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 :: Kundgebunng gegen die WTO in Bern ::
03-09-2003 14:30
AutorIn : anti-wto : http://www.anti-wto.ch
Plakat zur Kundgebung Soundtrax wider kapitalistischer Normierung
Donnerstag, 11. September, 19.30 Uhr, Waisenhausplatz Bern
mit Greis & DJ Sub, telefonischer Livebericht aus Cancun und Film: "Die WTO eine Bedrohung für die Menschheit", Chiapas Media Project, Mex/USA 2003
Plakat zur Kundgebung
Plakat zur Kundgebung
Vom 10. bis zum 14. September findet im mexikanischen Cancún das fünfte Ministertreffen der Welthandelsorganisation (WTO) statt. Die WTO hat zum Ziel, alle menschlichen Handlungen und Bedürfnisse der kapitalistischen Marktlogik unterzuordnen. Doch weltweit wehren sich immer mehr Menschen gegen die Pläne der WTO und beziehen sich aufeinander, um die WTO endgültig entgleisen zu lassen.


Die WTO. World Trade Organization. Eine Organisation für den freien Handel in der ganzen Welt: Ausbeutung, Profitgier, Verlogenheit und Arroganz, die zum Himmel stinkt, höher als das höchste Hochhaus der Welt.

Stell dir vor, dein Kind kommt langsam ins Schulalter. Es gibt einige Schulen in der nächstgelegenen Stadt. Du kannst wählen zwischen «Nokia», «Philipp Morris», «RUAG», Volkswagen» und «Microsoft». Gratis gibt es nichts. Die vier Konzerne machen den Preis unter sich aus, denn die WTO hat die Schulbildung zu einer Handelsware erklärt. Grosskonzerne beherrschen den Markt und bestimmen das Bildungsangebot. Öffentliche Schulen sind abgeschafft worden, weil sie Staatsbetriebe waren und damit gegen die Grundsätze des «freien Handels» verstiessen. Möglich gemacht und durchgesetzt hat dies die WTO unter dem Motto «Freier Handel ist das Beste». Und hat es jahrelang, unterstützt von internationalen Institutionen wie Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF), aber auch von und neoliberalen, liberalen, sozialdemokratischen und grünen PolitikerInnen, gepredigt. Als ob etwas wahr würde, wenn man es nur oft genug wiederholt.

Noch sind wir nicht ganz so weit. Doch es deutet alles auf ein solches Szenario hin, und natürlich nicht nur im Schulbereich. Die Post wird privatisiert. Strom desgleichen. Spitäler wird sich kaum noch jemand leisten können. Zug, Bus und Tram – wer viel Geld hat, kann sie benutzen; wir anderen bleiben besser zuhause.

Zwar besteht innerhalb der WTO nicht immer Einigkeit zum Vorgehen; aber der neoliberale Grundsatz bleibt: Förderung von freiem Handel und Wettbewerb. Was tatsächlich geplant ist und passiert, ist die systematische Zerstörung von öffentlichen Diensten und von kleinen Betrieben. Zum Schluss bleiben einige Grosskonzerne übrig, die aus allen Bereichen unseres Lebens Profit ziehen. Was als freier Wettbewerb angepriesen wird, ist eine verlogene Politik der Monopolisierung von wenigen Konzernen.

Willst du noch einige aktuelle Beispiele von dem, was sich tatsächlich schon abspielt?

... der Handel mit geistigem Eigentum...

Im Süden Mexikos trinkt die indigene Bevölkerung seit Jahrhunderten ein Getränk aus gemahlenem Mais, der mit Wasser gemischt wird. Leicht fermentiert, wirkt dieses Getränk, genannt Pozol, gegen Bakterien und Viren und beugt damit verschiedenen Krankheiten vor. Ein US-holländischer Konzern hat nun den Wirkstoff dieses Getränks patentieren lassen mit dem Ziel, Profite zu machen. Das bedeutet, dass die indigene Bevölkerung das Getränk zwar noch trinken darf, dass sie aber gebüsst würde, wenn sie es verkaufte, da der Konzern das Monopol dafür erworben hat. Das von der WTO eingeführte TRIPS-Abkommen über den Handel mit geistigen Eigentumsrechten ist für solche Zwecke ins Leben gerufen worden. Das geht so weit, dass Bauernfamilien z.B. in Indien ihr Saatgut teuer bei Gentechkonzernen wie Monsanto oder Novartis kaufen müssen, weil diese Konzerne die entsprechenden Patente auf die Pflanzen erworben haben. Demselben Abkommen ist es zu verschulden, dass Generika-Medikamente, das heisst billige Nachahmungen von Marken-Medikamenten, nur sehr beschränkt verkauft werden dürfen, obwohl sie leicht herzustellen sind und Tausenden von Menschen das Leben retten könnten. Das Recht auf Gesundheit wird dem Recht auf Profite unterstellt.

... oder das Wasser...

Nestlé kauft weltweit immer mehr Wasserquellen auf. Im Moment liegt der Marktanteil von Nestlé bei 17%, Tendenz steigend. Je weniger die Wasserversorgung durch die öffentliche Hand funktioniert – und das ist in vielen Ländern des Südens bereits der Fall – desto mehr profitiert Nestlé durch den Verkauf seines Flaschenwassers, das aber für viele unerschwinglich ist. Der Firmensprecher von Nestlé gibt dies sogar zu: «In den städtischen Zentren der Dritten Welt fehlt es an Trinkwasser. Unser Wasser ist ein günstiger Gebrauchsartikel. Aber es ist uns klar, dass nicht alle sich das leisten können.» (aus WoZ, 10. Juli 2003)
Die EU-Kommission hat innerhalb der WTO-Verhandlungen das Ziel, den europäischen Wasserkonzernen den ungehinderten Zugang zu neuen Märkten zu ermöglichen. Bereits im Mai 2002 konsultierte die EU die Firmen und wollte von ihnen Informationen darüber, welche Regulierungen in den einzelnen Ländern ihrer Meinung nach einen ungehinderten Marktzugang verhindern würden.

... oder die Nahrungsmittel und andere Agrarprodukte...

Hier wirken sich Handelsliberalisierungen besonders fatal aus. Die Länder mit einer starken Agro-Industrie fordern den freien Marktzugang auf allen Kontinenten. Häufig werden ihre Produkte gar durch Exportsubventionen künstlich verbilligt, beispielsweise in der EU oder den USA. So gelangen Weizen, Mais und Baumwolle zu Dumpingpreisen nach Indien, Afrika und Lateinamerika. Die dortige Produktion von Nahrungsmitteln kann nicht mehr mithalten und wird mehr und mehr eingestellt; die Bevölkerung muss sich für einen Hungerlohn in Fabriken der westlichen Konzerne anstellen lassen, die von den «praktischen» Billiglohnländern wiederum profitieren. Wo der freie Markt herrscht, wird grundsätzlich so billig wie möglich produziert. Ökologische, soziale und tierschützerische Aspekte gelten als Handelshemmnisse.

... die Doppelmoral der WTO...

Die Konsequenzen des «freien Handels» sind fatal, und verlogen daran ist zusätzlich, dass nicht für alle das Gleiche gilt, sondern dass wirtschaftlich mächtige Nationen, wie die USA, die EU oder die Schweiz (vertreten durch das seco unter Bundesrat Joseph Deiss, ohne Mitsprache des Parlaments oder der Bevölkerung) die Spielregeln nach ihrem eigenen Gusto aufstellen. Agrarsubventionen wären nach den WTO-Regeln eigentlich illegal. Doch die USA und die EU wären ohne sie auf dem Weltmarkt gar nicht konkurrenzfähig. Also nutzen sie ihre Vormachtstellung innerhalb der WTO und machen Absprachen unter sich, aus denen die VertreterInnen anderer Länder ausgeschlossen sind.

... antidemokratisches Funktionieren...

Die WTO kann nur funktionieren, weil in ihr solche antidemokratischen Entscheidungsformen gang und gäbe sind: Schlüsselentscheidungen werden hinter geschlossenen Türen ausgehandelt – unter Ausschluss derjenigen Länder, die dagegen sein könnten. Die Mehrheit der (armen) Länder hat keine Möglichkeit, Resolutionen vor ihrer Verabschiedung zu diskutieren, weil der Entwurf zu spät kommt oder nicht übersetzt wird. Zudem kommt die Unterstützung für eine Abmachung der WTO nicht selten durch Bestechung oder Erpressung zustande. Immer besteht auch die Drohung, dass Länder, die sich gegen eine Absprache stellen, keine Kredite des Internationalen Währungsfonds oder Entwicklungsgelder der Weltbank mehr erhalten. (aus: «Behind the Scenes at the WTO», von Fatoumata Jawara und Aileen Kwa, erschienen bei Zed Books, London 2003)
Und so verkaufen die USA und die europäischen Länder ihren Weizen zu Dumping-Preisen nach Indien oder Afrika. Die dortige Produktion von Nahrungsmitteln kann nicht mehr mithalten und wird mehr und mehr eingestellt; die Bevölkerung muss sich für einen Hungerlohn in Fabriken der westlichen Konzerne anstellen lassen, die von den «praktischen» Billiglohnländern wiederum profitieren.

... Kräftemessen der wirtschaftlich Starken...

Länder wie die USA, EU und die Schweiz wollen einerseits mit der WTO ihre eigenen Agrarsubventionen schützen und anderseits garantieren, dass sich die Grosskonzerne in den Ländern des Südens schamlos holen können, was sie brauchen. Und die WTO fördert, dass Grundrechte abgebaut werden: Wird ihre Forderung nach Liberalisierung von öffentlichen Dienstleistungen umgesetzt, sind Schulbildung, Zugang zu Gesundheitseinrichtungen, Versorgung mit Trinkwasser oder Strom keine Rechte mehr, sondern werden zu käuflichen Waren. Dabei ziehen auch die wirtschaftlich mächtigen Länder nicht immer am selben Strick, sondern prallen regelmässig bei der Frage aufeinander, wer von ihnen bereit ist, die eigenen Subventionen und Zollschranken abzubauen und ihre Märkte für Investitionen von ausländischen Konzernen, zum Beispiel im Dienstleistungsbereich, zu öffnen. Für alle gilt, dass sie selbst nicht dasselbe tun wollen wie das, was sie von den anderen fordern.

... mit verheerenden Konsequenzen

Plötzlich ist der freie Handel nicht mehr so klar. Klar sind jedoch die Konsequenzen dieses Machtkampfs für den grössten Teil der Menschheit: Hunger, Krieg, Ausbeutung und ein ökologisches Desaster.
Immer weniger Menschen sind bereit, die zerstörerische Politik der WTO hinzunehmen. In den Strassen von Cancún und in ganz Mexiko protestieren Hunderttausende von Bauern und Bäuerinnen, Indígenas, ArbeiterInnen, Studierenden, MigrantInnen und viele weiteren. Weltweit finden parallel dazu Mobilisierungen, Strassenblockaden, Proteste und Kundgebungen statt, so zum Beispiel in Bern am 11. September auf dem Waisenhausplatz.

Anti-WTO Koordination Bern, September 2003


DERAIL THE WTO – DIE WTO ENTGLEISEN

Anti-WTO Koordination
Postfach 7611
3001 Bern
 anti-wto@reitschule.ch
www.anti-wto.ch


 :: 3 Inhaltliche Ergänzungen : > Ergänze diesen Artikel (.onion )
  gute sache!
03.09.2003 20:34  
würde wirklich gerne kommen, doch leider bin ich recht weit von bern entfernt (was ja kein hinderniss wäre), doch es ist an einem donnerstag :/
hoffe eure demo wird ein erfolg

gruss


AutorIn: unky
  Sonderseite zur WTO online!
04.09.2003 00:09  
Sonderseite der PgG8 zur WTO Ministerkonferenz ab sofort online!
Kritik und Verbesserungsvorschläge bitte an obengenannte mail Adresse richten! Bitte verlinken und selber eigene links auf der Seite eintragen! Intesressierte an MOD rechten in unserem Newssystem können sich unter der selben Mail Adresse melden!

Sol. grüsse

PgG8


AutorIn: ANTI WTO | Web:: http://www.antiwto.ch.vu
  Mobilisierungen gegen WTO-Konferenz in Cancún
04.09.2003 12:49  
Mobilisierungen gegen WTO-Konferenz in Cancún

Von Andreas Behn

(Berlin, 27. August 2003, npl).- Mit Bedacht wählten die Verantwortlichen der Welthandelsorganisation WTO das mexikanische Karibikbad Cancún zum Austragungsort ihrer 5. Ministerkonferenz. Im Gegensatz zum letzten Gipfeltreffen im abgeschiedenen Dakar vor zwei Jahren wird es hier, in einem Schwellenland zwischen den USA und dem Unruheherd Chiapas, zwar bestimmt Proteste geben. Doch ein Debakel wie 1999 in Seattle, wo Demonstrationen und Blockaden dazu beitrugen, die Konferenz scheitern zu lassen, soll unbedingt vermieden werden.
Cancún ist eine kleine Touristen-Stadt auf der Halbinsel Yucatán, die für ihre imposanten Mayaruinen und lange türkisfarbene Strände bekannt ist. Der Teil Cancúns aber, in dem sich vom 10. bis 14. September die WTO-Minister und Experten zusammen finden werden, liegt auf einer vorgelagerten Landzunge, einem kilometerlangen Strandstreifen zwischen einem Binnensee und dem karibischen Meer, auf dem ein Luxushotel neben dem anderen steht und in deren Mitte ein pompöses Kongresszentrum liegt. Es gibt nur zwei Wege in die Hotelzone, die problemlos abgesperrt werden können und schon weit vom Tagungsort entfernt wird für all jene, die keinen Passierschein haben, kein Durchkommen mehr sein.
Keine leichte Ausgangslage für die mexikanischen "Globalocríticos", die Gegner der Globalisierung und Liberalisierung nach WTO-Doktrin. Sie kündigten an, zusammen mit Unterstützern aus aller Welt den "Zug der WTO zum entgleisen" zu bringen. 20.000 Protestler werden erwartet, die meisten aus Mittel- und Nordamerika, vielleicht 2.500 aus Europa und wahrscheinlich nur wenige aus Afrika. Die größte Gruppe innerhalb der Protestbewegung werden mit rund 10.000 Aktivisten die Bauern sein. Aus Gewerkschaftskreisen werden 2.000, knapp die Hälfte noch mal aus der Umweltbewegung erwartet.
Im Zentrum der "globalen Aktionswoche", die vom 7. bis 14. September stattfinden wird, steht in Cancún das "Foro de los Pueblos", eine Art Sozialforum, auf dem ab dem 10. September Veranstaltungen und Aktivitäten zu Themen wie Privatisierung, Lage der Indígenas oder Krieg stattfinden werden. Für den 9. September rufen die Veranstalter hier und in allen Städten der Welt zu Protestaktionen auf, um das WTO-Spektakel überall zum Thema zu machen. Am 13. sollen in Cancún und anderswo große Demonstrationen stattfinden.
Der internationale Dachverband von Landarbeiterorganisationen Via Campesina wird schon am 8. und 9. September ein eigenes Forum in Cancún ausrichten. Gleichzeitig wird es ein internationales Frauenforum geben und Veranstaltungen sowie einen Markt zum Thema "Was ist fairer Handel". Noch zeitiger finden sich die Medienmacher ein, die vom 1. bis 7. September alternative Medientage veranstalten, um eine eigene Berichterstattung über das Geschehen vor Ort zu ermöglichen. Mit Spannung wird erwartet, in welcher Form die Zapatisten an den Aktivitäten teilnehmen, die vergangenen Monat ihr Auftreten in Cancún angekündigt haben. Auch wenn die Planung all dieser Initiativen durchaus schleppend und etwas chaotisch vorangeht, herrscht vor Ort Optimismus, dass Anfang kommenden Monats alles für die Ankunft Tausender Aktivisten organisiert ist - von Unterkünften in Zeltlagern bis hin zu einem Ermittlungsausschuss für diejenigen, die Ärger mit der Polizei bekommen.
Unterdessen setzen Hotelbesitzer und Politiker vor Ort auf Panikmache. In den meisten Medien Mexikos wird eine riesige Randale herbeigeredet, den Chaoten müsse unbedingt Einhalt geboten werden, so der Tenor. Bisher gibt sich Cancúns Bürgermeister Juan García Zalvidea noch gelassen und verspricht, dass es keine brutale Repression wie vor zweieinhalb Jahren geben werde - damals waren Hunderte Protestler gegen ein Treffen des Weltwirtschaftsforums von der Polizei zusammengeschlagen worden.
Auch die Regierung Mexikos scheint sich große Sorgen zu machen und erließ extra für die WTO-Konferenz neue Visabestimmungen. Alle, die zum Tagungsort wollen, müssen jetzt ein offizielles Arbeitsvisum mit Foto und Fingerabdruck beantragen. Protest von NGOs und der Presse halfen bisher nichts gegen diese Maßnahme, mit der verhindert werden soll, dass unliebsame Personen dem Geschehen zu nahe kommen. Auf einer Geheimdienstliste, die jüngst in der Presse durchsickerte, ist auch schon zu lesen, wer als "gefährliche Aktivisten" eingestuft wird - unter anderem die Schriftstellerin Naomi Klein, ATTAC-Gründer Bernard Cassen und die Leiterin der grünen Böllstiftung in Mittelamerika, Silke Helferich.
Hilfreicher als solche who is who-Listen dürfte für die ängstlichen Veranstalter die Tatsache sein, dass die Gegenaktivisten in Mexiko recht zerstritten sind. Es gibt verschiedene Vorbereitungsgruppen, die manchmal eher gegen- als miteinander arbeiten, immer wieder werden Vorwürfe laut, dass einige zu bereitwillig Gelder und Hilfestellungen von der mexikanischen Regierung angenommen hätten oder der falschen politischen Partei angehöre. Auch das Vorgehen gegen die WTO-Konferenz selbst wird konträr diskutiert. Die einen wollen inhaltlich eine Alternative aufzeigen, andere meinen, dies sei längst geschehen aber offenbar wirkungslos - deswegen müsse die WTO abgeschafft und das Stelldichein in Cancún mit allen Mitteln verhindert werden.


Mexikos Weltmarkt-Öffnung nutzt der Bevölkerungsmehrheit wenig

Von Gerold Schmidt

(Mexiko-Stadt, 2. September 2003, npl).- "Kein anderes Land auf der Welt hat so viele Freihandelsverträge abgeschlossen wie Mexiko", verkündete stolz im Sommer 2000 Mexikos damaliger Präsident Ernesto Zedillo, fast so, als ob solche Verträge ein Wert an sich wären. Mit dem Ende von Zedillos Amtszeit im selben Jahr endete auch die über 70-jährige ununterbrochene Herrschaft der Revolutionären Institutionellen Partei (PRI), einerPartei, die nach langer Abschottung der Wirtschaft seit Beginn der 80er Jahre einen rasanten Öffnungskurs gegenüber dem Weltmarkt und vor allem der US-Ökonomie in die Wege leitete.
Unter dem ehemaligen Coca Cola-Manager Vicente Fox und seiner konservativen Partei der Nationalen Aktion (PAN) herrscht zumindest in Sachen Wirtschaftspolitik Kontinuität. Immer wieder verweist Präsident Fox auf den Status Mexikos als bedeutende Exportnation. Auch Landwirtschaftsminister Javier Usabiaga hat als Agrarindustrieller wenig Verständnis für die mexikanischen Kleinlandwirte oder deren Subsistenzpoduktion. Wer im NAFTA-Rahmen nicht effizient produziere, solle sich besser anderen Dingen widmen. Die Regierung wolle die "ländliche Bittstellergesellschaft" hinter sich lassen, so das Credo von Usabiaga.
So hält auch der heutige Außenminister und vorherige Wirtschaftsminister Luis Ernesto Derbez weitere Handelsöffnung für untentbehrlich, um international wettbewerbsfähig zu sein. Tatsächlich kann in Sachen Freihandels- und Wirtschaftabkommen kaum ein anderes Land Mexiko das Wasser reichen. Elf solcher Verträge hat Mexiko auf bi- und multinationaler Ebene bereits abgeschlossen. Sie beziehen 32 Länder und drei Kontinente ein. Dabei kommt dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen NAFTA eine herausragende Bedeutung zu. Derzeit werden Verhandlungen mit Japan, Brasilien und Argentinien geführt. Panama, Singapur und osteuropäische Länder stehen auf der Wunschliste für weitere Freihandelsabkommen.
Kontinuität von Freihandel und Liberalisierung heißt in Mexiko auch, den Druck auf noch staatliche Bereiche zu erhöhen. Derbez Nachfolger im Wirtschaftsressort, Fernando Canales, sprach im Mai aus, was sein Präsident bisher noch dementiert: Eine "Öffnung" des Stromsektors dürfe kein Tabu sein. Öffnung ist in den vergangenen Jahren stets die euphemistische Umschreibung für Privatisierung gewesen. Und Privatisierung unter dem Leitbild von Freihandel und Öffnung hat mittelfristig oft zur Kontrolle einheimischer Branchen durch ausländische Großunternehmen geführt. Ein Beispiel sind die Banken, die sich inzwischen fast ausnahmslos in der Hand US-amerikanischer und europäischer Geldinstitute befinden. Auch die Ölindustrie ist wieder im Gespräch.
So sehr sich mexikanische Regierungspolitiker als Freihandelsverfechter präsentieren mögen, die Realität im eigenen Land straft ihre Theorien und Prognosen in mehrfacher Hinsicht Lügen. Obwohl immer wieder betont wird, Freihandelsabkommen böten die Möglichkeit, die Exportmärkte zu diversifizieren, ist dies in Mexiko nicht der Fall. Für Mexiko ist der NAFTA ausschlaggebend, denn fast 90 Prozent des mexikanischen Außenhandels werden mit den USA abgewickelt. Die anderen Freihandelsverträge, einschließlich desjenigen mit der Europäischen Union, konnten bisher in keiner Weise ein Gegengewicht bilden. Der NAFTA selbst ist von den Regierenden mit Hinweis auf makroökonomische Ziffern als Erfolgsmodell beschrieben worden.
Tatsächlich sind die bis zum Jahr 2000 zweistelligen Zuwachsraten im Handel mit den USA auf den ersten Blick imponierend. Doch das schöne Bild von der Exportwirtschaft und ausländischen Direktinvestitionen als Wachstumsmotoren für die gesamte Volkswirtschaft entspricht nicht der Wirklichkeit.
Eine Diversifizierung von Exportgütern ist ausgeblieben. Die Maquila-Industrie funktioniert weitgehend unabhängig von einheimischen Produktionsketten und der Anteil der lokalen Wertschöpfung liegt bei dieser Teilfertigungsindustrie seit Jahren konstant unter 5 Prozent. Es ist jedoch dieser Sektor, der knapp die Hälfte des Exportvolumens ausmacht. Die Krise der Maquilas in den Jahren 2001/2002 zeigte zudem, wie anfällig das Exportmodell ist: Innerhalb von zwölf Monaten verließen 350 Maquila-Unternehmen das Land, die meisten in Richtung China. Im Übrigen hat Mexiko insgesamt eine negative Handelsbilanz. Selbst nach der offiziellen Logik würde das Land im Freihandel also unter dem Strich den Kürzeren ziehen.
So hat sich die Hoffnung auf ein Durchsickern des Exportwachstums auf den Binnenmarkt auch nicht erfüllt, da 300 Unternehmen etwa 90 Prozent der mexikanischen Exporte kontrollieren. Und nicht einmal aus den ausländischen Direktinvestitionen kann die heimische Wirtschaft wirklichen Nutzen ziehen, da die Gewinne meist zu den Konzernsitzen ins Ausland rücktransferiert werden. Diese beiden Aspekte zeigen, dass das Arbeitsplatzargument bei der Befürwortung des Freihandels nicht sticht. Bei überwiegend stagnierenden und auf die letzten zehn Jahre bezogenen sogar gesunkenen Reallöhnen sind keine Arbeitsplätze geschaffen worden, sondern vielmehr verloren gegangen. Kritiker machen die auf einige Bereiche konzentrierte Exportorientierung und eine damit verbundene "Ent-Industrialisierung" anderer Branchen für diese Pleiten und den Verlust von Arbeitsplätzen verantwortlich.


Zutritt zur touristischen Zone in Cancún eingeschränkt

(Cancún, 25. August 2003, adital-poonal).- Für die Sicherheit des vom 10. bis 14.September stattfindenden fünften Ministertreffen der Welthandelsorganisation WTO wird das staatliche Spezialgremium Estado Mayor Presidencial (EMP) verantwortlich sein. Gemeinsam mit dem WTO-Organisationskomitee legte das EMP nun fest, dass ausschließlich Personen mit einem Ausweis, der über ein Photo und einen Strichcode verfügt, Zugang zur touristischen Zone bekommen sollen.
Juan Ignacio García Zalvidea, der Bürgermeister von Cancún ließ außerdem wissen, dass der Luftraum und der Raum für Seeschifffahrt am Sitz des Forums und dort wo sich die Hotels der Minister und Repräsentanten der 146 Länder befinden, eingeschränkt sei. Nach Informationen aus dem Kreis der Organisatoren des Gegenforums soll das WTO-Treffen durch vier Sicherheitsringe geschützt werden. Im Veranstaltungsort Centro de Convencion sollen sich Beamte von Interpol und FBI aufhalten, die unmittelbare Nähe werde direkt vom EMP kontrolliert, ein dritter Ring solle aus Einheiten der föderalen PFP (Policía Federal de Prevención) und der bundesstaatlichen SSP (Secretaría de Seguridad Pública) bestehen. An den beiden einzigen Zugängen zur Hotel-Halbinsel werden demnach Polizisten der örtlichen Policía Municipal stehen.
Der Vorsitzende des mexikanischen Arbeiterbündnisses CTM (Confederación de Trabajadores de México), Isidro Santamaría sagte, dass selbst die Personen, die im Besitz eines Ausweises seien, rigorosen Kontrollmaßnahmen unterzogen würden, bevor sie zu ihren Arbeitsplätzen gelangten. Tausende von Angestellten der Tourismusbranche müssten sich auf die Veränderungen einstellen, die von Seiten der Gemeinde- und staatlichen Behörden veranlasst werden.
Bürgermeister Juan Ignacio García Zalvidea teilte mit, dass die Kommune drei Millionen Pesos nur für die Bereitstellung von Lautsprecheranlagen, WCs, Duschen, die Versorgung mit Trinkwasser, Prospekten und Schildern ausgeben könnte, um die Teilnehmer des Gegenforums "Foro de los Pueblos" zu versorgen.
Während eines Treffens zwischen Vertretern des WTO-Treffens und des Gegenforums wurde darüber gesprochen, dass auf Anordnung des Nationalen Migrationsbehörde (INM) alle Teilnehmer aller Veranstaltungen der WTO sowie deren Kritiker 100 Dollar für ein Visum bezahlen müssten, das ihnen die Einreise ins Land ermögliche. Carlos Núñoz Fernández, der Repräsentant der Gruppe Comité de Bienvenido, das das "Foro de los Pueblos" organisiert, sagte, dass die Behörden die Arbeit boykottieren würden, indem sie Auflagen für die Einreise wichtiger Personen von Nicht-Regierungsorganisationen angeordnet hätten.


Angst vor der Antiglobalisierungsbewegung

(Montevideo, 22. August 2003, comcosur).- Im Vorfeld des WTO Ministertreffens in Cancún schafft die mexikanische Regierung Stimmung gegen 60 bekannte Globalisierungsgegner. Unter ihnen sind der Franzose José Bové und der Amerikaner Noam Chomsky. Das Treffen findet zwischen 10. und 14. September in Cancún statt.
Laut der mexikanischen Tageszeitung Reforma existieren Geheimdienstdokument mit "Karteikarten" von führenden Persönlichkeiten, die als radikal angesehen werden und an den Protesten und Unruhen von vorherigen WTO-Gipfeln beteiligt gewesen sein sollen. Darunter sind "die Chefs der italienischen Gruppe Monos Blancos", indígene Führer aus Ecuador, Mitglieder der Landlosenbewegung MST aus Brasilien und Repräsentanten von kanadischen Nichtregierungsorganisationen zu finden. Die Zeitung nennt weiter den amerikanischen Wissenschaftler Noam Chomsky, Barbara Stocking, die Direktorin von Oxfam Großbritannien, den ehemaligen kubanischen Wirtschaftsminister Osvaldo Martínez, die kanadische Journalistin Naomi Klein, Lori Wallach von der US-amerikanischen NGO Global Trade Watch, Peter Rosset von der Organisation Food First, die Honduranerin Rafael Alegría der internationalen Bauernorganisation Vía Campesina, den baskischen Ökologen Iñaki García und Walden Bello aus den Philippinen, den Direktor der NGO Focus on the Global South.

Poonal Nr. 588
Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen vom 2. September 2003  http://www.npla.de/poonal/aktuell.html


AutorIn: Poonal
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