit war, zur unabhängigen Kunst im modernen Sinn herausbildet, wenn sie aus
ihrem ursprünglichen religiösen Universum hervortaucht und zur individuellen Produktion getrennter Werke wird, erfährt
sie als besonderer Fall die Bewegung, die die Geschichte der gesamten getrennten Kultur beherrscht. Ihre unabhängige
Behauptung ist der Anfang ihrer Auflösung.
187. Daß die Sprache der Kommunikation verloren wurde, dies wird positiv durch die moderne Auflösungsbewegung aller
Kunst, durch ihre formale Vernichtung ausgedrückt. Was diese Bewegung negativ ausdrückt, ist die Tatsache, daß eine
gemeinsame Sprache wiedergefunden werden muß - nicht mehr in der einseitigen Schlußfolgerung, die für die Kunst der
geschichtlichen Gesellschaft immer zu spät kam, und anderen von dem sprach, was ohne wirklichen Dialog erlebt wurde,
und diese Mangelhaftigkeit des Lebens zuließ -, aber auch daß diese Sprache in der Praxis wiedergefunden werden muß,
die die direkte Tätigkeit und deren Sprache in sich vereint. Es geht darum, die Gemeinsamkeit des Dialogs und das Spiel
mit der Zeit, die von dem poetisch-künstlerischen Werk vorgestellt wurden, tatsächlich zu besitzen.
188. Wenn die unabhängig gewordene Kunst ihre Welt in leuchtenden Farben malt, ist ein Moment des Lebens alt geworden,
und mit leuchtenden Farben läßt er sich nicht verjüngen, sondern nur in der Erinnerung wachrufen. Die Größe der Kunst
beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung des Lebens zu erscheinen.
189. Die geschichtliche Zeit, die auf die Kunst übergreift, hat sich vom Barock an zunächst in der Sphäre der Kunst selbst
ausgedrückt. Das Barock ist die Kunst einer Welt, die ihr Zentrum verloren hat: die vom Mittelalter anerkannte letzte
mythische Ordnung im Kosmos und in der irdischen Regierung - die Einheit des Christentums und das Gespenst eines
Kaiserreichs - ist zusammengebrochen. Die Kunst der Veränderung muß in sich das ephemere Prinzip tragen, das sie in
der Welt vorfindet. Sie hat, so sagt Eugenio d’Ors, "das Leben gegen die Ewigkeit" gewählt. Das Theater und das Fest,
das theatralische Fest, sind die herrschenden Momente der barocken Gestaltung, in der jeder besondere künstlerische
Ausdruck seinen Sinn erst durch seine Verweisung auf das Bühnenbild eines konstruierten Ortes erhält, auf eine
Konstruktion, die ihr eigenes Vereinigungszentrum sein muß: und dieses Zentrum ist das Vergehen, das als bedrohtes
Gleichgewicht in die dynamische Unordnung von allem eingeschrieben ist. Die manchmal übertriebene Wichtigkeit, die
der Begriff des Barocks in der zeitgenössischen ästhetischen Diskussion erhalten hat, äußert das Bewußtwerden der
Unmöglichkeit eines künstlerischen Klassizismus: die Anstrengungen, die zugunsten eines normativen Klassizismus oder
Neoklassizismus seit drei Jahrhunderten unternommen wurden, führten lediglich zu kurzen, künstlichen Konstruktionen,
die die äußere Sprache des Staates sprachen, die Sprache der absoluten Monarchie oder der revolutionären Bourgeoisie
im römischen Gewand. Von der Romantik bis zum Kubismus folgte dem allgemeinen Verlauf des Barocks schließlich
eine immer stärker individualisierte Kunst der Negation, die sich fortwährend erneuerte, bis zur vollständigen
Zerstückelung und Negation der künstlerischen Sphäre. Das Verschwinden der geschichtlichen Kunst, die mit der
internen Kommunikation einer Elite verknüpft war, die ihre halbunabhängige gesellschaftliche Basis in den teilweise
ludistischen Bedingungen hatte, die die letzten Aristokratien noch erlebten, äußert auch die Tatsache, daß der
Kapitalismus die erste Klassenherrschaft erfährt, die ihren Mangel an jeder ontologischen Qualität bekennt; und deren
Macht, die in der bloßen Wirtschaftsverwaltung wurzelt, ebenso der Verlust jeder menschlichen Meisterschaft ist. Das
Barock als Ganzes, das für die künstlerische Schöpfung eine seit langem verlorene Einheit ist, findet sich gewissermaßen
im jetzigen Konsumder gesamten künstlerischen Vergangenheit wieder. Die geschichtliche Kenntnis und Anerkennung
der ganzen Kunst der Vergangenheit, die zurückblickend zur Weltkunst erhoben wird, relativieren sie zu einer globalen
Unordnung, die ihrerseits auf einer höheren Stufe einen barocken Bau bildet, in dem die Produktion einer barocken Kunst
selbst und all ihre Wiedererscheinungen verschmelzen müssen. Zum ersten Mal können die Künste aller Zivilisationen
und aller Epochen allesamt gekannt und zugelassen werden. Diese "Er-lnnerung" der Geschichte der Kunst ist, indem sie
möglich wird, auch das Ende der Welt der Kunst. In dieser Epoche der Museen, wenn es keine künstlerische
Kommunikation mehr geben kann, können alle alten Momente der Kunst gleichermaßen zugelassen werden, denn kein
Moment der Kunst leidet mehr, bei dem gegenwärtigen Verlust der Kommunikationsbedingungen überhaupt, unter dem
Verlust seiner besonderen Kommunikationsbedingungen.
190. In der Epoche ihrer Auflösung ist die Kunst als negative Bewegung, die die Aufhebung der Kunst in einer
geschichtlichen Gesellschaft verfolgt, in der die Geschichte noch nicht erlebt wird, eine Kunst der Veränderung und
zugleich der reine Ausdruck der unmöglichen Veränderung. Je grandioser ihre Forderung ist, um so mehr liegt ihre wahre
Verwirklichung jenseits ihrer. Diese Kunst ist gezwungenermaßen Avantgarde und diese Kunst existiert nicht. Ihre
34
Avantgarde ist ihr Verschwinden.
191. Der Dadaismus und der Surrealismus sind die beiden Strömungen, die das Ende der modernen Kunst kennzeichneten. Sie
sind, wenn auch nur auf eine relativ bewußte Weise, Zeitgenossen des letzten großen Sturmangriffs der revolutionären
proletarischen Bewegung; und das Scheitern dieser Bewegung, das sie gerade im künstlerischen Feld, dessen
Hinfälligkeit sie proklamiert hatten, eingeschlossen hielt, ist der Hauptgrund für ihre Immobilisierung. Der Dadaismus
und der Surrealismus sind zugleich geschichtlich miteinander verknüpft und stehen im Gegensatz zueinander. In diesem
Gegensatz, der für jede der beiden Strömungen auch den konsequentesten und radikalsten Teil ihres Beitrags bildet,
erscheint die innere Unzulänglichkeit ihrer Kritik, die von der einen wie von der anderen nur einseitig entwickelt wurde.
Der Dadaismus wollte die Kunst aufheben, ohne sie zu verwirklichen; und der Surrealismus wollte die Kunst
verwirklichen, ohne sie aufzuheben. Die seitdem von den Situationisten erarbeitete kritische Position hat gezeigt, daß die
Aufhebung und die Verwirklichung der Kunst die unzertrennlichen Aspekte ein und derselben Überwindung der Kunst
sind.
192. Der spektakuläre Konsum, der die alte Kultur, die angepaßte Wiederholung ihrer negativen Äußerung mit inbegriffen,
gefroren konserviert, wird offen in seinem kulturellen Bereich zu dem, was er implizit in seiner Gesamtheit ist: die
Kommunikation des Unmitteilbaren. Die höchste Zerstörung der Sprache kann hier flach als ein offizieller positiver Wert
anerkannt werden, denn es geht nur darum, eine Versöhnung mit dem herrschenden Zustand der Dinge zur Schau zu
tragen, bei dem jede Kommunikation freudig als abwesend proklamiert wird. Die kritische Wahrheit dieser Zerstörung,
als wirkliches Leben der modernen Kunst und Dichtung ist natürlich versteckt, denn das Spektakel, dessen Funktion darin
besteht, in der Kultur die Geschichte in Vergessenheit zu bringen, wendet in der Pseudoneuheit seiner modernistischen
Mittel gerade die Strategie an, die es im Grunde ausmacht. So kann sich eine Schule der Neo-Literatur als neu ausgeben,
die einfach zugibt, daß sie das Geschriebene um seiner selbst willen betrachtet. Sonst versucht die modernste -und mit der
repressiven Praxis der allgemeinen Organisation der Gesellschaft am engsten verbundene - Tendenz der spektakulären
Kultur, neben der bloßen Proklamation der hinreichenden Schönheit der Auflösung des Kommunizierbaren, durch
"Gesamtkunstwerke" aus den aufgelösten Elementen ein komplexes neokünstlerisches Milieu wiederzusammenzusetzen;
besonders gilt das für die Bemühungen der Integrierung der künstlerischen Trümmer und der technisch-ästhetischen
Zwitter im Urbanismus. Dies ist, auf die Ebene der spektakulären Pseudokultur, die Übertragung jenes allgemeinen
Projekts des entwickelten Kapitalismus, den Teilarbeiter als "fest in die Gruppe integrierte Persönlichkeit" wieder zu
ergreifen, eine Tendenz, die von den jüngeren amerikanischen Soziologen beschrieben wurde (Riesman, Whyte usw.). Es
ist überall dasselbe Projekt einer Neustrukturierung ohne Gemeinschaftlichkeit.
193. Die Kultur, die ganz und gar zur Ware geworden ist, muß auch zur Star-Ware der spektakulären Gesellschaft werden.
Clark Kerr, einer der fortgeschrittensten Ideologen dieser Tendenz, hat errechnet, daß der komplexe Produktions-,
Distributions- und Konsumprozeß der Kenntnisse schon 29 % des amerikanischen Nationalprodukts jährlich mit
Beschlag belegt; und er sieht voraus, daß die Kultur in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts die treibende Rolle in der
Wirtschaftsentwicklung spielen wird, die in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vom Kraftwagen und in der zweiten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts von der Eisenbahn gespielt wurde.
194. Die Gesamtheit der Kenntnisse, die sich zur Zeit als Denken des Spektakels fortentwickelte, muß eine Gesellschaft
rechtfertigen, die keine Rechtfertigungen hat, und sich zu einer allgemeinen Wissenschaft des falschen Bewußtseins
herausbilden. Sie ist ganz durch die Tatsache bedingt, daß sie ihre eigene materielle Grundlage im spektakulären System
weder denken kann noch will.
195. Das Denken der gesellschaftlichen Organisation des Scheins wird seinerseits durch die verallgemeinerte
Hilfs-Kommunikation, die es verteidigt, verdunkelt. Es weiß nicht, daß der Konflikt der Vater aller Dinge seiner Welt ist.
Die Spezialisten der Macht des Spektakels, einer Macht, die im Inneren seines Systems einer Sprache ohne Antwort
absolut ist, sind durch ihre Erfahrung der Verachtung und des Gelingens der Verachtung absolut korrumpiert; denn sie
finden ihre Verachtung durch die Kenntnis des verachtungswerten Menschen bestätigt, der der Zuschauer wirklich ist.
196. In dem spezialisierten Denken des spektakulären Systems findet eine neue Teilung der Aufgaben je nachdem statt, wie
die Vervollkommnung dieses Systems selbst neue Probleme stellt: auf der einen Seite unternimmt die moderne
Soziologie, die die Trennung allein mit Hilfe der begrifflichen und materiellen Instrumente der Trennung studiert, die
spektakuläre Kritik des Spektakels; auf der anderen Seite bildet sich in den verschiedenen Disziplinen, in denen sich der
Strukturalismus einwurzelt, die Apologie des Spektakels zum Denken des Nichtdenkens, zum berechtigten Vergessen der
geschichtlichen Praxis heraus. Dennoch sind die falsche Verzweiflung der undialektischen Kritik und der falsche
Optimismus der reinen Werbung des Systems als unterwürfiges Denken identisch.
197. Die Soziologie, die zunächst in den Vereinigten Staaten damit begonnen hat, die mit der jetzigen Entwicklung
geschaffenen Existenzbedingungen zur Diskussion zu stellen, hat zwar zahlreiche empirische Gegebenheiten anführen
können, erkennt jedoch in keiner Weise die Wahrheit ihres eigenen Gegenstandes, weil sie nicht in ihm selbst die Kritik
35
findet, die ihm immanent ist. Infolgedessen stützt sich die aufrichtig reformistische Tendenz dieser Soziologie lediglich
auf die Moral, den gesunden Menschenverstand, auf höchst unpassende Appelle an die Mäßigung usw. Weil eine
derartige Kritik das Negative, das im Zentrum ihrer Welt steht, nicht erkennt, beschreibt sie lediglich mit Nachdruck eine
Art negativen Überschusses, der ihr beklagenswerterweise die Oberfläche dieser Welt zu überfüllen scheint, wie eine
irrationelle parasitäre Wucherung. Dieser entrüstete gute Wille, der es selbst als solcher nicht weiter bringt als die äußere
Form des Systems zu tadeln, hält sich für kritisch und vergißt dabei den wesentlich apologetischen Charakter seiner
Voraussetzungen und seiner Methode.
198. Diejenigen, die die Aufforderung zur Verschwendung in der Gesellschaft des wirtschaftlichen Überflusses als absurd
oder gefährlich denunzieren, wissen nicht, wozu die Verschwendung dient. Sie verurteilen mit Undankbarkeit, im Namen
der wirtschaftlichen Rationalität die treuen irrationellen Wächter, ohne welche die Gewalt dieser wirtschaftlichen
Rationalität zusammenbrechen würde. Boorstin z.B., der in "Image" den Warenkonsum des amerikanischen Spektakels
beschreibt, erreicht niemals den Begriff des Spektakels, weil er glaubt, das Privatleben oder die Idee der "ehrlichen Ware"
aus dieser unheilvollen Übertreibung ausklammern zu können. Er versteht nicht, daß die Ware selbst die Gesetze gemacht
hat, deren "ehrliche" Anwendung ebenso zur besonderen Realität des Privatlebens führt wie zu ihrer späteren
Rückeroberung durch den gesellschaftlichen Konsum von Bildern.
199. Boorstin beschreibt die Übertreibungen einer Welt, die uns fremd geworden ist, als Übertreibungen, die unserer Welt
fremd sind. Aber die "normale" Grundlage des gesellschaftlichen Lebens, auf die er sich implizite bezieht, wenn er die
oberflächliche Herrschaft der Bilder, in der Sprache des psychologischen und moralischen Urteils, als das Produkt
"unserer extravaganten Ansprüche" bezeichnet, besitzt weder in seinem Buch noch in seiner Epoche irgendeine Realität.
Gerade weil für Boorstin das wirkliche menschliche Leben, von dem er spricht, in der Vergangenheit liegt, mit Einschluß
der Vergangenheit der religiösen Ergebung, kann er nicht die ganze Tiefe einer Gesellschaft des Bildes begreifen. Die
Wahrheit dieser Gesellschaft ist nichts anderes als die Negation dieser Gesellschaft.
200. Die Soziologie, die glaubt, eine getrennt funktionierende industrielle Rationalität von der Gesamtheit des
gesellschaftlichen Lebens absondern zu können, kann bis dahin gehen, daß sie von der globalen industriellen Bewegung
die Techniken der Reproduktion und der Übertragung absondert. So findet Boorstin den Grund der Ergebnisse, die er
ausmalt, in dem unglücklichen, gleichsam zufälligen Zusammentreffen eines zu großen technischen Apparates zur
Verbreitung der Bilder mit einer zu großen Anziehungskraft, die die Pseudo-Sensation auf die Menschen unserer Epoche
ausübt. So läge der Grund für das Spektakel in der Tatsache, daß der moderne Mensch zu sehr Zuschauer sei. Boorstin
begreift nicht, daß das Wuchern von vorgefertigten "Pseudoereignissen", das er denunziert, aus der einfachen Tatsache
hervorgeht, daß die Menschen in der massiven Realität des jetzigen gesellschaftlichen Lebens selbst keine Ereignisse
erleben. Gerade weil die Geschichte selbst in der modernen Gesellschaft wie ein Gespenst umgeht, findet man
Pseudogeschichte, die auf allen Ebenen des Konsums des Lebens gebaut wird, um das bedrohte Gleichgewicht der
heutigen eingefrorenen Zeit zu erhalten.
201. Die Behauptung der endgültigen Stabilität einer kurzen Frostperiode der geschichtlichen Zeit ist die unleugbare,
bewußtlos und bewußt proklamierte Grundlage der heutigen Tendenz einer strukturalistischenSystematisierung. Der
Standpunkt, den das antigeschichtliche Denken des Strukturalismus einnimmt, ist der der ewigen Gegenwart eines
Systems, das nie geschaffen wurde und nie enden wird. Der Traum der Diktatur einer unbewußten vorgegebenen Struktur
über jede gesellschaftliche Praxis konnte mißbräuchlich aus den Strukturmodellen gezogen werden, welche die Linguistik
und die Ethnologie ausgearbeitet hatten (ja sogar die Funktionsanalyse des Kapitalismus), Modelle, die bereits unter
diesen Umständen mißverstanden wurden, einfach deshalb, weil ein akademisches Denken schnell befriedigter mittlerer
Angestellter, das vollständig in dem bewundernden Lob des bestehenden Systems versunken ist, jede Realität einfach auf
die Existenz des Systems zurückführt.
202. Zum Verständnis der "strukturalistischen" Kategorien, wie überhaupt bei jeder historischen sozialen Wissenschaft, ist
immer festzuhalten, daß die Kategorien Daseinsformen, Existenzbedingungen ausdrücken. Sowenig man den Wert eines
Individuums nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man diese bestimmte Gesellschaft
bewerten - und bewundern -, indem man die Sprache, in der sie zu sich selbst spricht, als unbestreitbar wahr annimmt.
"Ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dies
Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens erklären " Die Struktur ist das Kind der gegenwärtigen
Macht. Der Strukturalismus ist das vom Staat garantierte Denken, das die gegenwärtigen Bedingungen der spektakulären
"Mitteilung" als ein Absolutes denkt. Seine Art, den Code der Botschaften an sich selbst zu studieren, ist lediglich das
Produkt und die Anerkennung einer Gesellschaft, in der die Mitteilung in der Form einer Kaskade hierarchischer Signale
besteht. Es ist demnach nicht der Strukturalismus, der zum Beweis der übergeschichtlichen Gültigkeit der Gesellschaft
des Spektakels dient; es ist im Gegenteil die Gesellschaft des Spektakels, die sich als massive Realität durchsetzt und zum
Beweis des kalten Traums des Strukturalismus dient.
36
203. Ohne Zweifel kann der kritische Begriff des Spektakelsauch in irgendeiner soziologisch-politischen rhetorischen
Hohlformel verbreitet werden, um abstrakt alles zu erklären und zu denunzieren, und so der Verteidigung des
spektakulären Systems dienen. Denn es ist evident, daß keine Idee über das bestehende Spektakel, sondern lediglich über
die bestehenden Ideen vom Spektakel hinausführen kann. Zur wirklichen Zerstörung der Gesellschaft des Spektakels
bedarf es der Menschen, welche eine praktische Gewalt aufbieten. Die kritische Theorie des Spektakels ist nur wahr,
indem sie sich mit der praktischen Strömung zur Negation in der Gesellschaft vereinigt, und diese Negation, die
Wiederaufnahme des revolutionären Klassenkampfes, wird sich ihrer selbst bewußt werden, indem sie die Kritik des
Spektakels entwickelt, die die Theorie ihrer wirklichen Bedingungen, der praktischen Bedingungen der gegenwärtigen
Unterdrückung ist, und die umgekehrt das Geheimnis dessen enthüllt, was sie zu sein vermag. Diese Theorie erwartet
keine Wunder von der Arbeiterklasse. Sie betrachtet die neue Formulierung und Verwirklichung der proletarischen
Forderungen als eine langwierige Aufgabe. Um zwischen theoretischem und praktischem Kampf künstlich zu
unterscheiden - denn auf der hier definierten Grundlage läßt sich die Herausbildung und die Mitteilung einer derartigen
Theorie schon nicht ohne eine strenge Praxis begreifen -, es steht fest, daß der dunkle und schwierige Marsch der
kritischen Theorie auch zum Schicksal der auf Gesellschaftsebene handelnden praktischen Bewegung werden muß.
204. Die kritische Theorie muß sich in ihrer eigenen Sprache mitteilen. Diese Sprache ist die Sprache des Widerspruchs, die in
ihrer Form dialektisch sein muß, wie sie es in ihrem Inhalt ist. Sie ist Kritik der Totalität und geschichtliche Kritik. Sie ist
kein "Nullpunkt des Schreibens", sondern seine Umkehrung. Sie ist keine Negation des Stils, sondern der Stil der
Negation.
205. In ihrem Stil selbst ist die Darlegung der dialektischen Theorie nach den Regeln der herrschenden Sprache und für den
von ihnen anerzogenen Geschmack ein Ärgernis und ein Greuel, weil sie in der positiven Verwendung der bestehenden
Begriffe zugleich auch das Verständnis ihrer wiedergefundenen fließenden Bewegung, ihren notwendigen Untergang
einschließt.
206. Dieser Stil, der seine eigene Kritik enthält, muß die Herrschaft der gegenwärtigen Kritik über ihre ganze
Vergangenheitausdrücken. Durch ihn bezeugt die Darlegungsweise der dialektischen Theorie den negativen Geist, der in
ihr steckt. Die Wahrheit ist nicht "so, wie das Werkzeug von dem dortigen Gefäße wegbleibt " (Hegel.) Dieses
theoretische Bewußtsein der Bewegung, in dem die Spur der Bewegung selbst gegenwärtig sein muß, äußert sich durch
die Umkehrung der etablierten Beziehungen zwischen den Begriffen und durch die Entwendung aller Errungenschaften
der früheren Kritik. Die Umkehrung des Genitivs ist dieser in der Form des Denkens aufbewahrte Ausdruck der
geschichtlichen Revolutionen, der als der epigrammatische Stil Hegels betrachtet wurde. Als der junge Marx, dem
systematischen Gebrauch Feuerbachs entsprechend, den Ersatz des Subjekts durch das Prädikat empfahl, gelangte er zu
der konsequentesten Anwendung dieses aufrührerischen Stils, der aus der Philosophie des Elends das Elend der
Philosophie hervorzieht. Die Entwendung führt die vergangenen kritischen Folgerungen, die zu ehrenwerten Wahrheiten
erstarrt sind, d.h. in Lügen verwandelt wurden, wieder der Subversion zu. Die Entwendung wurde bereits von
Kierkegaard bewußt gebraucht und dabei von ihm selbst denunziert: "Wie du dich aber auch drehen und wenden magst:
wie der Saft immer in der Speisekammer endet, so kommst du immer dahin, ein kleines Wort einzumischen, das nicht
dein Eigentum ist und das durch die Erinnerung stört, die es erweckt." (Philosophische Brocken.) Es ist die Verpflichtung
zur Entfernungvon dem, was zur offiziellen Wahrheit verfälscht wurde, die diese Anwendung der Entwendung bestimmt,
zu der sich Kierkegaard in dem gleichen Buch auf folgende Weise bekennt: "Nur eine Bemerkung will ich noch machen
in Bezug auf deine vielen Anspielungen, die alle darauf abzielten, daß ich entlehnte Äußerungen in das Gesagte mischte.
Ich leugne nicht, daß dies der Fall ist, und will jetzt auch nicht verheimlichen, daß es mit Absicht geschah und daß ich im
nächsten Abschnitt dieses Stückes, falls ich je einen solchen schreibe, im Sinn habe, die Sache bei ihrem richtigen Namen
zu nennen und dem Problem ein historisches Kostüm anzuziehen."
207. Die Ideen verbessern sich. Die Bedeutung der Worte trägt dazu bei. Das Plagiat ist notwendig. Der Fortschritt impliziert
es. Es hält sich dicht an den Satz eines Verfassers, bedient sich seiner Ausdrücke, beseitigt eine falsche Idee, ersetzt sie
durch die richtige.
208. Die Entwendung ist das Gegenteil des Zitats, der theoretischen Autorität, die stets bereits deswegen verfälscht ist, weil sie
Zitat geworden ist; weil sie zu einem aus seinem Zusammenhang, aus seiner Bewegung und schließlich aus seiner
Epoche als globalem Bezugsrahmen und aus der bestimmten Option, die es innerhalb dieses Bezugsrahmens war - sei
diese richtig oder irrig erkannt - gerissenen Fragment geworden ist. Die Entwendung ist die flüssige Sprache der
Antiideologie. Sie erscheint in der Kommunikation, die weiß, daß sie nicht beanspruchen kann, irgendeine Garantie in
sich selbst und endgültig zu besitzen. Sie ist, im höchsten Grad, die Sprache, die kein früherer und überkritischer
Bezugspunkt bestätigen kann. Ihre eigene Kohärenz, in ihr selbst und mit den praktikablen Tatsachen, kann im Gegenteil
den früheren Wahrheitskern, den sie wiederbringt, bestätigen. Die Entwendung hat ihre Sache auf nichts gestellt, was
außerhalb ihrer eigenen Wahrheit als gegenwärtiger Kritik liegt.
37
209. Was sich in der theoretischen Formulierung offen als entwendet darstellt, indem es jede dauerhafte Autonomie der Sphäre
des ausgedrückten Theoretischen widerlegt, dadurch daß es in sie durch diese Gewaltsamkeit die Tat eintreten läßt, die
jede bestehende Ordnung stört und beseitigt, weist darauf hin, daß dieses Bestehen des Theoretischen in sich selbst nichts
ist, daß es sich erst mit der geschichtlichen Handlung kennen muß und mit der geschichtlichen Korrektur, welche seine
echte Treue ist.
210. Allein die wirkliche Negation der Kultur bewahrt deren Sinn. Sie kann nicht mehr kulturell sein. So ist sie das, was
irgendwie auf der Ebene der Kultur bleibt, dies aber in einem ganz anderen Sinn.
211. In der Sprache des Widerspruchs stellt sich die Kritik der Kultur als vereinheitlicht dar: insofern sie das Ganze der
Kultur - ihre Erkenntnis wie ihre Poesie - beherrscht, und insofern sie sich nicht mehr von der Kritik der
gesellschaftlichen Totalität trennt. Diese vereinheitlichte theoretische Kritik geht allein der vereinheitlichten
gesellschaftlichen Praxis entgegen.
9. Kapitel
DIE MATERIALISIERTE IDEOLOGIE
"Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem und dadurch, daß es für ein anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein
Anerkanntes."
Hegel (Phänomenologie des Geistes).
212. Die Ideologie ist im konfliktorischen Verlauf der Geschichte die Grundlage des Denkens einer Klassengesellschaft. Die
ideologischen Fakten waren niemals nur bloße Hirngespinste, sondern das entstellte Bewußtsein der Realitäten und als
solche wirkliche Faktoren, die ihrerseits eine wirklich entstellende Wirkung ausübten; um so mehr verschmilzt die mit
dem konkreten Gelingen der autonom gewordenen Wirtschaftsproduktion eintretende Materialisierung der Ideologie in
der Form des Spektakels praktisch die gesellschaftliche Realität und eine Ideologie, die das ganze Wirkliche nach ihrem
Modell zuschneiden konnte.
213. Wenn sich die Ideologie, die der abstrakte Wille zum Allgemeinen und seine Illusion ist, durch die allgemeine
Abstraktion und die tatsächliche Diktatur der Illusion in der modernen Gesellschaft legitimiert findet, ist sie nicht mehr
der voluntaristische Kampf des Parzellierten, sondern sein Triumph. Von da an nimmt der ideologische Anspruch eine
Art seichte positivistische Genauigkeit an: er ist nicht mehr eine geschichtliche Wahl, sondern eine Evidenz. In dieser
Behauptung haben sich die besonderen Namen der Ideologien verflüchtigt. Selbst der Teil der im eigentlichen Sinn
ideologischen Arbeit im Dienst des Systems faßt sich nur noch als Anerkennung eines "epistemologischen Sockels" auf,
der jenseits jedes ideologischen Phänomens stehen will. Die materialisierte Ideologie selbst ist namenlos, so wie ohne
nennbares geschichtliches Programm. Das heißt mit anderen Worten, daß die Geschichte der Ideologienzu Ende ist.
214. Die Ideologie, deren ganze innere Logik sie zur "totalen Ideologie" im Sinne Mannheims hinführte, der Despotismus des
Fragments, das sich als Pseudowissen eines erstarrten Ganzen durchsetzt, als totalitäre Vision, ist jetzt im
immobilisierten Spektakel der Nichtgeschichte vollendet. Ihre Vollendung ist auch ihre Auflösung in der Gesamtheit der
Gesellschaft. Mit der praktischen Auflösungdieser Gesellschaft muß auch die Ideologie verschwinden, die letzte
Unvernunft, die den Zugang zum geschichtlichen Leben blockiert.
215. Das Spektakel ist die Ideologie schlechthin, weil es das Wesen jedes ideologischen Systems in seiner Fülle darstellt und
äußert: die Verarmung, die Unterjochung und die Negation des wirklichen Lebens. Das Spektakel ist materiell "der
Ausdruck der Trennung und der Entfremdung zwischen Mensch und Mensch". Die neue Potenzdes wechselseitigen
Betrugs", die sich in ihm konzentriert hat, hat ihre Grundlage in dieser Produktion, durch die "mit der Masse der
Gegenstände das Reich der fremden Wesen wächst, denen der Mensch unterjocht ist". Das ist das höchste Stadium einer
Expansion, die das Bedürfnis gegen das Leben umgedreht hat. "Das Bedürfnis des Geldes ist daher das wahre, von der
Nationalökonomie produzierte Bedürfnis und das einzige Bedürfnis, das sie produziert". (Ökonomisch-philosophische
Manuskripte.) Das Spektakel weitet das Prinzip, das Hegel in der Jenaer Realphilosophie als dasjenige des Geldes
auffaßt, auf das gesamte gesellschaftliche Leben aus, es ist "das sich in sich bewegende Leben des Toten".
216. Im Gegensatz zu dem in den Thesen über Feuerbachzusammengefaßten Projekt, die Verwirklichung der Philosophie in
der Praxis, die die Entgegensetzung zwischen Idealismus und Materialismus aufhebt, erhält das Spektakel die
ideologischen Charaktere des Materialismus und des Idealismus und setzt sie in dem Pseudokonkreten seines Universums
38
durch. Die kontemplative Seite des alten Materialismus, der die Welt als Vorstellung und nicht als Tätigkeit auffaßt -und
der letzten Endes die Materie idealisiert -, ist im Spektakel vollendet, wo konkrete Dinge automatisch Herren über das
gesellschaftliche Leben sind. Umgekehrt vollendet sich auch die geträumte Tätigkeit des Idealismus im Spektakel durch
die technische Vermittlung von Zeichen und Signalen - die letzten Endes ein abstraktes Ideal materialisieren.
217. Der von Gabel (Ideologie und Schizophrenie) aufgestellte Parallelismus von Ideologie und Schizophrenie muß in den
Zusammenhang dieses wirtschaftlichen Prozesses der Materialisierung der Ideologie gestellt werden. Was die Ideologie
bereits war, ist die Gesellschaft geworden. Die Ausschaltung der Praxis, und das falsche antidialektische Bewußtsein, das
sie begleitet, das ist es, was in jeder Stunde des dem Spektakel unterworfenen, täglichen Lebens durchgesetzt wird; was
als eine systematische Organisation des "Versagens der Begegnungsfunktion" und als deren Ersatz durch ein
halluzinatorisches gesellschaftliches Faktum zu begreifen ist: das falsche Bewußtsein der Begegnung, die "Illusion der
Begegnung". In einer Gesellschaft, in der niemand mehr von den anderen anerkannt werden kann, wird jedes Individuum
unfähig, seine eigene Realität anzuerkennen. Die Ideologie ist zu Hause; die Trennung hat ihre Welt gebaut.
218. "In den klinischen Bildern der Schizophrenie", sagt Gabel, "gehen Verfall der Dialektik der Ganzheit (mit der Auflösung
als äußerster Form) und Verfall des Werdens (mit der Katatonie als äußerster Form) sehr gut zusammen." Das
zuschauende Bewußtsein, als Gefangener eines verflachten Universums, das durch den Bildschirm des Spektakels
beschränkt ist, hinter den sein eigenes Leben verschleppt worden ist, kennt nur noch die Scheingesprächspartner, die es
einseitig mit ihrer Ware und der Politik ihrer Ware unterhalten. Das Spektakel in seiner ganzen Ausdehnung ist sein
eigenes "Spiegelzeichen". Hier wird der Scheinabgang eines verallgemeinerten Autismus inszeniert.
219. Das Spektakel, das die Verwischung der Grenzen von Ich und Welt durch die Erdrückung des Ichs ist, das von der
gleichzeitigen An- und Abwesenheit der Welt belagert wird, ist ebenso die Verwischung der Grenzen zwischen dem
Wahren und dem Falschen durch die Verdrängung jeder erlebten Wahrheit unter der von der Organisation des Scheins
sichergestellten wirklichen Anwesenheit der Falschheit. Wer passiv sein täglich fremdes Schicksal erleidet, wird daher zu
einem Wahnsinn getrieben, der illusorisch auf dieses Schicksal reagiert, indem er sich mit magischen Techniken behilft.
Die Anerkennung und der Konsum der Waren stehen im Zentrum dieser Pseudoantwort auf eine Mitteilung ohne
Antwort. Das Bedürfnis nach Nachahmung, das der Konsument empfindet, ist genau das infantile Bedürfnis, das durch
alle Aspekte seiner wesentlichen Enteignung bedingt wird. Nach den Worten, die Gabel auf einer ganz anderen
pathologischen Ebene anwendet, "kompensiert hier das anormale Bedürfnis, sich zur Schau zu stellen, ein quälendes
Gefühl, am Rande des Lebens zu stehen".
220. Wenn die Logik des falschen Bewußtseins sich nicht selbst wahrheitsgemäß erkennen kann, so muß die Suche nach der
kritischen Wahrheit über das Spektakel auch eine wahre Kritik sein. Sie muß praktisch unter den unversöhnlichen
Feinden des Spektakels kämpfen und zugeben, dort abwesend zu sein, wo sie abwesend ist. Der abstrakte Wille zur
unmittelbaren Wirksamkeit erkennt die Gesetze des herrschenden Denkens, den ausschließlichen Gesichtspunkt der
Aktualität an, wenn er sich den Kompromittierungen des Reformismus oder der gemeinsamen Aktion
pseudorevolutionärer Trümmerhaufen ergibt. Dadurch hat sich der Wahn in derselben Position wiederhergestellt, die ihn
zu bekämpfen beansprucht. Die über das Spektakel hinausgehende Kritik muß viel mehr zu warten wissen.
221. Sich von den materiellen Grundlagen der verkehrten Wahrheit zu emanzipieren, darin besteht die Selbstemanzipation
unserer Epoche. Diese "geschichtliche Aufgabe, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren" kann weder das isolierte
Individuum noch die den Manipulationen unterworfene, atomisierte Menge vollbringen, sondern immer noch die Klasse,
die fähig ist, die Auflösung aller Klassen zu sein, indem sie die Macht auf die entfremdungsauflösende Form der
verwirklichten Demokratie zurückführt, auf den Rat, in dem die praktische Theorie sich selbst kontrolliert und ihre
Aktion sieht. Nur dort, wo die Individuen "unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft sind"; nur dort, wo sich der
Dialog bewaffnet hat, um seinen eigenen Bedingungen zum Sieg zu verhelfen.
39


05.12.2004 22:52  
glaubst du wirklich, löli könne soviel text bewältigen, ohne dass es dabei um superwaffen der amerikaner oder israelische spionage oder biertrinken geht? perlen vor die säue ....


  soviel verwirrende scheisse ist wirklich...
06.12.2004 18:04  
...zuviel für mein hirn.... ein gutes beispiel warum das volk svp wählt, wenn linke mit solchen texten argumentieren. kohn-bendit und joggel fischer verwirrten ihr hirn auch mit solchen texten, ihre politik heutzutage sieht man ja. mit komplizierten theorien die szeneintern eventuell einen sinn ergeben, wird das volk nicht überzeugt, es geht darum die existierende welt zu erklären... aber eba, ih bin jo doof, also hebi liaber d schnorra und überlohn ds feld da bürgerlicha und linka studiarta, dia sin jo gschiid knuag dia welt z verbessera ;), wia sis sit 150 johr machen , oder...?

mfg trotzdem


AutorIn: oberst löli
  Was hat dieser Mist hier zu suchen
06.12.2004 18:31  
Debord war vieles, nur kein bürgerlicher Akademiker.
Die Versuche die Welt zu verstehen und subversive Theorie für die Erfolge der politischen Rechten verantwortlich machen zu wollen, erinnern woran wohl?

Ausserdem ist Schweizerdeutsch ein idiotischer Dialekt, der vor allem dazu dient Fremde, die Hochdeutsch verstehen auszugrenzen.


  bürgerliche UND linke studierte hab ich .....
06.12.2004 19:23  
...geschrieben, und ob er studiert hat weiss ich nicht mal, kenne ihn nicht (jetzt schon :)... ) es geht darum das linke studies mit büchern/theorien argumentieren, welche die zu befreiende masse einfach nicht verstehen. es wird seit über 100 jahren über die arbeiter und arbeitslosenköpfe hinweg politisiert, obwohl man in der theorie genau diese leute *befreien* will vom joch der kapitalistischen unterdrückung. ich mag doof sein, wie viele auf dieser welt, aber ich weiss das das verkriechen in allzuviel theorie die *revolution* an und für sich verhindert (revolution=veränderung in köpfen normaler leute...meine definition). dies setzt aufklärung ,und nicht direkte aktion, voraus... die zeiten in denen man einen könig killen konnte und die welt ändert sich, sind vorbei... in der heutigen welt ist jeder der köpfe auswechselbar, welche die *verantwortung* inne haben... (wenn einer die verantwortung nicht so ernst nimmt, bekommt er ne abgangsentschädigung und der nächste löli übernimmt seinen posten)...
mfg

P.S.:wie kommst du überhaupt dazu, dich mit mir niederem, doofen löli zu unterhalten? ist doch echt unter deinem niveau, oder...? :D


AutorIn: oberst löli
  video vom netz
07.12.2004 17:05  
etwa 16 stunden nach der publikation des beitrags "alle jahre wieder wef" hat gipfelblockade.net das video wegen einem "schweren Fehler" vom netz genommen.
wo der wohl liegt?


| Web:: http://gipfelblockade.net/Gipfelblockade/Index.php?Site=News2&ID=199
> Übersetze diesen Artikel
> Artikel als PDF runterladen
> Diesen Artikel als e-Mail versenden
GNU Free Documentation License 1.2 Sämtlicher Inhalt auf Indymedia Deutschschweiz ist verfügbar unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 2.0 Germany.
Für sämtlichen Inhalt der jeweiligen Beiträge unter Indymedia Schweiz und Indymedia Deutschschweiz sind nur die jeweiligen AutorInnen verantwortlich!
Indymedia Schweiz läuft mit MIR 1.1
Use GNU!